Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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73. Jahrgang Nr. 36. » Berlin, 3. September 1909. Drilsge zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. korrelpondrnHkn und Mschrjchtrn Deutschland. *** Berlin, Bl. August. Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Die Urgeschichte der semitischen Rasse und somit auch des israelitischen Volkes ist in Wirklichkeit noch wenig, aufgehellt. Hervorragende Gelehrte wie Fürst, Ewald, Ascoli, Rudolf v. Raumer, Friedrich Delitzsch u. a. haben sich bemüht, durch das Mittel der vergleichenden Sprachforschung einen Zusammenhang zwischen den semitischen und indoeuropäischen sprachen nachzuweisen, und so einen Blick zu werfen in die fernste Vergangenheit eines gemeinsamen Zusammenlebens beider Völkergruppen. Allein die Werke der genannten Forscher sind nicht zur allgemeinen Anerkennung durchgedrungen. Ja, ihre Behauptungen werden heute in Fachkreisen mehr als je in der Hauptsache angefochten, und man will sich bescheiden mit dem Resultat begnügen, daß Semiten und Jndogermanen nichts miteinander gemein haben. Und so bleibt man beharrlich bei der Auffassung, es sei nun einmal eine absolute Unmöglichkeit, über die Herkunft des Semitismus ins Reine zu kommen. Eine so entschiedene Resignation ist für die Wissenschaft wenig ehrenvoll. Alle Kulturvölker haben die Pflicht, ihre geschichtliche und vorgeschichtliche Vergangenheit so intensiv als möglich zu ergründen, allen sich geltendmachenden Meinungen Gehör zu schenken, und namentlich keinen Versuch, eine wichtige Wahrheit zu finden, geringschätzig zu ignorieren, von welcher Persönlichkeit er. auch immer ausgehen mag. Die Assyriologen nehmen gewöhnlich an, daß Arabien der Ausgangspunkt der semitischen Wanderungen, auch der ins Jordanland gezogenen Israeliten gewesen sei. Aber' woher die Semiten nach Arabien gekommen sind, das hat noch niemand zu erklären versucht. — Kürzlich hat nun ein dem Judentum sympathisch gesinnter Schweizer Linguist eine Spur gefunden, welche, zu großen Hoffnungen berechtigt, und vielleicht den Schlüssel liefern wird zur Lösung der vorliegenden, für - die gesamte Menschheit so überaus inhaltsreichen Frage, mit welcher wieder andere umfassende Probleme innig verknüpft sind. Es ist selbstverständlich, daß die Erforschung so alter, durch keine direkte schriftliche Ueberlieferung bezeugter Vorgänge und Zustände einen bedeutenden Aufwand an Zeit und Anstrengung erfordert, wofür dem Arbeiter selten eine entsprechende Entschädigung zuteil wird. Dazu sind auch Geldmittel nötig, die dem Entdecker der zu befolgenden neuen Methode leider fehlen. Da er überzeugt ist, daß sich positive, unanfechtbare Resultate überraschender Art ergeben müssen, so kann er auf die Verfolgung der begonnenen Aufgabe nicht verzichten und hofft, es werden sich unter den gebildeten und besitzenden Israeliten selbst ideal denkende Männer finden, welche dieser ernsten Aufgabe das ihr gebührende Interesse entgegenbringen und dem Urheber derselben mit Rat und Tat zu Hilfe kommen, damit er in den Stand gesetzt werde, die zu seinem Zwecke notwendigen Studien zu machen und die zahlreichen, meist teuren literarischen Hilfsmittel zu beschaffen. Die edlen Männer, die sich entschließen könnten, je nach ihrem Vermögen etwas zum Gelingen des Unternehmens beizutragen, dürften des aufrichtigen Dankes des Jnizianten versichert sein. Genaueres kann an dieser Stelle noch nicht mitgeteilt werden; nur soviel sei bemerkt, daß der von den Verfassern, die zu Anfang genannt wurden, eingeschlagene Weg gänzlich verlassen wird: Interessenten, die nähere Auskunft zu erlangen wünschen, sind höflichst gebeten, sich zu wenden an Herrn Dr. phil. Schmid-Blank (Kloster Muri in der Schweiz). *** Berlin, 31. August. Das Vorlesungsverzeichnis der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums für das Wintersemester ist soeben erschienen: Herr Dr. Baneth wird lesen: 1. Talmud babli, .Synhedrin, Cap, II, 4 Stunden, Montags und - Donnerstags von 10 bis 12 Uhr. 2. Talmud babli, Hullin, Cap. II, 4 Stunden, Montags und Donnerstags von 8 bis 10.Uhr. 3. Mischne Tora, Buch 8 (Fortsetzung), 2 Stunden, Sonntags von 