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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-10 · Heft 37 (10.9.1909) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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Rabbinern. Zu ihnen kommt, wer irgendwie einmal mit dem Talmud in näherer oder entfernterer Beziehung gestanden hat, wessen Vater oder Großvater sich einmal Rabbiner hieß, aber auch der Handwerksbursche, der stellenlose und der verunglückte Kaufmann, wie nicht minder auch diejenigen, die soeben aus einem Krankeühause oder auch, nach ihren eigenen Angaben, aus einem Jrrenhause oder einer Strafanstalt entlassen worden sind. Sie kommen um Arbeitsgelegenheit, um Reisegeld, um Nahrung und Kleidung, oder auch um ein Darlehen, für welches sie irgend ein Pfand dalassen wollen. Sie kommen zu jeder Tageszeit und zuweilen auch noch Nachts kurz vor Toresschluß mit der Erklärung, daß sie kein Schlafgeld haben. Schwieriger als diese, durch kleinere Gaben zu erledigenden Fälle sind jene gar nicht seltenen, in denen für größere Beträge zu sorgen ist, für die Mitgift oder die Aussteuer einer Braut, für die Studienkosten eines jungen Mannes, für den Unterhalt stellenloser oder sonst in Bedrängnis geratener , Kultusbeamten, für mannigfache Notstände achtbarer Familien, darunter auch solcher, die aus anderen Gemeinden hierher sich wenden und im Hinblick auf ihren Namen oder auch aus anderen Gründen Berücksichtigung verdienen. In solchen schwierigen, eine diskrete Behandlung erfordernden Angelegenheiten müssen dann wohlhabende und zugleich wohltätige Privatpersonen persönlich oder schriftlich um ihren Beistand angegangen werden. Solche Gänge zu gehen, erfordert oft eine große Ueberwindung. Und welche bittere Erfahrungen aus ihnen zu erleben sind, davon wollen wir lieber schweigen. Allen an die Rabbiner gerichteten Ansprüchen können diese natürlich nicht entsprechen. Das kann ja selbst die reich aus gestattete Armenkommifsion und das können auch die anderen großen Hilfsorganisationen nicht. Aber während deren Entscheidungen als etwas Unabwendbares ruhig hingenommen werden, hat der Rabbiner, von dessen eigener Leistungsfähigkeit, wie von der Größe der ihm zur Verfügung stehenden Hilfsmittel viele Bittsteller ganz überschwängliche Vorstellungen haben, trotz aller Darlegungen, daß er weiteres nicht tun könne, häufig dieselbe Bitte in immer dringlicherer Form sich wiederholen zu hören und für deren Versagung es hinzunehmen, daß an den verschiedensten Orten über seine Unzugänglichkeit oder seine Hartherzigkeit geklagt wird. Und da begreiflicherweise die von ihm Unterstützten oder Bedachten über seine Leistungen schweigen, so ist es sehr wohl zu verstehen, daß in weiten Kreisen ein falsches Bild davon entsteht und viele gleich Eska von der Fürsorgetätigkeit der Rabbiner für die Armen überhaupt keine Kenntnis erhalten. Ebenso falsch ist die Vorstellung, die Eska von den weiteren Verhältnissen der Rabbiner hat, insbesondere, daß diese von rein äußerlichen Betätigungen so sehr in Anspruch genommen seien, daß ihnen wenig Zeit für geistige Tätigkeit, für ihre wissenschaftliche Fortbildung und Arbeit und die seelsorgerische Tätigkeit überhaupt bleibe. Und der Kollege aus der Provinz, der in Nummer 34 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" sich zu dem Gegenstände äußert, hätte ihm solche Behauptungen nicht gutgläubig nachsprechen dürfen. Er hätte aus seinen und anderer Erfahrungen wissen müssen, daß die Tätigkeit eines Rabbiners überhaupt vielfach nicht gekannt, oder unterschätzt wird, sowohl die geistige Arbeit, die seinen Predigten, Vorträgen und literarischen Leistungen zugrunde liegt, wie auch die praktische Arbeit, die er im Unterrichte, in der Seelsorge und aus den