Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228890--65837-3277985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
es darum schon aus taktischen Gründen für einen großen Fehler,, daß die vom Landesverein für israelitische Kultusgemeinden in Bayern zur Vorberatung eines neuen Gesetzentwurfes eingesetzte Kommission -als ersten Punkt ihrer Vereinbarungen -den Beschluß gefaßt hat: „daß die Anerkennung der jüdischen Religionsgemeinschaft als einer öffentlichen Kirchengesellschaft mit Rücksicht auf ihre praktische Undurchführbarkeit zurzeit nicht anzustreben ist". Sehr imponierend ist ein solcher Heldenmut gerade nicht. In großen Dingen soll man wenigstens den Mut des Wollens haben, „allen Gewalten zum Trotze .wollen, das rufet die Arme der Götter herbei." Wann wäre je ohne Kampf und Kraftanstrengung etwas Großes erreicht worden? Wenn wir mit der Forderung der Gleichberechtigung des Judentums bis zur Zeit ihrer praktischen Durchführbarkeit warten wollten, bis zu der Stunde, wo sie als von selbst ohne unser Zutun reifgewordene Frucht am Baume in Armeslänge erreichbar ist, dann können wir. warten, bis der Messias kommen wird. Die Forderung des gleichen Rechtes und derselben Sonne für alle hätte darum am Eingang der zu fassenden Beschlüsse, mindestens in einer kräftigen Resolution zum feierlichen Ausdruck gebracht werden müssen. Was Tatkraft und Beharrlichkeit durchzusetzen vermögen, noch dazu, wenn sie an der bekannten vis inertiae unserer freisinnigen Glaubensgenossen einen Verbündeten finden, das beweisen , am besten die Erfolge unserer Orthodoxen in der jüngsten Vergangenheit. Während es einem kleinen Häuflein derselben in Preußen mehr durch die Kraft ihrer Lungen als ihrer Argumente gelungen ist, den Turm der Organisation, den die Bauleute des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes in mehrjähriger mühsamer Arbeit geplant und aufgerichtet,, ins Wanken zu bringen, ist es umgekehrt bei uns in Bayern dem Eifer eines einzigen Mannes aus dem Lager der Gesetzestreuen, dessen Stimme und Beredsamkeit lange Zeit wie die eines Predigers in der Wüste verhallt war, allmählich gelungen, die Widerstände, die sich der von ihm inszenierten Revisionsbewegung auch von ihm befreundeten und gesinnungsverwandten Seiten entgegengestellt hatten, zu überwinden, und wie ein Eroberer von Erfolg zu Erfolg zu schreiten. Wie daß gekommen ist? Durch das nachweislich von orthodoxer Seite zuerst ausgegangene Schlagwort von der Omnipotenz der Rabbiner, die gebrochen werden müsse, ist eine Anzahl unserer angesehensten und einflußreichsten Vorsteher, denen solche Aeußerungen angenehme Musik in den Ohren war, in das Fahrwasser der Revisionsfreunde hinübergelockt worden. Denn wenn selbst die Frommen im Lande die Allmacht des Rabbiners brechen wollen, wer möchte da nicht mitbrechen? Dieser Erfolg wirkte aber wie ein Alarmruf, der es bewirkte, daß die sämtlichen Rabbiner von Bayern ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses zur Verteidigung ihrer angegriffenen Position sich zusammenschlossen. Innerhalb der Gemeinden war, vielleicht mit Ausnahme von München und Nürnberg, wo als am Herde und Ausgangspunkte der ganzen Bewegung die Frage eine lokale Bedeutung hatte, nicht das geringste Jntereffe für die ganze Angelegenheit vorhanden. Da machte man eine Erfindung, die wie mit einem Zauberstabe die Gleichgültigkeit der zahlreichen Kleingemeinden des Landes in flammenden Eifer verwandelte, und diese Erfindung heißt die Zentralkasse. Was man darunter zu verstehen hat? Man denke sich eine große Schüssel, in welche die großen und auch mittleren