Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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432; Syrechsaal. Geehrte Redaktion! - ie Frage, ob es eine jüdische Seelsorge gibt, ist nicht so einfach zu verneinen,, wie dies jüngst in einer Zuschrift in diesem Blatte geschehen ist. Allerdings muß der betreffenden Zuschrift in-- sofern Recht gegeben werden, als es im Judentums keine Seelsorge im christlichen Sinne gibt und geben kann. Kein Mensch und kein Rabbiner hat da ein Verfügungsrecht über die Seele anderer, um sie etwa nach ihrem Willen in den Himmel oder in die Hölle zu befördern, um das ewige Leben zu gewähren oder. zu entziehen, um den Himmel zu öffnen oder zu verschließen. Kein Mensch und kein Rabbiner hat die Macht, einen Dispens oder Absolution zu erteilen und auszusprechen. Dies alles ist lediglich dem ewigen Gotte anheimgegeben, dem gegenüber der Laie wie der Rabbiner einzig und allein verantwortlich ist. Aber damit kann meines Erachtens nicht zugleich jede und alle Seelsorge im Judentume geleugnet werden. Wenn der Rabbiner als Vertreter der jüdischen Lehre da? Judentum lehrt, um die Gewissen zu wecken, um auf den rechten Weg und Wandel im Leben zu weisen, um zu guten Taten und Handlungen zu ermuntern — ist das keine Seelsorge? Wenn er bedrückten Seelen auf mannigfache „Fragen" antwortet und ihnen auf Grund des Judentums Bescheid gibt— ist das keine Seelsorge? Also eine gewisse Seelsorge gibt es von jeher auch im Judentume. Sie ist nur verschieden von der im Christentums — wie ja auch beide Religionen in ihrem Wesen und Grunde voneinander verschieden sind. In Erkenntnis und Berücksichtigung dieser. Verschiedenheit müssen wir sogar weitergehen und sagen: Es gibt im Judentume nicht nur eine Seel-, sondern auch eine Leibsorge, es gibt eine Sorge für die Reinheit der Seele und auch eine Sorge für die Reinheit des Leibes, die Sorge für den Himmel und auch für die Erde, für den Geist und auch für den Körper. Das Judentum will das Wohlergehen des Menschen auf der Erde und erstrebt zugleich sein Wohlergehen im Himmel. Und weil das Judentum beiderlei Wohlergehen verbindet, und der Rabbiner dieses zu lehren und dafür eintreten soll, deshalb können wir von einer „Seelsorge" des Rabbiners als der einzigen und alleinigen nicht sprechen. Der Rabbiner hat nicht nur die seelische, sondern auch die leibliche Verfassung seiner Gemeinde im Auge; er ist bemüht, durch Lehre und Rat nach beiden Seiten hin zu wirken. Rabbiner Dr. Friedmann, Lublinitz. ^m „Sprechsaal" der Nr. 34 Ihrer geschätzten Zeitung findet sich eine eingehende Kritik des Wortes „Seelsorge" und „Seelsorger", die diesen Begriff als nicht jüdisch bezeichnet und verwirft. Ich möchte hierzu bemerken: Wenn der Einsender dieser Kritik von einer „Seele" im dogmatischen Sinne spricht, so haben wir freilich keine Seelsorge und keinen Seelsorger. Für diese Seele müssen wir selbst sorgen, nicht der Rabbiner. Aber wir verstehen unter Seele oft nicht den dogmatischen Begriff. Ich möchte den Herrn Einsender auf die Schrift des als Arzt, Dichter und Philosophen bekannten Ernst Feuchtersleben „zur Diätetik der Seele" (Wien, 45. Auflage 1883), Verfassers des Liedes „Es ist bestimmt in Gottes Rat", aufmerksam machen. Diese treffliche Schrift gipfelt in dem Satze, daß wie der Körper einer Pflege bedarf, so auch in gleicher Weise die Seele. Und wir wissen es alle aus Erfahrung, daß es im Leben oft Augenblicke gibt) wo wir wie bei körperlichen Gebrechen auch eines Arztes im Seelenleiden bedürfen. Nicht bloß in Zeiten materieller Not wenden wir uns um Hilfe, sondern noch mehr, wenn unsere Seele bekümmert und bedrückt ist. Dieses Seelenleiden kennt schon die Bibel (Psalm 42, 12; 43, 5), wo es auch heißt (Psalm 41, 5): „Heile meine Seele." An wen soll sich der Mensch, der, gedrückt und gebeugt, einsam und verlassen in der Welt dasteht, in den bangen Stunden seines Lebens-wenden? Er muß hier einen Menschen haben, zu dem er unbedingtes Vertrauen besitzt, und das ist der Seelsorger oder anders ausgedrückt „Seelenheiler", von dem er Worte des Trostes und der Beruhigung empfängt. Das ist