Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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M 440 griffe parlamentarische Formeln Hinweisen, von einer Präsidentenwahl sprechen zu können usw. Wie gesagt, wir wollen und können uns weder für noch gegen die Annahme Sülzbergers erklären. Tatsache aber ist, daß die Gemeinde bei den Juden in Palästina eine große Rolle spielte, und daß das Majoritätsprinzip bekanntlich sogar in religiösen Fragen von ausschlaggebender Bedeutung war. Man braucht ja bei einem altjüdischen Parlament nicht gleich an ein Parlament zu denken, das, wie die heutigen Parlamente, gewühlt worden, mit Befugnissen wie unsere heutigen Volksvertretungen ausgestattet gewesen wäre. Ja man braucht nicht einmal an ein eigentliches palästinensisches Reichsparlament zu denken, sondern eher an eine in jeder Stadt oder Gemeinde zu findende Vertretung der Bevölkerung, die aus den „Lekemm" (Aeltesten) und hervorragenden Persönlichkeiten bestand, und „Am haaretz" genannt wurde. Bei dem gänzlichen Mangel an Dokumenten über das innerpolitische Leben in der biblischen Zeit" wird es schwer halten, eine jeden Zweifel beseitigende Bestätigung der Sulzbergerschen Theorie zu finden. Es läßt sich nur aus zahlreichen Stellen in der Bibel auf solche Vertretungen des Landes schließen, und diese würden zweifellos nicht nur dem Wesen des Judentums und der Veranlagung der Juden, wie wir sie aus der Bibel kennen, und wie sie sich mehr oder weniger bis auf den heutigen Tag vererbt hat, nicht widersprechen, sondern in hohem Maße entsprechen. Die Bibelforscher haben nun das Wort zu der aufgeworfenen interessanten Frage. K. E Dir jemenitilchrn Juden. Von Dr. S. Feist. eben den Falaschas, den in Abessinien ansässigen Inden von noch unaufgeklärter Rassezugehörigkeit und höchst altertümlichen Religionsgebräuchen, beanspruchen die jemenitischen Juden, b. h. unsere im Südwesten Arabiens, dem sogenannten Jemen, wohnenden Glaubensgenossen in besonderem Maße unser Interesse. Ihre Zahl soll 40 000 betragen, wovon über 3000 in der englischen Kolonie Aden wohnen. Obwohl dieser Hafen auf einer vielbesuchten Reiseroute liegt, so haben wir bis jetzt noch immer keine genaue Kunde von dem physischen Habitus der jemenitischen Juden. Aeltere Nachrichten über ihre Sitten und Gebräuche kamen nach dem Abendland durch den Jerusalemer Forschungsreisenden Jacob Saphir, der sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts einige Jahre unter ihnen aufhielt; ferner durch Joseph Halevh aus Paris, der sie im Jahre.1869 besuchte, und durch v. Maltzan in seinem Werke: Reise nach Südarabien, Braunschweig 1872, sowie durch verschiedene Einzelaufsätze in Zeitschriften. Alle diese Forscher beschäftigten sich fast nur mit den religiösen Gebräuchen und der ökonomischen Lage der südarabischen Juden, legten aber der Frage nach ihrer Abstammung durch genaue Untersuchung ihrer Körperbeschaffenheit kein Gewicht bei. Ihrer eigenen Angabe nach stammen sie von Juden ab, die nach der ersten Tempelzerstörung nach Jemen geflohen sind. Bekannt ist, daß die Juden vor der Zeit von Mohammeds Auftreten in religiöser und politischer Beziehung eine bedeutende Rolle in Arabien gespielt, ja sogar ein jüdisch- Himjaritisches Königreich in Jemen begründet hatten. Als der . Islam sich auszubreiten begann, wurden die nordarabischen; Juden vertilgt oder vertrieben, und die Entflohenen wandten sich zum Teil wohl nach Jemen. Der Umstand, daß die südarabischen Juden, im Gegensatz zu den Falaschas, den Talmud kennen und von den allgemein verbreiteten Riten des