Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ihm bekannt schien. Das schlaue verschmitzte Gesicht war ihm schon begegnet. — Es konnte kein Zufall sein, daß dieser Mensch sich hier und gerade in der Nähe jener Frau befand. Er erinnerte sich plötzlich all der pikanten Geschichten,, die die Herren sich auf Wysoka erzählt hatten, ein leichter Wink mit der Hand, und im Nu war der Mann an seiner Seite. „Wer ist die Dame?" flüsterte er ihm zu. . „Fräulein Emilia Wolkowska... „Emilia Wolkowska heißt sie?" „Ja! Sie ist nur auf einige Stunden hergekommen, sie wohnt aus dem Lande...." „Ich möchte sie kennen lernen," sagte Grosser nachdrücklich. In diesem Augenblicke hatte sich Agathe erhoben und stand neben Grosser. Sie blickte verwundert den Mann an, mit dem er gesprochen hatte. Er verstand ihren fragenden Blick. — „Ein Kommissionär, von dem ich erfahren wollte, wie lange der Gottesdienst noch dauere...." „Nun?" „Bis tief in die Nacht hinein!" „O, und ich bin so entsetzlich müde!" — „Wollen wir nach Hause fahren?" „Ja!" sagte sie mit einem Atemzug der Erleichterung und nahm seinen Arm. Sie traten in die weite Pforte der Kirche. Ein Strahl der untergehenden Sonne fiel durch die geöffnete Tür und umgab das Haupt der jungen Frau wie mit einem Glorienschein. In diesem Augenblick erbrauste hehrer Orgelklang durch die Kirche, und sie verließen diese in nachdenklicher Stimmung. Einige Wochen später neigte sich Agathe Steinfels zum Fenster einer Portierswohnung und erkundigte sich nach der Wohnung von Frau Sofie Reimers. „Eine Treppe hoch, rechts," lautete die Antwort — „über die Hintertreppe." Mit diesem Bescheide versehen, wendete die .Dame sich nach dem Hofe und stieg die steile Treppe empor, die zur Wohnung von Frau Reimers führte. — Wenige Minuten später stand sie einer Frau gegenüber, die, anstatt sie in der üblichen Form zu begrüßen oder nach ihrem Begehr zu fragen, sie mit weitaufgeriffenen Augen anstarrte. „Entschuldigen Sie, habe ich das Vergnügen, Frau Reimers?" „Warum kommen Sie durch die Hintertreppe, warum gehen Sie nicht vorne herauf?" „Aber der Portier sagte mir doch, daß man zu Ihnen..." „Wollen Sie denn nicht zu Doktor Saulmann?" „Zu Doktor Saulmann? Nein, durchaus nicht, ich habe nicht die mindeste Veranlassung, dem Herrn Doktor einen Besuch zu machen, ich komme zu Ihnen, mein Name ist..." „Bitte treten Sie näher" .. . unterbrach die Angeredete, die sich inzwischen gefaßt hatte, jetzt Agathe. „Ich glaubte... es war mir doch... aber das muß ein Mißverständnis sein..." Ihrem Auge schwebte eine zarte, schüchterne Gestalt vor, die vor einigen Wochen an der Korridortür vorn geklingelt hatte und der sie geöffnet hatte .. . Und merkwürdig, täuschten sie Auge und Ohr, diese Dame da vor ihr hatte etwas in ihrem Antlitz, das sie lebhaft an jenes hübsche Mädchen erinnerte, und nun vollends die Stimme vervollständigte die Täuschung, die ihre augenblickliche Verblüffung hervorgerufen hatte. „Verzeihen Sie, gnädige Frau — — eine Ähnlichkeit frappierte mich.