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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-03 · Heft 36 (3.9.1909) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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429 beschreiben, womit er in seinen Tod gegangen ist. Von andern Leichtsinnigkeiten, welche er geäußert, will annoch dieses nur anführen, daß, als der Kaplan mit aller angewendeten Mühe ihn nicht zur Bekehrung bringen können, sofort ihm versprach, daß wofern er durch die Taufe unglücklich werden sollte, er die Strafe für ihn in der Ewigkeit leiden wollte, der Jude ihm zur Antwort von der Gerichtsstatt gegeben: „Ey mein, wo soll ich Sie verklagen? In dem Himmel, wo ich hinkomme, ambtirt man nicht!" Advokat Bopp fügt diesen Mitteilungen noch zum Schluß folgendes hinzu: „Shylock's Wort: „Ich will nicht beten mit euch! Ich schwör', daß keines Menschen Zunge Macht hat, mich zu ändern!" lebte auch im Jud Süß zu Stuttgart, der trotz seiner Kerkerleiden vor der Hinrichtung fußfällig bat, ihn mit der Tortur der Bekehrungsversüche zu verschonen." Lriek süs London. Von Dr. Chotzner. urze und längere Skizzen sind gelegentlich in diesen Blättern erschienen, worin das jüdische Leben beschrieben wurde, wie es in verschiedenen kontinentalen Bade- und Erholungsplätzen während der Sommerferien zum Vorschein trat. Recht amüsant und voll von köstlichem Humor waren namentlich solche, die den seligen, unvergeßlichen Dr. Gustav Karpeles zum Autor hatten, und die während einer Reihe von Jahren ungefähr um diese Jahreszeit in seiner Wochenschrift zu erscheinen pflegten. Doch erinnere ich mich nicht, jemals eine Skizze daselbst vorgefunden zu haben, die einen englischen Seebadeplatz beschrieben hätte, der während der hierorts genannten „dogd'ays" (Hundstage) von unseren Glaubensgenossen, die verschiedene und öfters auffallende Typen repräsentieren, recht stark besucht wird. Eine solche ist es nun, die ich den geehrten Lesern hier vorführen will. Ihr Inhalt ist zwar weniger ernst, als der in der Regel ist, der meine sonstigen „Briefe aus London" charakterisiert; aber wer kann da Philister sein, wo der Himmel lacht, die Vögel noch melodisch singen, und das Reisegeld noch nicht ganz erschöpft ist? Ich hatte mir vorgenommen, meine diesjährigen Sommerferien in einem englischen Badeplatz zu verleben, und zwar in einem solchen, wo ein jüdisches, sogenanntes „Loardmg Rouse" vorhanden ist. Ich konsultierte demnach die in einem hiesigen jüdischen Blatte enthaltene Liste solcher Loardmg Hauses, und als eins davon meine besondere Aufmerksamkeit auf sich zog, da es den recht verlockenden Namen „Das Elysium" führte, so beschloß ich, dieses für meinen zeitweiligen Aufenthalt zu wählen.? Als ich vor der Tür des „Elysiums" anlangte, fand ich daselbst eine ziemlich korpulent aussehende jüdische Matrone auf einem bequemen Lehnstuhl sitzen, die einen „Scheitel" trug, der jedoch von einer Reihe von Perlen und einem Diamantenschmuck teilweise verdeckt und fast unsichtbar gemacht wurde. Auf meine Bitte gewährte mir die Dame Einlaß ins „Elysium", und bald darauf trat ich ins Speisezimmer. Da die Mittagsmahlzeit gerade serviert wurde, so nahm ich den mir angewiesenen Tischplatz an. Rechts von mir saß ein Mr. Jsaac, der während des Essens einen schäbigen hohen- Hut auf dem Kopfe behielt und einen riesigen Appetit entwickelte,' der ihm keine Zeit übrig ließ, mit mir zu konversteren. Zur linken Seite hatte ich einen Mr. Bögen als Tischgenofsen, der glücklicherweise redselig war und mit mir sofort eine Konversation anknüpfte. „Sehen Sie, mein Herr," sägte er zu mir in