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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-03 · Heft 36 (3.9.1909) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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fremde Knaben erzogen werden und aus den Mitteln derselben alleswas für ihre leiblichen und geistigen Bedürfnisse erforderlich ist, erhalten. Diese Anstalt wirkt still und anspruchslos." Still und anspruchslos war bis auf den heutigen Tag. auch das fernere Wirken des Instituts und gar so, daß man selbst das hundertjährige Bestehen der verdienten Erziehungsanstalt ganz unbeachtet ließ und nicht einmal in einer Anstaltsfeier die Zöglinge darauf hinwies. Wir entnehmen, diese Mitteilung einer soeben erschienenen Schrift: „Geschichte der Nauenschen Erziehungsanstalt zu Berlin von 1789 bis 1909". Dargestellt von Dr. Oskar Götz, Direktor. In der Tat, gerade auf. dem Gebiet der geschichtlichen Quellenforschung hat auch die Anspruchslosigkeit ' ihre Grenzen; und die Geschichte der jüdischen Pädagogik, wie sie neulich . erft- Oberrabiner Dr. Güdemann in Wien bearbeitet hat, wird dem Verfasser Dank wissen für seine gründliche Arbeit über diese alte Berliner „Thora-Lehranstalt" (wie sie im Testament der Dina Nauen, welches das Datum 4. März 1779 trägt, heißt), die sich heute längst den erzieherischen Bedürfnissen der modernen Zeit angepaßt hat. Die Abfassung des Dina Nauenschen Testaments fiel in jene für die deutsche Judenheit so bedeutsame Zeit,, in jene Zeit der schönen Morgenröte, da — „Moses Mendelssohn seinen Glaubensgenossen nicht bloß eine bessere Stellung zu erringen, sondern sie auch einer solchen Stellung immer würdiger zu machen suchte, da er sich die größten Verdienste um die Hebung des Judentums erwarb" (Wilhelm Scherer- Geschichte der deutschen Literatur S. 520). So wurde im Jahre 1778' in Berlin die Freischule für jüdische Knaben eröffnet. Elf Jahr' später, im Jahre 1789, : also nach dem Tode der Dina Nauen-Kohn, kam es zur. Begründung der Nauenschen Erziehungsanstalt für jüdische• Knaben. Aber die Quellen für die Geschichte der Schule in jener Zeit sind nur spärliche Notizen in Rechnungs-! und Jnventarbüchern, welche Dr. Götz jetzt gesichtet und gesammelt hat. Die staatliche Aufsichtsbehörde kümmerte sich fast! gar nicht um die „Judenschule", .und auch der Talmud Thora-; Vorstand hat schriftliche Aufzeichnungen und Berichte nicht hinterlassen. Das erwähnte Testament hatte nicht nur An-: Ordnungen für die „sittliche Bildung" der Kinder getroffen, sondern auch in jeder Weise für ihre körperliche Entwicklung Sorge getragen; als Anstattsgebäude hatte es das in der Spandauer Straße 48 gelegene Gartengebände (füroieengen und winkligen Gassen jener Zeit sicherlich ein hygienischer Vorzug) nebst Seitenhaus bestimmt. Im Jahre 1850 konnte die staatliche Aufsichtsbehörde, vertreten durch ein Mitglied der bekannten hervorragenden Berliner Pädagogenfamilie, den Berliner Dr. Bell ermann, in anerkennender Weise der Anstalt unter anderem auch folgendes attestieren: „Das an das Anstaltsgebäude stoßende Gärtchen soll in einen Turnplatz umgewandelt werden." Das erste am tliche Gutachten über das damals unter Leitung des hochverdienten Baruch Auerbach (des Begründers des bekannten Berliner Jüdischen Waisenhauses) stehende Institut ist in einem Bericht enthalten, den auf Veranlassung der Regierung Konsistorialrat Dr. Bellermann 1824 über die jüdischen Schulen in Berlin erstattete, in dein es über die Nauensche Stiftung heißt: „Es ist eine Anstalt, welche unter dem wohlunterrichteten Vorsteher Auerba ch viel Gutes wirkt." Das Institut scheint dauernd von diesem gelehrten christlichen Theologen und Pädagogen inspiziert worden zu sein. Im Jahre 1829 nannte Bellermann diese erste Berliner