Gemeinden einen Teil ihres angeblichen Ueberflusses, bis zu zehn Prozent ihres Etatsaus unfreiwilligem Wege gesetzlichen Zwanges hinejnfließen lassen müssen, und aus welcher die kleinen Gemeinden alles entnehmen können, was sie brauchen: die bessere Besoldung ihrer Lehrer, die Ruhegehälter ihrer Beamten und die Witwenpensionen, die Mittel zur Erhaltung von Tauchbädern usw., und man hat eine Vorstellung von der Bedeutung einer Zentralkasse. Die große Schüssel ist die Lösung aller sozialen Fragen. Offenbar hält man unsere Vorsteher, die doch auch ein Wörtchen dabei mitzureden hätten, für sehr gutmütige Leute, und geben sie nicht willig, so will man mit Hilfe des Landtags Gewalt brauchen. Nur wäre noch ein kleines Bedenken vorhanden. Darf man denn mit den Freisinnigen gemeinsam aus einer Schüssel speisen? Ist es insbesondere zulässig und nach dem Religionsgesetze zu billigen, daß aus Mitteln von orthodox gesinnten Gemeinden auch die Einrichtungen von neolog. gesinnten Gemeinden unterstützt und dadurch die „Hände von Sündern" gestärkt werden? Allerdings nicht. Aber man sagte sich, daß in dieser Beziehung die Verhältnisse in Bayern insofern günstig liegen, als „Resormgemeinden kaum jemals aus der Zentralkasse Unterstützung empfangen werden, weil zum Unterschiede von Preußen die bayerischen Religionslehrer in den kleinen Plätzen wohl ausnahmslos treue und gesinnungstüchtige Schüler des Würzburger Seminars und nicht wie anderswo bibelkritische Missionare des Abfalls vom Judentum sind. Man darf also ruhig annehmen, daß die Rücksicht auf „Unterstützung der Hände der Sünder" bei der Beurteilung einer bayerischen Zentralkasse ausscheiden kann." Mit anderen Worten: non ölet! Durch das Projekt einer solchen Zwangswohltätigkeitskasse ' sind die zahlreichen Landgemeinden und besonders ihre Lehrer für die Revision gewonnen worden und, nachdem man auch das Gewissen der Rabbiner durch die Versicherung beschwichtigt hatte, daß an ihrer Allmacht nichts gerüttelt und nichts gebrochen werden sollte, konnte eine Landesversammlung der Orthodoxen von Bayern gelegentlich ihrer unlängst in Würzburg abgehaltenen Heerschau einen Bund ins Leben rufen, der nun den Kampf für die Durchführung der Revision im Sinne und nach den Absichten der „Gesetzestreuen" auf seine Fahne geschrieben, einen Bund, der gewissermaßen an die Koalition der Klerikalen mit den Agrariern im Reiche erinnert, welche sich zusammengefunden, um aus den Taschen anderer Leute wohltätige Liebesgaben zu bewilligen, und wie ein Zola konnte nun der Urheber der ganzen Bewegung ausrusen: „Die Revision ist auf dem Anmarsche und nichts auf der Welt' kann sie aufhalten!" Ob die Strategen dieses klerikal-agrarischen Bundes sich nicht dennoch verrechnet haben, wer mag es wissen? Der „Landesverein" hatte zur Vorberatung der Angelegenheit und zur Ausarbeitung von Grundsätzen eine gemischteKommission von vier Mitgliedern eingesetzt, welche aus Rabbinern und Vorstehern, altgläubigen und neugläubigen, zu gleichen Teilen bestand, während ein Fünfter das Zünglein an der Wage der Entscheidung sein sollte. Man könnte, um die Analogie noch weiter durchzusühren, diese Kommission auch als einen Block bezeichnen. Nun sind aber die Herren Rabbiner, weil ihre Forderungen und Anträge keine einstimmige Annahme gesunden, aus der Kommission ausgetreten und haben den Block gewaltsam gesprengt. Ob die Herren Rabbiner daran klug getan, darüber läßt sich streiten. Genug, der Block, auf den so manche ihre Hoffnung gebaut, ist gesprungen und hat voraussichtlich unter seinen Trümmern die ganze Revision begraben. kleguieseat in paee!