verschiedenen Gebieten, in denen man an ihn sich wendet, zu leisten hat. Bei dem Ausdrucke Seelsorge darf man allerdings nicht gerade an den Sinn des Wortes Seele und ihre Bedürfnisse denken, wie das seitens des Herrn Schapira in Nr. 34 d. Bl. geschieht. Seelsorge bedeutet einfach die Fürsorge für die religiösen und persönlichen Angelegenheiten einzelner. Es^ist eine Bezeichnung, gegen die sich — ebenso wie gegen die Verwendung des Wortes Geistlicher — mit Recht mancherlei einwenden läßt. Aber sie ist nun einmal die allgemein übliche Bezeichnung und muß deshalb in Ermangelung einer besseren und zutreffenderen auch für die hierher gehörige Tätigkeit der Rabbiner angewendet werden. Die sogenannte Seelsorge umfaßt in erster Linie die Fürsorge für Arme, aber auch diejenige für die verschiedenartigsten andern Angelegenheiten, mit denen Juden, wie Nichtjuden sich an ihre Geistlichen zu wenden pflegen. Und auch Berlin macht darin keine Ausnahme. Es gibt da allerdings Tausende von Leuten, die dem religiösen Leben vollkommen fern stehen und den Rabbiner so wenig, wie eine Synagoge kennen. Es gibt da — geradeso wie in den Provinzgemeinden —, noch eine größere Anzahl solcher, die beide nur an einzelnen Feiertagen und speziell den Rabbiner nur bei Trauungen und Leichenbegängnissen sehen. Und es gibt endlich auch solche, für die der Rabbiner nicht nur der Prediger, sondern auch der Lehrer der Religion und der Mann ihres Vertrauens ist, an den sie sich um Rat und Tat wenden. Und solche gibt es, wie wir glauben, in Berlin viel mehr als in den meisten Provinzgemeinden. SBertin ist auch in dieser Beziehung viel besser wie sein Ruf. So kommen denn an den Rabbiner religiöse Fragen verschiedener Art, ritueller Art, wie auch solche, die das vielgestaltige moderne Leben erst geschaffen hat. Familienangelegenheiten diskreter Natur werden von Bekannten und Unbekannten an ihn herangebracht und erfordern eingehende und schwierige Verhandlungen. Die Wirksamkeit, die er bei freudigen wie bei traurigen Veranlassungen zu leisten hat, werden nur zum kleinen Teil in so formeller, oder auch formloser Weise erledigt, wie Eska anzunehmen scheint. Sie bieten vielfach Gelegenheit zu weiterer fortgesetzter Tätigkeit und knüpfen zuweilen ein Band dauernder freundschaftlicher Zusammengehörigkeit zwischen ihm und denen, die ihn einmal in einer ernsten Stunde ausgesucht haben. Solche Verbindungen bahnen sich allmählich auch mit den regelmäßigen Besuchern der Synagogen an und insbesondere mit denen, für welche der Rabbiner irgendeine Amtshandlung zu erfüllen hat. Und wenn der einzelne Rabbiner auch nicht eine Gemeinde für sich hat, so gewinnt er doch mit der Zeit einen größeren Kreis von Personen, die in irgendeiner Weise ihm näher stehen und eine engere Verbindung mit ihm unterhalten. Das Gefühl, der Fremdheit, das den neu eingetretenen Rabbiner am Anfänge niederdrückt, verliert sich allmählich und weicht der Befriedigung, in einem größeren Kreise lehren und wirken und aus den verschiedensten Gebieten amtlicher Tätigkeit, wie auch der Wirksamkeit in Vereinen, mit tüchtigen, verständnisvollen, pflichteifrigen und — intereffanten Menschen zusammen arbeiten zu können. Der Organismus einer großen Gemeinde macht eine vielfache Teilung der zu leistenden Arbeit, die in kleineren in einer Hand vereinigt sein mag, notwendig. Und an und für sich ist es gar nicht zu bedauern, sondern dankbar anzuerkennen, wenn, wie das hier geschieht, viele tüchtige und arbeitswillige Kräfte sich in den Dienst der verschiedenen zu lösenden Aufgaben stellen und dasjenige übernehmen, was an andere Orten mangels dafür vorhandener Mitarbeiter der Rabbiner zu leisten hat. Im Grunde ist das auch nichts Neues. Die in'

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