Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-03 · Heft 36 (3.9.1909) · p. Seite 431

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228889--65827-3277974
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4SI beleuchten, das sich den Ueberraschten bot. Mit schärfer Biegung hatte man die Ecke passiert und befand sich Plötzlich vor der Lichtung. Es war ein abgeholzter Platz inmitten des Waldes. . . Starke Baumstammreste ragten aus dem Waldboden empor, wie runde Sessel, die dort der müden Wanderer harrten. Knorriges Geäst zog sich durch den mit Gräsern, Farnkräutern und Beerenlanb überwucherten, unebnen Grund, der jetzt vom Lichte des Mondes überglänzt, wie ein großer, runder Saal aussah, mit grünen: Teppich, von Baumdekorationen umgrenzt und mit elektrischem Lichte erleuchtet. Und in der Mitte dieses Saales erhob sich eine improvisierte Tafel, um die zwei wie Gnomen gekleidete Grooms des Barons sich geschäftig bewegten. — Ein „Ah" des Erstaunens wurde hörbar — „Wir sind hier bei den Zwergen, meine Herrschaften," scherzte der Baron, „sie bieten uns einen Imbiß an." „Das ist ein Einfall," rief der Oberst — — „Kleesberg, Sie sind ein Genie der Gastfreundschaft!" Die Gesellschaft hatte sich auf die Baumstumpfe placiert. Man saß so in ziemlichen Entfernungen und ganz zwanglos. — Jeder für sich und doch eine Gemeinsamkeit. — Die kostümierten Diener servierten feurigen Ungarwein, feinen Kognak, Liqueure und Sandwiches. — Die Herren sandten die Rauchwölkchen ihrer Zigaretten zum nächtlichen Himmel empor. Es kam keine rechte Unterhaltung in Fluß. Das Ganze wirkte zu märchenhaft und verblüffend. Nur einzelne Worte wurden laut: „Entzückend!" „Wirklich originell!" „Das sind ja Potemkinsche Dörfer" ... Agathe sagte kein Wort, sie wär wie im Traume. Sollte sie Grosser zürnen . . . sollte sie vergeben? „Es fängt an kühl zu werden," sagte der Gastgeber, ieß sich eine Decke vom Wagen reichen und breitete sie eigenhändig unter die Füße der schönen Frau, damit diese die Feuchtigkeit, die der Waldboden ausströmte, nicht empfinde. , „Der Wein erwärmt." Wiederund immer wieder wurden die gefüllten Gläser geleert — — — Ein vorüberziehender Wanderer hätte dieses nächtliche Gelage mitten im Walde für einen Zauberspuk gehalten und sich bekreuzt. — — — Eine Stunde später war derselbe verschwunden. Tot und traurig lag die Stelle da, die die Gesellschaft verlassen hatte, um in raschester Heimfahrt das Schloß wieder aufzusuchen. Agathe zog sich sofort in ihr Schlafzimmer zurück. Die Herren setzten sich in dem Salon an die Spieltische. — Aber der Schlaf floh die in fiebernder Erregung sich auf ihrem Lager wälzende Frau. Und in ihre wirren, wachen Träume und Vorstellungen hinein, hörte sie von nebenan das Aufklopfen der Karten, das Klirren des Goldes. — Der Morgen dämmerte schon durch die Fenster und noch immer machte das Geräusch der Spielenden sich bemerkbar. Der waghalsigste unter ihnen war Grosser, der die Bank übernommen hatte, als sich der Hausherr, Kopfschmerz vorschützend, gegen 1 Uhr zurückgezogen, nachdem er zuvor dem dicken Stazu eine große Summezugestellt hatte, damit dieser parieren könne. Es war Stucocca — eins der gefährlichsten Hazardspiele, das sie spielten . . . Kleesberg hatte inzwischen noch einmal den Weg durch den Wald genommen nach dem Gute Stazus. Diesmal allein und zu Pferde — — — als er frühmorgens durch die taufeuchten Wege heimkehrte, hatten die. Herren sich gerade vom Spiele erhobenGrosser hatte einen Haufen Papier und — Gold