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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-10 · Heft 37 (10.9.1909) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
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Dir Woche. Berlin, 7. September. er dieser Tage in Breslau abgehaltene 56. deutsche Katholikentag bot, obwohl fast ausschließlich die Angelegenheiten der katholischen Glaubensgemeinschaft behandelt wurden, doch auch uns deutschen Juden ein gewisses Interesse. Wir wissen wohl, daß leider auch in der katholischen Presse zu einem Teile der Antisemitismus Unterschlupf gefunden hat. Aber die Ehrlichkeit gebietet, nachdem die Verhandlungen des Katholikentages nunmehr abgeschlossen sind, mit Befriedigung festzustellen, daß ganz im Gegensatz zu den „berühmten" Zirkus Busch-VersamMlungen des „Bundes der Landwirte" und der Konservativen, bei denen die roh-antisemitischen Späße noch immer den Beifall der Herren „von Ar und Halm" gefunden haben, auf der Heerschau der deutschen Katholiken auch nicht der geringste Schimmer antisemitischer Gesinnung hervortrat. Das Wort, das der Präsident, der Abgeordnete Herold, bei der Eröffnung der Versammlung aussprach: Wir sind gekommen, um dem Frieden zu dienen, niemand werden wir bekämpfen, nur unsere eigenen Angelegenheiten werden wir beraten", ist in der Tat, wie am Schluß der Tagung betont wurde, soweit wir Juden in Frage kommen, getreulich gehalten worden. Und ebenso mußte es angenehm berühren, daß auch der hohe Kirchenfürst Kardinal-Fürstbischof Kopp den Satz aussprach: „Niemand hat zu fürchten, daß wir den innerlichen konfessionellen und bürgerlichen Frieden stören". Und wer die Verhältnisse in Schlesien, in jenen Gegenden, in denen der Katholizismus in der Majorität ist, kennt, wird die Wahrheit auch jenes Wortes des Kirchenfürsten bestätigen, der mit Stolz darauf hinwies, daß in Schlesien im allgemeinen der religiöse Friede herrsche, dank der friedliebenden Bevölkerung und der Haltung der maßgebenden Persönlichkeiten. Angenehm muß es uns gleichfalls berühren, daß auch auf der Generalversammlung des Volksvereins für das katholische Deutschland der Wille zu „einträchtigem Zusammenarbeiten mit Andersgläubigen für alles gemeinsame Gute" zum Ausdruck gebracht wurde. Wenn dagegen in den Verhandlungen über die soziale Frage und die Bekämpfung des Alkoholismus hervorgehoben wurde, daß die Lösung dieser Fragen nur durch das Christentum herbeigeführt werden könne, so verkennen wir durchaus nicht das gute Recht dieses Ueberzeugungsausdruckes seitens der Katholiken. Allein wir möchten doch darauf verweisen, daß wir in unserem Judentume eine Alkoholfrage überhaupt nicht haben, sie also hier durch das Judentum nahezu gelöst erscheint. Und auch in sozialer Beziehung wüßten wir nicht, was uns als Juden an Fähigkeit abgehen sollte, zu ihrer Lösung wesentlich beizutragen. Von weiterem Interesse war ferner für uns die feste Willenskundgebung, mit allen Mitteln den absolut konfessionellen Charakter der Volksschule sestzuhalten, respektive durchzusetzen. Es klang so etwas wie Kampsesruf gegen die Simultanschule, die ja doch in Wirklichkeit in deutschen Landen nur ein kümmerliches Dasein fristet. Es ist anderseits nicht zu verkennen, daß auch in jüdischen Kreisen zurzeit eine große Strömung für die Konfessionsschule vorhanden ist, wenngleich aus anderen Motiven als bei dem Gros unserer katholischen Mitbürger. Die Schule der Zukunft, wenn auch einer ferneren Zukunft, wird, so meinen wir, doch wohl die Simultanschule sein, in der allein die konfessionellen Gegensätze, wenn man allerseits ehrlich sein