aus einer Stiftung hervorgegangene Talmud Thora-Anstalt „eine Mittelschule zur Bildung guter Bürger". „Sie ist bestimmt, bedürftige jüdische Knaben nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten für das bürgerliche Leben oder zum Uebergang auf eine gelehrte Schule vorzubereiten. In Beziehung, hierauf ist der Lektionsplan zweckmäßig eingerichtet." Auch bestätigt Bellermann „die. gute Qualifikation" der Lehrer. Vor Baruch Auerbach, der im Oktober 1829 an Stelle von Leopold Zunz die Leitung der jüdischen Gemeinde-Knabenschule übernahm, hatte schon sein älterer Bruder, Dr. Isaak Levin Auerbach (geboren 1785 als Sohn des Rabbiners von Jnowrazlaw), der als tüchtiger Talmudist und Pädagoge gerühmt wird, an der Leitung der Anstalt mitgewirkt. Am 1. Mai 1837 legte Baruch Auerbach sein Amt nieder, und Herr Mayer Landsberg, der.schon bisher an der Stiftungsschule unterrichtete, sollte sein Nachfolger werden. Mir entnehmen seinem eurrieulvm vitae (Herr -Dr. Götz verdankt dieses seinem Sohne Herrn Professor Dr.-Jng. Ph. Landsberg, Königlicher Baurat) einige interessante Tatsachen. Nachdem Landsberg die Stelle des Leiters erst interimistisch verwaltet hatte, beantragten die Kuratoren (13. Februar 1838) seine definitive Anstellung. Die städtische Schuldeputation hatte „keine Veranlassung, diesem Anträge entgegen zu sein." Vor der definitiven Anstellung sollte jedoch die Aeußerung der Königlichen Ministerialkommission über Landsbergs etwaige Teilnahme an verbotenen Verbindungen eingeholt werden." Landsberg hat um die Hebung der Stiftungsanstalt ganz außerordentliche Verdienste; er war pro sebola geprüft und besaß zu einer Zeit, wo ein jüdischer Philologe für den Staatsdienst als Lehrer noch nicht die geringsten Aussichten hatte, ganz besonders hervorragende Kenntnisse. Wie Direktor Dr. Ribbeck in dem an das Provinzial-Schulkollegium gerichteten Bericht vom Jahre 1837 schreibt, unterrichtete Landsberg „in der Religion, im Talmud, im Hebräischen, im Französischen, im Englischen, in der Mathematik und in der Geschichte. Bei der am 9. Juni 1839 abgehaltenen 50jährigen Jubelfeier der Anstalt, über die sich ein Bericht in der Bibliothek des verewigten Dr. S. Neumann (jetzt in der Berliner jüdischen Gemeindebibliothek) erhalten hat, hielt Landsberg als Dirigent des Instituts einen Vortrag „Ueber die Prinzipien der Lehranstalt". Ein bei dieser festlichen Gelegenheit von dem damaligen Rabbinatsverweser Oettinger verfaßtes hebräisches Gebet hat Herr Dr. Götz in freier Uebersetzung seiner interessanten Festschrift beigefügt, ebenso ein von Landsberg verfaßtes deutsches Gebet. Dichterisch entschieden hervorragend ist das von L. Lilienthal, einem Zögling der Anstalt (aus den Jahren '1828 bis 1832), verfaßte Festgedicht, von dem wir eine Strophe hier wiedergeben: „Tod ist nur Tod für das Gemeine; Was edel war in Werk und Wort, Pflanzt sich vom Geist zum Geist fort, Und unvergänglich lebt das Reine!" .. . Obwohl Landsberg tatsächlich längst Leiter der Anstalt war, nahm die Regierung an dem Ausdruck „Rektorstelle" Anstoß. Nur als Lehrer durfte er ferner an der Anstalt in Tätigkeit bleiben; doch wurde Landsberg im Jahre 1846 als Landesrabbiner nach Hildesheim berufen. Sein Nachfolger am Institut wurde Dr. David Kassel, der auf dem damals weitberühmten Gymnasium in Groß-Glogau seine erste Ausbildung erhalten und dann in .Breslau und Berlin studiert hatte. Was David Kassel als-Gelehrter war, braucht an dieser Stelle nicht näher erörtert zu werden. Es ist aber traurig, aus der G ö tzschen Schrift zu ersehen, mit welchem bildungsfeindlichen Talmud Thora- Dorstand sich dieser Mann, der hier jahrzehntelang in den Elementarfächern unterrichten mußte, lange herumzustreiten

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