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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-10 · Heft 37 (10.9.1909) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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43? Zur Kgbdmrrkragk. Von Rabbinus. I. Stellung und die Wirksamkeit der Berliner Rabbiner sind in der jüngsten Zeit mehrfach Gegenstand der Besprechung in diesem geschätzten Blatte gewesen. Uebereinstimmend haben ein Mitglied der Gemeinde und ein auswärtiger Rabbiner der Meinung Ausdruck gegeben, daß sie nicht diejenige ist, die sie sein sollte und daß eine Aenderung darin im Interesse der den Rabbinern obliegenden Aufgaben dringlich wünschenswert sei. Das ist eine Meinung, die in den weitesten Kreisen verbreitet ist und der ein sehr berechtigter Kern zugrunde liegt. Es kann darum auch gar nicht schaden, daß diese Meinung einmal öffentlich zum Ausdrucke gebracht, und daß die verschiedenen Ausstellungen und Wünsche klar dargelegt werden. Es handelt sich dabei ja nicht um die Sache eines Standes, oder um die mehr oder weniger berechtigte Kritik einzelner Personen, sondern um die befriedigende Lösung von Aufgaben, die einer jeden jüdischen Gemeinde ob- .liegen, um die volle Wirksamkeit der in ihr zur Besetzung gebrachten Aemter, um die Verwertung der Kräfte, die sie in ihren Dienst gestellt hat, um die Erwartungen und Forderungen, welche die Gemeindemitglieder an den Rabbiner zu stellen berechtigt oder gewohnt sind. Soll aber eine solche Diskussion dem Verständnis der nicht ganz einfachen Sachlage dienen und zu einer Besserung führen, so ist diese Sachlage genau sestzustellen, so sind insbesondere auch die vielen falschen Vorstellungen zu berichtigen, die auf diesem Gebiete zirkulieren, Meinungen, die sich den Beteiligten gegenüber selten hervorwagen und dann auch nur im einzelnen widerlegt werden können, während sie im allgemeinen unwidersprochen und ungestört gleich vielen gangbaren Vorurteilen ihren Lauf nehmen und verwirrend und schädigend wirken. Wie verbreitet solche irrigen Vorstellungen sind, das können die beiden erwähnten jüngsten Artikel zeigen, beide von wohlmeinenden Männern in der besten Meinung und Absicht geschrieben. Der unter der Chiffre Eska schreibende Herr knüpft seine, in Nummer 17 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" erschienenen Betrachtungen über die hiesigen Rabbinerverhältnisse an die seit kurzem - bestehende, von der städtischen Verwaltung geschaffene Einrichtung, armen Schulkindern ein gemeinschaftliches Mittagbrot zu verabreichen, an. Er findet diese Einrichtung mit Recht segensreich und lobenswert und fragt danach, warum besteht sie nicht auch bei uns Juden? Darauf antwortet er ohne weiteres: daran sind unsere Rabbiner schuld. Die Verhältnisse der Armen sind ihnen unbekannt. Sie treiben überhaupt keine Seelsorge, sondern betätigen sich nur in Predigten, besonders in Trau- und Leichenpredigten, sie sind keine Männer der Tat und haben darum auch keine Geltung und keinen Einfluß. Die jüdische Gemeinde erfährt infolgedessen nicht genügend die Notstände in ihrer Mitte und erhält nicht die Anregungen, ihnen durch geeignete Maßregeln abzuhelfen. Der Ausgangspunkt zu diesen Klagen ist demnach ziemlich fernliegend und die Gedankensprünge, die zu ihnen führen, etwas rasch und unvermittelt. Prüfen wir sie darum im einzelnen etwas näher: Es gibt in der Berliner jüdischen Gemeinde viele sehr arme Leute, eine größere Armut und Bedürftigkeit, als die große Mehrzahl der wohlhabenden Glaubensgenossen ahnt und berücksichtigt. Aber eine solche Armut und solche zer- - rütteten Familienverhältniffe, wie diejenigen sind, die zu der städtischen Einrichtung