will, einen Ausgleich erfahren können. Im großen und ganzen aber zeigte der Katholikentag doch ein sehr weitgehendes Bestreben nach konfessioneller Scheidung, nicht nur auf politischem, sondern auch auf gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiete, was von unserem jüdischen Standpunkte aus eher zu bedauern, als zu begrüßen ist. Und noch ein Punkt sei schließlich als uns Juden interessierend hier hervorgehoben. Das ist die Anerkennung, die dem Bildungsstreben der weiblichen jüdischen Jugend gezollt wurde. Mit einem gewiffen Neide wurde von einem Redner darauf hingewiesen, daß die Universitäten zu 40 Prozent von Jüdinnen, zu 50 Prozent von den Protestanten besucht würden. Aber im Gegensatz zu gewissen antisemitischen Kreisen gab hier auf dem Katholikentag diese Feststellung nicht etwa den Anlaß, von einem „Vordrängen der Jüdinnen" zu reden, sondern man gelangte hier zu dem gewiß verständigen und zu billigenden Schluffe, daß man es in dieser Beziehung den Juden nachmachen möge! * Bevor die „Staatsbürgerzeitung" sich unter die schützenden Fittiche der „Kreuzzeitung" rettet, hat sie offenbar das Bedürfnis gehabt, sich noch einmal in der ganzen Gloriole ihrer Ahlwardtschen Tradition zu zeigen. Sie bringt in ihrer Freitagsnummer einen Artikel über den „Eid der Juden", den sie unter „funkelnagelneuem Aufputz" als alten antisemitischen Ladenhüter unkenntlich macht. Im Grunde genommen hätte der „kenntnisreiche" Verfasser des Aufsatzes nicht nötig gehabt, seine Entdeckung aus der Bukowina oder da unten aus Halbbarbarien herzuholen. Er hätte sie in seinem „Judenspiegel" ebensoleicht finden können. Es handelt sich nämlich dabei um nichts weiter, als die tausendfach widerlegte uralte perfide Interpretation des Kol mdre-Gebetes. Die Uebersetzung. die die „Staatsbürgerzeitung" von diesem jüdischen Gebete sich geben läßt, stimmt im großen und ganzen mit der bereits vor 20 Jahren im „Antisemitenkatechismus" gegebenen überein. (Siehe 25. Auflage, Seite 196.) Die antisemitische Lüge in dieser Uebersetzung besteht wesentlich darin, daß die Worte, aus die es ankommt, nicht übersetzt sind, und daß der Sinn, wie er sich aus den autoritativen Erläuterungen ergibt, durchaus entstellt ist. Der verstorbene Professor Delitzsch, eine gewiß anerkannte Autorität in der Wissenschaft des Judentums und ein frommer christlicher Theologe schreibt darüber: „Was. aber das Ungeschehenmachen geleisteter Eide betrifft, welche der Jude in dem Kol nidre am Vorabend des Versöhnungssestes erfleht, so wird dieses Ungeschehenmachen durch den Zusatz „daasarna al nafschatana" (d. h.: durch welche wir uns auf unsere eigene Person verschworen haben) ausdrücklich auf solche Eide beschränkt, welche man aus freiem Willen vor sich selbst abgelegt hat, also auf eidlich übernommene und hinterdrein als sündlich oder unausführbar anerkannte Selbstverpflichtungen, mit Ausschluß gerichtlicher Eide und mit Wissen des Nächsten eidlich übernommener Verpflichtungen gegen diesen!" Die „Staatsbürgerzeitung" gibt sich den Anschein, von diesen Tatsachen nichts zu wissen, und übertrumpft in ihrer Erfinderfreude selbst den berüchtigten Eisenmenger, diesen bittersten Judenfeind, der ohne weiteres anerkannte, daß diese Stelle nicht von Eiden, sondern nur von Gelübden handele. Die „Staatsbürgerzeitung" wiederholt die Lüge, die schon vor 200 Jahren widerlegt worden ist. Es gehört aber zudem eine wirklich dreiste Stirn, wenn ein deutsches Blatt einen solchen Artikel bringt, wie es die „Staatsbürgerzeitung" tut, dem doch nur die Absicht innewohnen kann, der

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