Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-03 · Heft 36 (3.9.1909) · p. Seite 427

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
Seite 427 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228889--65823-3277970
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

— 427 — 1 J hatte, ehe ihm sein Recht wurde. Zu gleicher Zeit wirkten als Lehrer an der Anstalt Herr Julius Heskel und der jetzige Landesrabbiner von Mecklenburg-Schwerin Dr. Fabian Feilchenfeld, der Vater unseres Gemeindevorstehers Dr. Wilhelm Feilchenfeld. 33 Jahre hat David Kassel das Nauensche Institut geleitet; sein Nachfolger wurde Rektor Aron Huth, der während seiner Breslauer Studienzeit zugleich Lehrer an der damals unter Abraham Geigers Aussicht stehenden Industrieschule gewesen war; er hat nur 14 Jahre an der Anstalt gewirkt. Das Jahr 1893 sah beide, Dr. Kassel und Huth, ins Grab sinken. Als Lehrer war Huth fast unerreichbar. „Ein Mann von sprühendem Geiste, wußte er in seinen Schülern und Zöglingen den Sinn für alles Schöne und. Edle zu erwecken und rege zu erhalten . . ." Es sei uns gestattet, dieser Schulgeschichte noch einiges über die Kuratoren und Zöglinge der Anstalt sowie über das Leben im Institut beizufügen. Besonderer Wert wurde auch auf die Ausbildung für praktische Berufe sowie auf die Hebung des Sinnes für Ordnung und Reinlichkeit gelegt. Schon im Jahre 1825 ging ein Zögling zu einem Kupferstecher in die Lehre, ein anderer zu einem Nadlermeister, ein dritter zu einem Juwelier. Ein Zögling von 1848 wurde später Maschinenbauer, andere studierten Medizin; ein ehemaliger Zögling lebte noch in den achtziger Jahren in Berlin als Geheimer Sanitätsrat. Andere Zöglinge sind Chemiker, Ingenieure geworden, die meisten aber Kaufleute; einer hat den kaufmännischen Beruf mit dem des Schauspielers vertauscht und wurde am Berliner Schiller- Theater angestellt. Unter den Oberkuratoren der Anstalt seien hier in Ehren genannt, aus den Jahren 1867 bis 1880: Rabbiner Dr. Aub; 1880 bis 1896: Rabbiner Dr. Ungerleider, von 1896 an Professor Dr. Maybaum. Als Kuratoren seien in der letzten Zeit genannt: Benno Latz und Moritz Man heim er. Nachfolger des Hrn. Latz wurde Herr James Simon; letzterer hat dem Institute kürzlich ein treffliches Piano geschenkt... Die von Moritz Manheimer für. sämtliche Zöglinge eingeführten Sparkassenbücher sind manchem später gut zu statten gekommen. Viele Notizen der trefflichen Goetzschen Schrift haben für uns eine wichtige kulturgeschichtliche Bedeutung für jetzt und später. So erhielt z. B. Dr. Kassel für die vollständige Verpflegung eines jeden Kindes ein Pauschale. Es betrüg 1846 bis 1854 „sieben Taler pro Kind und Monat". Auch sollten die unbedingten Lobrednet der „guten alten Zeit" einmal den Bericht Kassels über den desolaten Zustand des alten Anstaltsgebäudes lesen. Heute hat das Institut das Grundstück Elsässer Straße 54 inne, dabei ein Gärtchen mit Spiel- und Turnplatz. Ein Kurator hat das Nauensche Institut genannt „das Veilchen, das im Verborgenen blüht". Möge es weiter blühen und gedeihen! .Und auch die Lobredner des Alten werden hier gern zustinunen. Es ist doch manches auch unter uns heute bester als einst. M. F: Lin ltsndhsktrr Jude. Von Eugen Isolani. EA^ie Registraturen der Gerichte bringen zuweilen kleine, besonders kulturgeschichtliche Schätze, die wenig gehoben werden. Die Juristen hüben im allgemeinen wenig geschichtlichen Sinn. 7 Die Historiker aber haben diesen Quellen bisher wenig' Aufmerksamkeit zugewandt. Wir wollen hier ein kleines Bild aus dem Rechtsleben - des 