-Es ist ein Mißverständnis..." „O, bitte, dergleichen kann .Vorkommen. Und wMn ich Ihnen jetzt sagen werde, wer ich bin, wird Ihre Üeberraschung vielleicht nicht minder groß sein, obwohl,Ihnen mein Besuch sicherlich bereits vor längerer Zeit-angemeldet . . ." . „Frau Steinfels," rief die andere aus, „Frau Steinfels!" und in tiefer Bewegung streckte sie ihr. beide; Hände entgegen — — — •'; „So ist es, Agathe Steinfels, und ich bringe Ihnen Grüße und Nachrichten von Ihrem Manne, den ich noch vor einigen Wochen persönlich . . ." „O, ich danke . . . ich danke . . . ich weiß, wie gut . . ." heftiges Schluchzen unterbrach ihre Worte — — — Agathe . stand dem Ausbruch dieses Schmerzesteilnahmsvoll gegenüber. Sie wußte, -was diese Frau gelitten hatte, was sie noch litt . . . Zum erstenmal seit der Flucht ihres Mannes stand sie jemandem gegenüber, der ihn gesehen,, gesprochen hatte, der in wohlwollender Absicht zu ihr kam . .;. Agathe ließ sie sich ruhig ausweinen, ehe sie Versuche machte, sie zu beruhigen. Sie waren während dieser Szene in der Küche, die sie zuerst betreten hatte, stehen geblieben. Wie sauber und wie nett sah alles aus! Alle Utensilien mit jener sorgsamen Gewissenhaftigkeit gehalten, die aus der Angst vor dem Verbrauch und der Beschädigung der Gegenstände herrührt, die man fürchtet, nicht ergänzen zu können! Und das alles besorgte die in Reichtum und Behagen auferzogene Frau allein! — Von den verschwiegenen Kämpfen dieser Frauenseele, aus der Leideinsamkeit dieses zerstörten Hauses, war sicher nichts hinausgedrungen in die Welt. — Auch jetzt suchte Frau Reimers sich zu fassen. „Verzeihen Sie . . ." „Ich bitte Sie, liebe Frau Reimers, Ihre Bewegung ist so natürlich ... Vor mir brauchen Sie sich keinen Zwang anzutun... ich bin durch die Umstände die Vertraute ihrer Leiden geworden. Ihr Mann hat uns die Geschichte Ihres Unglücks erzählt als er uns in Valentinowa aussuchte, nachdem ein glücklicher Zufall es gefügt, daß mein Mann an der Grenze ihm nützlich sein konnte — — betrachten Sie mich, trotzdem Sie mich das erstemal sehen, als Ihre Freundin." „Ich danke Ihnen!" sagte sie einfach. „Und wann gedenken Sie7 Ihrem Manne zu folgen?" „Sein alter Vater hält mich hier zurück . . „Ist er sehr gebrechlich?" „Sehr! Der Arzt glaubt nicht, daß er den Winter überstehen kann, Und das ist der Grund, weshalb ich dem Andrängen "meines Mannes, zu ihm zu kommen, nicht nachgebe. Soll ich den Armen verlassen? Soll niemand, der ihm zugehört, ihm die Augen zudrücken? Niemand bei ihm sein in seiner letzten Stunde?" „Sie haben Recht, Frau Reimers!" „Und es geht ihm wirklich gut, wie er schreibt?" „Es geht ihm gut! Es war nicht schwer, als er erst eine kleine Stellung gesunden hatte, seine. Chefs für ihn zu interessieren. . ." „Und das alles danken wir Ihnen?" „Sprechen Sie doch nicht davon!- Ist es nicht selbstverständlich, daß man sich gegenseitig hilft? Würden Sie und Ihr Mann nicht in gleicher Lage. das Gleiche getan haben?" „Und ... und wie sieht mein Mann aus? Ist er gesund?" „Ganz gesund, und er hat sich in den geordneten Verhältnissen rasch erholt... es läßt sich überhaupt dort leben . .. Ich denke, auch Sie werden sich dort behagen." „Ich bitte Sie, Frau Steinfels, denken Sie doch nur daran: eine Frau, die das, was ich erlebt hat, ist gücklich dort, wo