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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-03 · Heft 36 (3.9.1909) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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^gUlLfLecö/? Dir Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. IX. Nachmittagskaffee vereinigte die Gesellschaft unter einem großen Baum im Garten, dessen laubenartig herabhängende Aeste ein Schattendach schufen, unter dem bequem zwanzig Personen Platz fanden. Der Tisch war aufs appetitlichste bestellt, mit jenen ländlichen Delikatessen, die den Städtern von den Annehmlichkeiten des. Landlebens besondere Vorstellungen erwecken. Da gab es saure Sahne, frische Eier und goldgelben Honig, weichen und süße Milch — — dazu srischgebackenen Kuchen von allen Sorten. Auf einem Tischchen in der Nähe brodelte der Samovar, der niemals fehlen durste, und der aus einer Wiener Kaffeemaschine aussteigende Dampf verriet das Aroma eines feinen Kaffees. Es war ein recht behaglicher Kaffeetisch, um den man sich jetzt gruppierte. Der Baron hatte Agathe gebeten, die Hausfrauenrolle zu übernehmen, und so schenkte sie den Herren Kaffee oder Tee ein, und sorgte mit graziöser Wirtlichkeit für die Gesellschaft... Zwanglos gab man sich den Freuden dieses ländlichen Lebens hin — Lachen und Plaudern würzten diese Vesper, eine gemächlich-heitere Stimmung herrschte. Agathe sah reizend aus. — Das leichte, hellblaue Foulardkleid mit kleinen, weißen Punkten stand ihr vortrefflich. — Die Männer betrachteten sie mit Entzücken. Sie hatte den großen mit Feldblumen geschmückten Garten Hut abgenommen und an einem Aste aufgehängt. Ein Bukett von feuerrotem Feldmohn mit dunkler Erika gemischt, schloß den herzförmigen Ausschnitt des Kleides, aus dem der Hals lockend emportauchte, während die bis an die Ellenbogen zurückfallenden Aermel die schönen Arme frei ließen. — Jeder der Anwesenden war bemüht, ihrer Fürsorge teilhaftig zu werden, und sie hatte auch für alle Anwesenden die liebenswürdige Rücksicht einer Hausfrau. — Grosser vermochte kaum, sich soweit zu beherrschen, um seiner Bewunderung Agathens nicht zu augenfälligen Ausdruck zu geben. Immer war er bestrebt, an ihrer Seite zu sein und. sie für sich besonders in Anspruch zu nehmen. Der Nachmittag! verging in angenehmer Stimmung. Als die Sonne unterging, machte die Gesellschaft einen Spaziergang an den schwellenden Aehrenfeldern entlang, ruhte dann unter den großblättrigen Nußbäumen vor den Wirtschaftsgebäuden aus und beobachtete die Heimkehr des Viehs von den Weideplätzen. Für die Großstädter boten diese friedvoll-wichtigen Ereignisse des Landlebens lauter neue Reize.. . und besonders Agathe war ganz erfüllt von diesen ländlichen Dingen. Nach einem einfachen, aber delikaten Abendbrot, das auf: der Terrasse serviert worden war, saßen die Gäste des Barons plaudernd beisammen und glaubten, daß der schöne Tag damit beendet sei. Die Nacht war wunderbar mild, nur ein leiser Hauch erfrischte die Luft. Goldene Leuchtkäfer huschten durch das dunkle Laub der Sträucher, und am sternsunkelnden Himmel tauchte soeben über den Baumkronen des Waldes der Mond empor. Es sah aus, als erhöbe sich ein bleiches Antlitz, aus dunklen Fluten und schaute schwermutsvoll-klagend zu den Anwesenden hinüber. Da erklang vom Hofe herauf Peitschenknall und mit schqrfem Trabe, fuhren drei Wagen die Aufahrt heran. „Ich bitte, meine Herrschaften," rief Kleesberg im selben Augenblick, „eine Spazierfahrt durch die Mondnacht soll den heutigen Tag