Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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deutschen Judenheit die Scheu vor der Heiligkeit des Eides abzusppechen. Es liegt in der Aufwärmung dieser' antisemitischen Kol uicii-e-Jnterpretation in Verbindung mit den Schlußfolgerungen, welche die „Staatsbürgerzeitung" daraus zieht, eine schwere Beleidigung der deutschen Judenheit, die wir auf das entschiedenste zurückweisen. Es ist ganz natürlich, daß bas ganze Arsenal vergifteter Waffen, die die „Schmach des Jahrhunderts" in deutschen Landen im Lause der Jahre gesammelt hat, ihren Weg nach den Brutstätten des Antisemitismus des Auslandes nehmen. Jetzt führt die „Staatsbürgerzeitung" die Komödie auf, die urteutsche Ware unter ausländischer Marke als haute nouveaute ihren Lesern neu vorzuführen. Daß sie dabei auch Professor Strack hineinzieht, ändert aü der Sache nichts. Nur soviel glauben wir sagen zu können, Herr Professor Strack wird sich höchlich bedanken, einem Blatte wie der „Staatsbürgerzeitung" als Schwurzeuge zu dienen; er wird ihr die Antwort auch nicht schuldig bleiben. Wir deutschen Juden aber haben keinerlei Veranlassung, die Aufwärmung dieser antisemitischen Lüge irgendwie tragisch zu nehmen. Es genügt, sie als niederträchtige Lüge zu brandmarken. Gegen die „Warenhausjuden" und ihre angebliche Begünstigung von hohen und höchsten Stellen macht das Münchener „Deutsche Volksblatt" großen Lärm, daß es weithin im antisemitischen Vlätterwalde schallt. Natürlich sind es nicht so sehr die Warenhäuser an sich, als die Inhaber dieser Geschäfte, die „Warenhausjuden", über & die sich das Blatt christlich entrüsten muß. Und in der Tat kommen da schauderhafte Vorkommnisse ans Tageslicht; man höre nur: „Da besuchen Prinzessinnen diese Würgstätten des soliden Handels -und lassen sich von dem P. T. Warenhausjuden auch noch bewirten und damit ja durch die hohen Herrschaften auch noch andere Leute zum Besuche der Warenhäuser verführt werden, errichtet man dort auch noch Karten Verkaufsstellen für Wohltätigkeitsfeste usw., welche der Hof veranstaltet. Es fehlt uns jedes zulässige Wort, diese Dinge richtig zu kennzeichnen." Die Prinzen und Prinzessinnen sind jedoch von Haus gar nicht völkisch so tief gesunken, die schlechte Umgebung, ihre Ratgeber sind es, die diese verderblichen Wege führen: „Diese Umgebung hätte die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihrer Herrschaft zu sagen: Königliche Hoheit! Die Juden-sind auch heute noch die nämlichen Schädlinge ihrer Wirtsvölker, die sie vor mehr als tausend Jahren gewesen sind. Sie zersetzen nicht bloß unser gesamtes öffentliches Leben in nationaler und sittlicher Hinsicht und zerstören die Grundlagen, auf denen Thron und Altar auferbaut sind, sondern sie unterminieren auch unser ganzes Wirtschaftsleben, um Beute zu machen. Die meisten Uebel, unter denen unser solider Handel und unser Gewerbe leiden, sind jüdischen Ursprungs, so auch die Warenhäuser, welche die Existenz von tausenden guter Staatsbürger vernichten. Mit dem Besuche solcher Warenhäuser würden Eure königliche Hoheit für diese Auswüchse des Erwerbslebens Reklame machen und an ihrem Gedeihen Mitarbeiten, zum schweren Nachteil eben jenes Volkes, dem die Familie Eurer königlichen Hoheit neben Gott ihre Stellung in der Welt verdankt. Das werden Eure königliche Hoheit sicher nicht wollen, und deshalb dürfen wir Hoheit gewiß bitten, ihr Wohlwollen nicht am Unrechten Orte zu verschwenden und die Warenhäuser zu meiden." Ja, es ist in der Tat ein himmelschreiendes Unrecht, daß die hochwohlgeborenen Herren aus der Umgebung der Fürsten nicht den Mut finden, diese über die Gemeingefährlichkeit der Warenhausjuden aufzuklären. Der Herzog