8 bis 10 Uhr. 4. lore de’a, Hilh. Ta’arubot (Fortsetzung), 2 Stunden, Mittwochs von 8 bis 10 Uhr. 5. Eben ha-’ezer, Hilh. ischut (Fortsetzung), 1 Stunde, Donnerstags von 12 bis 1 Uhr. 6. Einleituu g in den Talmud (Fortsetzung), 1 Stunde, Mittwochs von 10 bis 11 Uhr. — Herr Dr. Elbogen wird lesen: 1. Talmud babli, Eesabirr», Ende, 4 Stunden, Sonntags und Mittwochs von 10 bis 12 Uhr. 2. Eentateueh mit alten Kommentaren, 2 Stunden, Dienstags von 8 bis 10 Uhx. 3. Die ersten Niederlassungen der Juden in Europa, 2 Stunden, Mittwochs von 12 bis 1 Uhr. Freitags von 11 bis 12 Uhr. 4. Historische Uebungen, 1 Stunde, Freitags von 10 bis 11 Uhr. 5. Geschichte der exegetischen Literatur, 2 Stunden, Sonntags von 12 bis 1 Uhr. Dienstags von 10 bis 11 Uhr. 6. Judentum und Urchristentum, 1 Stunde. Mittwochs von 8 bis 9 Uhr. — Herr Professor Dr. M ay bäum wird lesen: 1. Midrasch, 1 Stunde, Dienstags von 9 bis 10 Uhr. 2. Homiletische Uebungen, 2 Stunden, Freitags von 8l/2 bis 10 Uhr. —Herr Dr. Dahud a wird lesen: 1. Spezielle Einleitung in die Heilige Schrift verbunden mit Uebungen, 2 Stunden, Dienstags von 10 bis 12 Uhr. 2. Richter, 2 Stunden, Montags von II bis 12 Uhr, Dienstags von 12 bis 1 Uhr. 3. Jesaja, 2 Stunden, Montags und Freitags von 12 bis 1 Uhr. 4. Grammatische Uebungen, 2 Stunden, Montags und Freitags von 10 bis 11 Uhr. 5. Die Sprüche des Ben Sira, 1 Stunde, Freitags von 11 bis 12 Uhr. 6. Arabisch: Koran mit Berücksichtigung der jüdischen Quellen, 2 Stunden, Mittwochs von 6 bis 8 Uhr — Herr Dr. Freund wird lesen: Das Staatskirchenrecht der Juden in Preußen, 2 Stunden (in noch zu bestimmenden Stunden). — Herr Dr. Hochfeld wird lesen: Methodik des geschichtlichen Religionsunterrichts: Vorlesung, 2 Stunden. Montags von 6 bis 8 Uhr; daran anschließend Uebungen in zu bestimmenden Stunden. — Vorbereitungskurfe im Hebräischen werden von mehreren der vorgenannten Herren Dozenten und den Herren Dr. Barol und Dr. Biram in noch zu bestimmender Zeit gehalten. — Alle Vorlesungen und Uebungen sind unentgeltlich. Die Eröffnung des Wintersemesters erfolgt Dienstag, den 26. Oktober, 12 Uhr mittags. Als Zuhörer für die Vorlesungen find in erster Linie die rite immatrikulierten Studierenden der Berliner Universität — und zwar ohne Unterschied der Fakultät — in Aussicht genommen. Auch andere Personen können auf Grund besonderer Ermächtigung an den Vorlesungen teilnehmen. Die Anmeldung erfolgt bei dem derzeitigen Vorsitzenden des Lehrerkollegiums, Herrn Dr. Jahuda, am 27. und 28. Oktober von 12 bis 1 Uhr nachmittags, im Sprechzimmer der Lehranstalt. I. Berlin, 29. August. Man weiß, daß es eine Art von Antisemitismus gibt, die man „Geschäftsantisemitismus" nennt. Die sich ihm widmen, wollen mit dem Judenhaß Gesch äfte machen. Natürlich geben sie sich dabei als die Urpächter aller deutschen Tugenden aus. Trotzdem eine ganze Reihe gerissener Geschäftsleute den Antisemitismus als ständiges Gewerbe betrieben haben, ist fast keiner auf seine Kosten gekommen. Die Geschichte der antisemitischen Presse bildet eine fast ununterbrochene Kette von Mißerfolgen. Den allerneuesten bildet nun das Unternehmen der „Staatsb ürger-Zeitung", das jetzt aus einem antisemitischen Organ in ein konservatives „Volksblatt" umgewandelt werden und unter die Fittiche der „Kreuzzeitung" genommen werden soll. Der bisher vertriebene „Hauptartikel": Antisemitismus soll nicht mehr geführt werden, respektive nur in so kleinen Partien, wie sie zum „guten Tone" des agrar-konservativen Feudalismus gehören. Das Organ, das einst unter Bruhn dem lärmenden Antisemitismus der Straße diente, in welchem Männer wie Ahlwardt und Pückler sich austoben durften, soll jetzt der journalistischest Vertretung des feudalen Agrariertums der „Kreuzzeitung" angegliedert werden. Der reine politische Antisemitismus verliert damit in der Reichshauptstadt seine Tageszeitung. Für uns liegt darin das Eingeständnis, daß der unverhüllte Antisemitismus als Selbstzweck in der Reichshauptstadt ausgespielt hat. Die antisemitischen Tränklein werden wohl wie bei der „Kreuzzeitung" und der antisemitischen „Deutschen Tageszeitung" sorglich in den Giftschronk eingefchlofsen werden und nur gelegentlich in kleinen Dosen