einer Schulspeisung geführt haben, gibt es da im allgemeinen doch nicht. Es gibt bei uns keine Eltern, die ihre Kinder morgens ohne Frühstück zur Schule schicken und ihnen, wenn sie heimkommen, kein warmes Mittagessen bieten können. Und sollten sich einmal vereinzelt und ausnahmsweise solche Fälle finden, so lassen sich rasch die notigen Mittel dafür beschaffen, daß die Eltern ihre Kinder am eigenen Tische genügend speisen können und daß diese in den ihnen Nächststehenden ihre Versorger und Erzieher finden. Zu einer öffentlichen Schulspeisung, die unter allen Umständen eine traurige, Eltern wie Kinder niederdrückende Wohltat ist, darf nur da gegriffen werden, wo die harte Notwendigkeit und die Hilflosigkeit der unglücklichsten Kinder dazu zwingen. Diese Auskunft hätte Eska von jedem Rabbiner, er hätte sie insbesondere auch bei der Armenkommission der jüdischen Gemeinde erhalten können. Diese ist amtlich mit der Fürsorge für die mannigfachen Bedürfnisse der zahlreichen Armen betraut und hat außer einem Stabe festangestellter und regelmäßig arbeitender Beamten über hundert im Ehrenamte wirkender Männer und Fraueu, als Mitarbeiter, die in den verschiedensten Gegenden wohnen, verschiedenen Ständen angehören, die Verhältnisse der einzelnen Armen wie der verschiedenen Kategorien derselben persönlich prüfen, und die auch in der Lage sind, wirksame Vorschläge zur Abhilfe größerer oder kleiner Notstände zu machen. Von den Rabbinern hätte Eska allerdings auch den Ausdruck der Verwunderung über seine Meinung erhalten, daß sie den Angelegenheiten der Armen fremd, ja gleichgiltig gegenüberstehen. Er hätte, wenn er in oder außer ihrer Sprechstunde längere Zeit bei ihnen verweilt hätte, wahrnehmen können, wie vielfach gerade sie von den Armen ausgesucht werden und wie ausgedehnt ihre Wirksamkeit für diese ist. Bei ihnen ist neben der Armenkommission und neben den zahlreichen wohltätigen Vereinen, die deren amtlich in mancher Beziehung beschränkte Wirksamkeit zu ergänzen haben, gewissermaßen eine dritte Fürsorgestelle für die verschiedenartigsten Wünsche Bedürftiger. An sie wenden sich nicht selten Gemeindemitglieder, an die irgendeine Bitte herantritt und die von der Organisation der Armenkommission keine nähere Kenntnis haben, um Rat und Auskunft. An sie wenden sich ganz besonders Arme jeglichen Standes, jeglicher Herkunft, jeglichen Bedürfnisses. Sie fragen nicht, ob der Rabbiner für sie zuständig sei oder eine amtliche Aufgabe für sie habe. Für sie ist der Rabbiner ohne weiteres der für sie bestellte Helfer und Ratgeber. Sie kommen zu ihm mit kleinen Wünschen, die leicht und einfach zu erledigen sind und mit größeren Angelegenheiten, für welche sie Rat oder Empfehlung sich erbitten. Sie kommen, um seine Vermittlung bei den verschiedenen Abteilungen der Armenkommission, den Verwaltungen von Stiftungen, den Vorständen der großen Vereine nachzusuchen. Und sie kommen, um sich zu beklagen, oder um Beistand auf anderem Wege zu bitten, wenn ihre Versuche bei jenen fehlgefchlagen oder nach ihrer Meinung nicht genügend berücksichtigt worden sind. Es kommen solche, die nach ihren Angaben noch nie eine Unterstützung empfangen haben und die auch jetzt den Gang zu einer der vorhandenen Wohltätigkeitsanstalten scheuen, und es kommen solche, die ihren Namen auch nicht einmal privaten Wohltätern genannt wissen wollen, obwohl sie um ganz beträchtliche Darlehen oder Unterstützungen bitten, welche die Mittel, die dem Rabbiner zur Verfügung stehen, weitaus überschreiten. Der erste Gang der Bittsteller aus dem gesamten Orient, von unserer nächsten Grenze ab, ist in der Regel zu den

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