Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
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ä zur Macht geworden, für die der altisraelitische Prophetismüs sich mit voller Wucht eingesetzt hat, kommt endlich das Getriebe der Selbstsucht zum Schweigen, und ungeheure Selbstaufopferung tritt an ihre Stelle. Und ihr Ziel ist: des Menschen Wissen und Können ins Ungemessene zu vermehren, ihn zu immer neuen Triumphen zu führen. Zu Triumphen einer friedlich-schaffenden Kultur? Das wollen und sollen wir hoffen, insbesondere als Juden. Darin soll uns nichts irre machen. Nicht, daß die größten Segler der Lüfte, allen voran die Zeppelins, eine kriegerische Marke tragen: S. M. Lustkreuzer Z. l — Z. II — 3. III! Auch nicht, daß sie auf Truppenübungsplätzen landen, und Soldaten sie zur Erde reißen und wie gefangene Adler in den Käfig zwingen müssen. Daß ferner die Kanonenkonstrukteure schon die Steilrichtung ihrer Geschosse berechnen, mit denen ein feindlicher Zeppelin herabzuholen wäre, wenn er als Spion kommt, oder gar Sprengstoffe herabschleudert. Und endlich nicht einmal, daß für jeden deutschen Luftkreuzer ein neuer „Fürchtenichts" in die englische Flotte eingestellt wird. Das alles kann unfern Enthusiasmus nicht herabstimmen. Freilich, ein Zeichen der Zeit bleibt es, und ein recht betrübendes, daß der Mensch von heute im lenkbaren Luftschiff vor allem die furchtbare Kriegswaffe erblickt, in deren Besitz er kaum noch einen Angriff zu fürchten hat. Soweit sind wir in diesen langen, „glücklichen" Friedensjahren gekommen, so tief sind wir in Kriegsgedanken eingesponnen, so eifrig treiben wir kriegsgetreue Manöver. Aber auch andere Erfindungen sollten dem Menschen zuerst zur Wehr und Waffe, dienen; alsdann wurden sie zu Instrumenten des Friedens. Das Dynamit, das das Panzerschiff in die Luft sprengt, zerstört auch den Felsblock, der sich der Bahn des Verkehrs entgegentürmt. Graf Zeppelin in der Reichshauptstadt, von Volk und Fürst erwartet! Ich glaube, der Jubel wird in dem kühleren Norden nicht geringer gewesen sein, als er bisher im Süden des Vaterlandes und das letztemal in Köln a. Rhein war. Ich kann bekunden, wie er hier auf Augenzeugen gewirkt hat. Es war ein sonniger Tag, dieser 5. August. Kaum war es gewiß, daß der kühne Lustschiffer die Richtung auf Köln halte, und wieder strömten Hunderttausende von nah und fern herbei, darunter viele, die wenige Tage zuvor 14 Stunden lang und darüber vergeblich auf ihn gewartet hatten. Der Gelehrte hatte seine Bücher verlassen, der Handwerker sein Werkzeug, der Landmann sein Feld. Fahnen flatterten im Winde, als gälte es, einen Sieger zu begrüßen, der lorbeergekrönt aus der Schlacht heimkehrt. Böllerschüsse dröhnten, und endlich begann die Kaiserglocke des Domes zu läuten, über dessen gigantischen Türmen das Fahrzeug sichtbar ward. . Ein Stocken des Atems, dann ein lusterschütternder Jubel, mächtiger als der gewaltigste Choral. Es war ja auch ein Lobgesang zur Ehre Gottesder den Menschen so hoch gestellt. Und da war nicht Jude, nicht Christ; da war nur noch der Mensch;, aber ein solcher, der instinktiv fühlte, daß er über sich, selbst hinausgewachsen war. Wie winzig muß dem Luftfahrer da oben das Gewimmel der Menschen mit ihrem kleinlichen Gezänke Vorkommen. Ob die freien Lüfte vielleicht einmal den Kampf gegen die Verstockung und Verdummung in den Köpfen aufnehmen werden, wie es ja ihr Beruf ist, die fäulniserregenden Miasmen