gebrochenem Englisch, „heute haben wir Rindsbraten zum Mittagstisch hier im „Elysium", aber es scheint, daß das Rind, als es ,noch am Leben war, eine echt religiöse Neigung zum Fasten gehabt hätte, da dessen Fleisch recht mager und kaum eßbar ist." Aus dieser ironischen und schalkhaften Bemerkung schloß ich, daß Mr. Bogen, der, nebenbei bemerkt, ein kleines, schwarzhaariges Männchen war, und kleine, funkelnde Augen hatte, die ein joie de vivre bekundeten, humoristisch gesinnt sei und auch ein angenehmer Gesellschafter sein müsse. Als Früchte zum Nachtisch hereingebracht wurden, bemerkte wiederum Mr. Bogen mir gegenüber, daß solche sauren und schlecht aussehenden Früchte ins „Elysium" gar nicht hineinpaßten. „Ja," fügte er mit einem Lächeln hinzu, „wenn solche sauren Aepfel im „Gan Eden" (Paradies) in Adams und Evas Zeiten auf dem „Baum der Erkenntnis" gewachsen hätten, so würde sicherlich die bekannte biblische Episode nicht stattgefunden Haben, da Adams Gattin ohne Zweifel nicht die geringste Lust in sich verspürt haben würde, sie zu pflücken Und dann ihrem Manne zum Kosten darzureichen." Zum Schluffe sagte mir noch derselbe Tischgenoffe, daß das im „Elysium" vorliegende Menü für ihn häufig überflüssig sei, da, wenn er zuweilen spät zum Mittagsmahl kommt, ein Blick auf die Tischdecke für ihn genüge, um zu erraten, welche Speisen an jenem Tage serviert wurden. Alle diese mir gemachten unliebsamen Offenbarungen waren selbstverständlich nicht dazu geeignet, mich ans „Elysium" zu fesseln, doch beschloß ich, bis Ende der Woche dort zu verbleiben und meine Mahlzeiten außerhalb zu nehmen.; Während dieser wenigen Tage unterhielt ich mich zuweilen mit Mr. Bogen, der mir zu verstehen gab, daß sein Beiname! ursprünglich „Katzenellenbogen" gewesen sei, und daß er die „Katzen" und die „Ellen" kassiert habe, da er fand, daß beide; dem Aufblühen und der Entfaltung seines Londoner Geschäfts recht hinderlich waren. Ueber Mr. Jsaac und verschiedene andere Hausgäste machte sich der fragliche Witzlmg in meiner Gesellschaft zuweilen lustig. Ersterer, sagte er z. B., käme häufig zum Frühstück herunter, ohne gehörige Toilette gemacht zu haben, er habe aber bei solcher Gelegenheit seine Diamantringe an, die im hellen Glanze leuchten. Derselbe, meinte er auch, habe seinen schä- : lügen hohen Hut mit einem breiten schwarzen Band umflort, nicht etwa weil er in tiefer Trauer wäre, sondern vielmehr, : weil er damit die vielen Oelflecke unsichtbar machen wolle, die; sich daraus gruppiert hatten. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier noch ver- ‘ schiedene andere witzige Bemerkungen erwähnen, die Mr.! Bogen über das „Elysium", und über einige seiner männlichen? und weiblichen Gäste'gemächt hat. Eine Dame war jedoch Gunter diesen, für die er zuweilen recht schwärmte. Es war j dies die Matrone, die an der Tür des „Elysiums" saß, als! ich daselbst zuerst anlangte. Sie war nämlich eine wohli habende Witwe, und da er vor einiger Zeit seine Frau durch i den Tod verloren hatte, so glaubte er, sein verwaistes ehej lieh es Glück durch den Besitz dieser Dame wiederzufinden, und zugleich auch in der Lage zu sein, fein Geschäft weiter aus-! züdehnen und viel blühender zu gestalten. .Nun, am Tage 1 meines Abschieds von ihm zeigte er mir im Vertrauen ein kurzes Gedicht, das er seiner Geliebten mit dem „Scheitel" zu Ehren! komponiert hatte. Die letzte Strophe desselben lautet wie folgt : - Du hast Diamanten und Perlen, Die sehr kostbar sind und teuer; Es liebt dich gans und üngeheüer Dein recht schmachtender, treuer Meier.

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