vor sich-— er hatte eine große Summe gewonnen. — — Bleich und übernächtig sahen die Gesichter der Spieler aus, , und wankenden Schrittes zogen sie sich endlich zur Ruhe zurück. Die Sonne stand bereits am Himmel; sie hatten die ganze Nacht am Kartentisch verbracht. Als Steinfels das Zimmer , seiner Gattin betrat, scheu und zerknirsch^ denn auch, er hatte sich hinreißen lassen und eine für seine Verhältnisse große Summe verspielt, lag diese in ruhigem Schlummer. . . . Sie war erst kurz vorher eingeschlasen. Sie sah sehr bleich aus, und die Spuren vergossener Tränen lagen auf ihren Wangen. Steinsels verbarg sein Antlitz wie in tiefer seelischer Erschütterung in seinen Händen. In Valentinowa, dem berühmten Wallfahrtsort fanden die alljährlichen großen Prozessionen statt. Graf Pawlow hatte Agathe und Grosser aufmerksam gemacht, die sich ihnen während ihrer Anwesenheit bietende Gelegenheit, den Besuch der alten Kirche auf dem heiligen Berge ja nicht zu verabsäumen. Sie würden Eindrücke von ganz besonderer Eigenart dort gewinnen. So wurde für den nächsten Tag ein Ausflug nach dem Wallfahrtshügel beschlossen, und sie fuhren nach dem Kloster. Nur langsam konnte der Wagen durch die Menschenmassen sich fortbewegen. Das Gefährt lenkte nach dem am Saume des Klösterparks gelegenen Kasernenhof. Dort machten die Soldaten, unbekümmert um all diese Vorgänge, ihre Uebungen und ließen ihre klagend-schwermütigen, oder schrill-jauchzenden eintönigen Gesänge, die oft wie das Kriegsgeschrei der Wilden erklangen, ertönen. Graf Pawlow sah aus einem Fenster des langgestreckten Gebäudes und begrüßte sie. — — — „Wollen die Herrschaften nach der Kirche?" „Ja wohl, Herr Graf!" „Dann wird es gut sein, hier den Wagen zu verlassen und zu Fuß weiterzugehen..." „Das habe ich auch beabsichtigt..." „Eh bien! Ihr Wagen soll hier auf Sie warten. Der Kutscher kann ihn in den Schuppen der Kaserne fahren..." Der Befehl wurde erteilt.- „Besten Dank, Graf!" „Keine Ursache!-Viel Vergnügen und gute Andacht." ,MereU" Auf Wiedersehen." „Auf Wiedersehen." Edmund hatte Agathe den Arm gereicht, und so suchten sie, eng aneinander geschmiegt, sich den Weg durch das Gedränge zu bahnen. Es war nicht leicht. Ueberall wurden sie von den dichten Menfchenmassen, die demselben Ziele zustrebten, aufgehalten. Sie wurden mehr geschoben als sie gingen und kamen nur langsam vorwärts. Manchmal mußte Grosser seine Begleiterin ganz umfassen und an sich ziehen, um sie vor einer unzarten Berührung, vor dem Schieben und Stoßen Nachdrängender zu bewahren. Sie überließ sich ihm willenlos, sie war wie betäubt von all dem Lärm und hing fast bewußtlos an feinem Arm. Er schützte und leitete sie mit der größten Sorgfalt und Rücksicht und empfand es angenehm, sie so ganz nahe, ganz ihm überlassen, bei sich zu wissen. Der Weg nach dem heiligen Berge wurde so in sehr irdischen Empfindungen von ihm zurückgelegt. Agathe war einer Ohnmacht nahe. Fast mehr als das Gewühl und Gedränge hatten sie die Bettler und Krüppel aufgeregt, die durch Zurschaustellung ihrer Gebrechen das Mitleid der Vorübergehenden wachzurufen suchten. In langer Reihe hockten sie, einer neben dem anderen, auf der staubigen Erde, wie ekles Gewürm, das auf dem Boden kriechend sich fortbewegt. Nichts Menschliches war in diesen, mit den fürchterlichsten Gebrechen Behafteten, die eine Kette von Jammer und Scheußlichkeit bildend, den Weg zur Kirche in einen Marterpfad verwandelten. (Fortsetzung folgt.) m

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.