beschließen. — Der Morgen entführt meine Gäste, und ich möchte die Stunden-des Beisammenseins mit Ihnen verlängern, solange als möglich!" „Con gracie ad infinitum . . . Sie verstehws Baron," sagte Graf Pawloff, „das ist ein herrlicher Gedanke.. . jetzt hinauszufahren, in die schweigsame, geheimnisvolle Nacht..." „Vorwärts, zu dem Blaßgesicht dort oben, das uns einen Moment fast. erschreckt hat — — wir wollen den Jüngling einmal in der Nähe besehen —-" Sie waren aufgebrochen und vor die Tür des Hauses an die Wagen herangetreten. — Der Barpn traf unvermerkt die Arrangements und verteilte die Gesellschaft. In dem ersten Wagen placierte er erst den Obersten mit Steinfels, während Graf Pawloff sich neben den Kutscher schwang und die Zügel ergriff. Der dicke Stazu mit einem jungen Offizier nahmen den zweiten ein und im dritten endlich saß Agathe zur Seite des Gastgebers, während Grosser nach etwas umständlichen Höflichkeitsaustausch mit dem Baron, den Platz aus dem Rücksitz eingenommen hatte. Er konnte so Agathe ins Antli^Iehen. Ein Zeichen des Barons, die Pferde zogen gleichzeitig an, und in gemäßigtem Trab zogen die Gefährte durch die weichen Wald- und Wiesenpsade. Es war eine entzückende . Fahrt durch die lautlose,- mondhelle Nacht — die Bäume am Waldessaum warfen gespenstische Niesenschatten über den Hellen Grund, und wie leichte flatternde Nebel zog es über das feuchte Wiesenland. Kleesberg hüllte Agathe in ein weiches Tuch. Sie hatte nur schweigenden Dank für seine Aufmerksamkeit, sie war ganz hingenommen, wie befangen von dieser nächtlichen Fahrt. —- Sie schmiegte sich tief in die Wagenkissen und suchte mit ihren Augen das Waldesdickicht zu durchdringen. Manchmal tönte der Klagelaut eines Nachtvogels zu ihnen herüber, und leise raschelte es im Laub, wenn eine gefahrlose Natter hindurchschlüpfte. Hie und da knackte ein Zweig, den ein Häslein oder ein Reh vom trockenen Unterholz abbrachen, aber die vereinzelten Stimmen des Waldes steigerten nur die Lautlosigkeit und Einsamkeit, die über der Landschaft ruhte. Auch den Insassen der Wagen hatte sich diese Stimmung mitgeteilt. — Die Unterhaltung verstummte. Es konnte in der Tat nach der Hitze des Tages nichts Angenehmeres geben, als diese Spazierfahrt durch die milde, aber doch erfrischende Nachtluft. — Eine leise Berührung Grossers machte Agathe emporschrecken. Sie blickte auf und sah seine Blicke auf sich gerichtet. — Ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Willenlosigkeit durchdrang sie .. . sie war ihrer selbst kaum mächtig — — in diesem Moment zog eine Wolke über den Mond, der mit seinem weißen Glanze bisher alles in silbernes Dämmer gehüllt hatte-— Plötzlich wurde es tief dunkel. Grosser neigte sich vor, ergriff Agathens Hand und preßte seine bebenden Lippen auf ihren Arm. Sie war völlig besinnungslos, unfähig sich zu wehren, unfähig, diesen dreisten Angriff zurückzuweisen — — — wie in Scham und Verzweiflung suchte ihr ängstlicher Blick den Baron an ihrer Seite,-der aber war vorher dem langsam fahrenden Gefährt entstiegen, ohne daß, sie, in ihre Träumereien versunken, es gemerkt hatte. .Jetzt hörte sie seine Stimme hinter dem Wagen: „Rechts Jan. hier rechts um die Ecke zur großen Lichtung," rief er dem Kutscher zu — es gab also keinen Zeugen der Szene, die sie erlebt hatte, nicht einmal den Mond, denn der hatte schamhaft, diskret vorher sein Antlitz verhüllt. Nun trat er wieder aus den Wolken heraus, gerade rechtzeitig, um ein Prächtiges Bild zu

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