auch die große Wirksamkeit der Geistlichen in verschiedenen christlichen Sekten. In diesem Sinne kann ich auch den Chassidismus, abgesehen, von einigen Ausartungennicht unbedingt verwerfensondern begreifen. Wenn der ungebildete galizische oder polnische Jude alljährlich zu seinem „Rabbi" wallfahrtet, so hat er nicht immer die Absicht, von ihm die Zukunft zu erfahren, sondern „sich äuszusprechen", einen guten Rat zu erhalten, und beruhigt, gestärkt an seiner Seele kehrt er wieder in seine Heimat zurück. Fch möchte hier, da ich gerade von Pietismus spreche, die gewaltige, geradezu suggestive-Wirkung der Baptisten- und Methodistew-^ Prediger in England berühren, als deren bedeutendster Spurgeon anzusehen ist. Auch in Deutschland haben wir eine ähnliche Erscheinung in der „Gemeinschaftsbewegung". Ich habe oft den Prediger der „christlichen Gemeinschaft", P. Keller in Breslau, gehört, und ich sah hier eine Menge von Menschen aller Konfessionen, die durch feine Worte fortgerissen wurde. Und wie oft vermag der Prediger durch sein Wort einen Menschen von Verzweiflung zu retten, ihn wieder dem Leben zurückzugeben. Gewiß soll der Rabbiner, um mit dem Herrn Einsender zu reden, „die Gotteslehre verbreiten", aber er soll amtlich und — wo möglich auch außeramtlich den tiefen Gottesglauben künden und dafür Sorge tragen, daß die „Seele" des Menschen gesunde. Auch unsere alten Rabbiner waren durchaus nicht allein, wie eS in dem Judengesetz von 1847 heißt, „Kauscherwächter". Sie hatten nicht allein darüber zu wachen, was rituell zulässig oder unzulässig sei, sondern sie hatten auch schon die Seelsorge, z. B. in der Schlichtung von Streit, Friedensstiftung zwischen Personen und Parteien u. a.; und es ist zu hoffen, daß auch die moderne Entwicklung des Rabbinerberufes dem Theologen neue Wege in diesem Sinne weisen wird. Wir haben deshalb allen Grund, vom Rabbiner der heutigen Zeit zu fordern, daß er die „Seelsorge" oder Seelenpflege als seinen Hauptberuf betrachte. - In diesem Sinne läßt sich sehr wohl auch im Judentum von einer „Seelsorge" und von „Seelsorger" reden. Oels i. Schl.,, den 23. August 1909. - Dr. phil. S. Tiktin. ■4r. Geehrter Herr Redakteur! ie wollen auf das „Eingesandt" in Nr. 34 Ihrer geschätzten Zeitung einem Laien ein Wort gestatten Das Historische über „Seelsorge" übergehend, möchte ich hier nur den Schluß fraglicher Betrachtungen hervorheben. Dieser lautet: „Als Verfall des Judentums müßte es betrachtet werden, wenn wir von Seelsorge sprechen. Wer mit der jüdischen Lehre vertraut ist, kann selber für seine Seele sorgen." — Ja, wer mit der jüdischen Lehre vertraut ist. Aber nicht nur in der Gegenwart, zu allen Zeiten gab es mehr oder minder Unwissende bezüglich der sittlich - religiösen Pflichten, und wessen Inneres sich darüber im Zwiespalt befindet und für seine .angestammte Religion nicht erstorben ist, holt sich in bestimmten Fällen zur Beruhigung seines Gewissens fremden Rat. Daß ihm dieser auch von einem einsichtigen Laien zuteil werden kann, sei zugegeben. Aber in der Regel wendet man sich dann, vertrauensvoll an den maßgebenden hierzu berufenen Seelsorger — Rabbiner, von dem man auch, wo nötig, Verschwiegenheit erwarten darf. Wie manches niedergedrückte Gemüt wird so durch Zuspruch und Weisungen des Rabbiners wieder aufgerichtet, wie manche Seele vor dem Verderben gerettet. — Es heißt dann weiter: „Die Aufgabe der Rabbiner ist es, die Gotteslehre zu verbreiten, für den Geist des jüdischen Volkes, aber nicht für seine Seele, zu sorgen/' — Wo aber der Rabbiner die Gotteslehre verbreitet und für den Geist des jüdischen Volkes sorgt, da erscheint die Umschreibung, daß er damit auch für dessen Seele sorgt, durchaus nicht gewagt. M. Grünfeld, Schwersenz. : Lrirfkasten drr Sedsktion. - Dr. T. in B. Der in der vorigen Nummer zum Abdruck gelangte Artikel „Zunz und Geiger über eine Zentralbehörde für die jüdischen Gemeinden in Preußen" wurde uns von dem Gesamtarchiv der Deutschen Juden (Berlin W. 35, Lützowstraße 16) eingesandt. Tiu.-s uiid i'im ‘WoHV-iu S&evlm. äin uii.'iuiiiiiüi. tm oiV SUb'at.un; Ui at,. &a uii,tutü in .Stalin.,v