18. Jahrhunderts entrollen. Ein christlicher Advokat Namens Bopp teilt die Tatsachen nach von ihm aufgefündenen alten Akten in Karl Gutzkows „Unterhaltungen am häuslichen Herde" vom Jähre 1861 mit, einer Zeitschrift, die heute nur noch in ganz wenig Exemplaren vorhanden ist, weshalb wir nicht zu befürchten brauchen, daß wir Bekanntes wiedergeben, wenn wir das Wichtigste aus jenen Mitteilungen herausheben. Im Jahre 1764 gab der italienische Marchese Beccaria sein epochemachendes Buch: „Von Verbrechen und Strafen" heraus. Er wurde durch dieses Werk ein Apostel der Humanität, denn die Publikation bewirkte, daß die Todesstrafe fortan seltener als vorher verhängt wurde. In demselben. Jahre wurde Kaiser Joseph II., dieser humane Reformator auf dem Throne, zum Nachfolger feines kaiserlichen Vaters erkoren. Goethe führt das Schauspiel der Wahl und Krönung des von seinem Vater dem Kaiser Franz I. begleiteten Erzherzogs Joseph zum römischen Könige an dem Leser vorüber. „Der Zudrang der Fremden in der Stadt ward nun immer stärker. Kaiser und König waren schon in Heusenstamm, einem gräflich Schönbornschen Schlosse, angelangt und wurden dort herkömmlich begrüßt und willkommen geheißen." ' ' Der Kaiser verweilte mit seinem Sohne und seinem Gefolge mehrere Tage in diesem Schlosse, um die Wahl abzuwarten, und begab sich eines Morgens, am 25. März, nach der Kirche des von Katholiken bewohnten Dorfes Heusenstamm, um seine Andacht zu verrichten. Die Menge drängte , sich herbei. Was nun da geschah, erzählt das erste der vom Advokaten Bopp aufgefundene Aktenstück, ein Protokoll von demselben Tage, unter der Autorität des gräflichen Amtsstellers L)rtler ausgenommen von dem Gerichtsschreiber Valentin Müller, wie folgt: „Wurde soeben, als Jhro Kayserl. Majestät zwischen eilf und zwölf Uhr frühe Morgens mit dero Hofstaat zum Gottesdienst in allhiesige Kirche sich verfügt haben, ein fremder Jüd ergriffen, welcher unter dem Zulauf und Gedräng der Leute einem fremden Krämer, Namens Anton Schrehard, bei Böhmisch-Camnitz gebürtig, einen Beutel voll Geld, worin sich, wie man beim Nachzählen wahrgenommen, 39 Gulden, 34 Kreuzer befunden, entwendet, auf der That von dem Krämer selbst angehalten und ihm das Geld wiederum abgenommen, sofort vonder gleich dabei gestandenen Wache arretiert und zu gefänglichen Hassten gebracht, der Damnisicatus aber folgendermaßen vernommen: Was sich vor ungefähr einer halben Stunde zwischen ihm und dem zu Hafften gebrachten Juden zugetragen habe? Er sey unter dem Zulauf vieler anderer Leute, als Ihre Kays. Majestät zur Kirche gegangen, ohnweit hiesiger Kirche gestanden, um wie andere Leute die allerhöchsten Herrschaften mit anzusehen, und als er ganz begierig auf den Zug und den Nachsolg des allerhöchsten Kayserlichen Hofs geschaut, habe ihm der Jüd sein bei sich habendes und in einem Beutel in seinem linken Kamisolsack verwahrtes Geld geküntzelt und, da er es wahrgenommen, der Jud den Beutel vor sich nieder fallen lassen, nachdem er aber nach seinem Beutel greisen wollen, der Jud denselben schon vor ihm wiederum in der Hand gehabt und mit davonlaufen wollen; er habe ihn an dem Schopf oder Haar bekommen und ihn so lange gehalten, bis er sein Geld wiederum gehabt, worauf die -Wacht dazugekommen und - ihn mit dem Juden eingezogen hätte." So war die Untersuchung in Fluß geraten; sie hatte ermittelt, daß der Verhaftete. Salomon Guntzenhausen heiße. Das Ergebnis der Untersuchung .findet sich in einem' Aktenstück: „Relativ in Sachen. des Hochgräslich Schönbornschen mm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.