Judentums nicht wesentlich abweichen, spricht für eine ununterbrochene Fühlung und Beziehung wenigstens zu den morgenländischen Juden. Seit etwa 30 Jahren macht sich unter ihnen ein starker Auswanderungstrieb bemerkbar, dessen Ziel vornehmlich Palästina ist. Jemenitische Gemeinden befinden sich jetzt in Jerusalem, Jaffa und überall sonst in Palästina sowie auch in Kairo. In Jerusalem ist ihre Zahl auf 2000 Seelen gestiegen. Sie leben dort als Tagelöhner, Fabrikarbeiter, Manuskriptenschreiber (Sophrim), Handwerker aller Gewerbe unter bescheidenen Lebensansprüchen in einem eigenen Viertel. Ihre Armut ist so groß, daß sie nicht die Mittel haben, sich gedruckte Bibeln zum Unterricht ihrer Kinder zu kaufen, trotzdem die Bücher in Jerusalem billig sind. Die Schüler lernen vielmehr aus wenigen geschriebenen Büchern, um die sie im Kreise sitzen, so daß ein Teil von ihnen die Schrift nur umgekehrt sieht; deshalb lernen sie dieselbe auch in dieser Weise lesen. Ihre Aussprache des Hebräischen nähert sich mehr dem aschkenasischen als dem sephardischen Modus, was sie von den anderen asiatischen Juden unterscheidet?) Die Ursache dieser abweichenden Aussprache ist schwer zu erklären. Woher stammt die osteuropäische Aussprache des Hebräischen bei den Jemenitern, da sie doch Jahrhunderte isoliert waren? Bemerkenswert ist, daß sie eine große Zahl von eigenartigen Volksliedern in hebräischer Sprache besitzen, die sie bei ihren Familienfesten singen. Im Gegensatz zur Lernbegier der Männer steht die totale Unwissenheit der Frauen, die aber im übrigen eine geachtete Stellung einnehmen und charakteristischerweise in den Synagogen keine besondere Abteilung für sich haben. Die vorstehend mitgeteilten Tatsachen waren bereits früher bekannt; neu aber sind die Forschungsergebnisse, die Dr. S. Weißenberg in der „Zeitschrift für Ethnologie" 1909, Heft 3 und 4 über den physischen Habitus der jemenitischen Juden mitteilt. Seine Untersuchungen wurden an 78 Männern und 14 Frauen der Jerusalemer Jemeniten- Gemeinde vorgenommen. In ihrer äußeren Erscheinung gleichen sie auffallend den osteuropäischen, sogenannten polnischen Juden und tragen auch wie diese gut gepflegte Paies (Seitenlocken), eine übrigens uralte vorderasiatische Sitte, die sich bereits aus hettitischen Reliefdarstellungen zeigt und noch jetzt bei palästinensischen Beduinen und den Fellachen des Hauran erhalten ist. Aber bei genauerem Zusehen unterscheiden sie sich doch wesentlich von den osteuropäischen Juden in ihrer Körperbeschaffenheit. Zunächst ist ihre Körpergröße im Durchschnitt nur 159,4 Zentimeter beim Mann, 146,7 Zentimeter bei der Frau, während die Messungen, die Dr. Weißenberg schon früher in Südrußland ausgeführt hatte, 165,1 Zentimeter beziehungsweise 153,6 Zentimeter bei den Juden aufweisen. Die jemenitischen Juden sind also kleiner als die europäischen. Ihre Haut- und Augenfarbe ist durchweg dunkel, die Haare meist ganz schwarz. Es gibt keine blonden Juden in Jemen, während es in Südrußland bereits 10 Prozent blonde Männer, 5 Prozent blonde Frauen und 58 Prozent bezw. 68 Prozent Brünette gibt. Dies Verhältnis verschiebt sich in Westeuropa, speziell in Westdeutschland, noch wesentlich zugunsten des helleren y Nach den Angaben des Jacob Saphir weicht die hebräische Aussprache der jemenitischen Juden sowohl von der sephardischen . als auch der aschkenasischen Mundart ab, und es dürfte nicht ausgeschlossen sein, daß die alte Aussprache des Hebräischen sich unverfälscht bei ihnen erhalten hat. Wir kommen gelegentlich auf dieses Thema zurück. Die Red. c,\4' i