v. Pleß, der in Waldenburg soeben ein großes Warenhaus eröffnet hat, der Fürst v. Fürstenberg und der Fürst Hohenlohe, die bekanntlich die Inhaber eines Berliner Warenhauses sind, wären doch in erster Linie hierzu moralisch verpflichtet und — berufen! * Vor kurzem erwähnten wir an dieser Stelle einige Aeußerungen des rumänischen Premierministers B r at ran o, der einem Interviewer gegenüber die Ansicht vertrat, daß es den Juden in Rumänien „nicht so übel" ginge. Man ist 'an derartige offiziöse Erklärungen seitens der rumänischen Negierung fast ebenso gewöhnt, wie an die sich stets wiederholenden antisemitischen Ausschreitungen im Lande Carmen Sylvas. Die Regierung Rumäniens hat oft genug vernehmen müssen, wie die Welt über ihre Regierungsmethoden denkt. Die deutlichste Antwort von beachtenswerter Seite wurde ihr kürzlich zuteil, als sie in Budapest wegen besserer Behandlung der in Ungarn lebenden Rumänen vorstellig wurde. Die „Ungarische Liga" erklärte hieraus, daß ein Staat, der seine jüdischen Untertanen knechte, kein Recht habe, „bessere Behandlung" zu wünschen. Die offiziöse „Inctepenäanee Rumaine“ ist darob nicht wenig entrüstet und versteigt sich in einem Antwortartikel zu der Behauptung, daß die rumänischen Juden, „obwohl sie nicht rumänische Bürger sind, sich aller Freiheiten erfreuen ..." Schön wär's ja! Vorläufig gehören solche Erklärungen in das Gebiet unfreiwilliger Ironie, während den deutlichen Worten der „Ungarischen Liga" nichts von ihrer Wirkung genommen wird. -fr Aus Kowno wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Gelegentlich seiner Anwesenheit in unserer Stadt empfing der Premierminister Stolhpin eine jüdische Deputation in freundlichster Weise und hörte aufmerksam ihre Begrüßungsansprache an, worin sie die gegenwärtige Lage der russischen Juden berührte. In seiner Erwiderung drückte der Premierminister seine Ueberzeuguug aus, daß sich die Laße der Juden in Rußland allmählich bessern werde. Es sei aber unbedingt erforderlich, daß die Juden ihren „Kurs" in der inneren Politik ändern. Die Juden, so meinte Stolypin, müßten in ihren Handlungen „vorsichtiger" sein; dadurch würde auch die Lösung der schweren Judensrage erleichtert werden. Es ist das alte Lied: Die Juden müßten „Patriotischer" sein. Der russische Premier scheint aber übersehen zu haben, daß Pogrome und barbarische Entrechtung nicht gerade besonders geeignet sind, als Erziehungsmittel zum Patriotismus zu wirken. Zu dem gleichen Ergebnis wie^der russische Premier kommt in ihrer Beurteilung der Judenfrage in Rußland auch die „Kreuz-Zeitung", indem sie schreibt: „Die russische Regierung möchte offenbar gern der jüdischen Bevölkerung des Reiches einige Zugeständnisse machen. Sie stößt aber auf einen so entschlossenen Widerstand, daß sie darauf wird verzichten müssen. Auch tut sie, wie wir meinen, recht daran (?), da eine Judenemanzipation, die der jüdischen Bevölkerung volle Gleichberechtigung gäbe, aller Wahrscheinlichkeit nach noch weit schlimmere Judenhetzen zur Folge haben würde als 1905 und 1906, da die Juden durch Anschluß an die Revolution sich selbst zu emanzipieren versuchten. Dabei kann nicht bestritten werden, daß die Verhältnisse, in denen die ungeheure Mehrzahl der Juden in dem sogenannten Judenrayon leben', wahrhaft elende sind, und daß es unerläßlich ist, dort die bessernde Hand anzulegen. Aber bisher hat in Rußland noch niemand sich gefunden, der dem Uehel zu steuern vermöchte. Die ziemlich starke Auswanderung, die in den letzten Jahren nach Kanada und in die Vereinigten Staaten abgeflosseu ist, läßt sich in Rußland kaum bemerken. Die Lücken füllen sich überraschend schnell bei dem reichen Kindersegen des Volkes, der hier freilich zum Unsegen wird."