zu vertreiben? Wer kann es wissen! Aber der Jude hängt seine Hoffnung an jeden Fortschritt der Kultur. Als Christoph Kolumbus auszog, Ostindien im Westen zu finden, und Amerika entdeckte, hatten Juden nicht nur in Astronomie und Nautik , ihm vorgearbeitet, sondern jüdische Piloten steuerten seine Schiffe. Erst das vorige Jahrhundert aber hat die große Tat auch der Humanität im großen Stile nutzbar gemacht: Amerika wurde die Zuflucht der Enterbten und Entrechteten. Als Gutenberg die schwarze Kunst, erfand, erkannten die Juden unter den ersten die ungeheure Tragweite der Erfindung, und bemächtigten sich durch sie aufs Neue ihrer Geistesschätze. Und die Krone der modernen Erfindungen, dies Geschenk des 19. an das 20. Jahrhundert, das lenkbare Luftschiff sollte bei uns nicht freudigen Empfanges sicher sein? Bor einiger Zeit ging die Notiz durch die Blätter, daß der jüdische Ingenieur Siegfried Markus aus Parchim in Mecklenburg der eigentliche Erfinder und Konstrukteur des Automobils in feiner gegenwärtigen Gestalt sei. Ohne das Prinzip des. Automobils aber kein lenkbarer Luftballon! Der jüdische Techniker und der adlige, deutsche Militär; ein seltsames Gespann. Aber ist es nicht ein Symbol? Alle in die Menschheit gelegten Kräfte müssen Zusammenwirken, wenn Großes entstehen soll. Wäre es nicht kleinlich zu fragen, wem mehr, wem weniger zu danken sei, wer der Urheber des Gedankens, wer der glückliche Verbesserer und Vollender gewesen? Nicht der bescheidene Mann — die Welt nennt den Grasen Zeppelin den Eroberer der Lüfte. Er und sein Werk, sie gehören der ganzen Welt, der gesamten Menschheit; Leistungen, wie die seinige sind bestimmt, den Menschen Brücken der Verständigung und des Friedens zu werden. Davon dürfen wir um so mehr überzeugt sein, als es der Verkehr ist, dem die ungebahnten Straßen des Himmels erschlossen werden sollen. Welch' eine Geschichte hat diese Sehnsucht, und welche Ausblicke eröffnen sich ihr jetzt. Immer wieder empfand es der Mensch so drückend, daß er, wenngleich besser, als die Pflanze und das Tier gestellt, dennoch den Raum zu überwinden soviel Krastanstrengung nötig habe, und soviel Hemmnisse aus dem Wege räumen müsse. Run endlich . öffnet sich der Blick; Menschen werden zu einander getragen, wie bisher Worte und Gedanken auf den Flügeln des Windes und mit der Eile des Blitzes. Es ist ein Anfang; aber die Perspektive ist bezaubernd, fast verwirrend. Einst trieb den Menschen die Not, sich einer ferneren Küste auf schwankem Brette zu nähern; dann trieb ihn die Neugier, dann die Wißbegier weiter und weiter. Heut treibt uns die Sehnsucht, die Liebe! Die Liebe ist es ja, die unter der Trennung seufzt und klagt, und über die Nähe jubelt. Die Liebe wird feiern, die etwa das Kind zu den Eltern treibt, den Gelehrten zum Sitze der Wissenschaft, den Künstler zur Stätte der Schönheit, den Forscher zu seinen Quellen, jeden Strebenden zur Nähe seines Ideals. Die Liebe endlich von Mensch zu Mensch wird es sein, die alsdann, durch die Annäherung geschürt, vom reinen Altar in zusammenlodernden Flammen zum Himmel züngeln wird. Line IM jährige Lr?jehungssnlts1t. 3N der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (Jahrgang 1839 Nr. 22, vom 19. Februar) kündigten die Kuratoren der Nauenschen Erziehungsanstalt in Berlin mit folgenden Worten das damals zu feiernde 50 jährige Jubiläum des Instituts an: „Die Stisterin, die selige Frau Dina^Aron Kohn geb. Zaduck Nauen, hat ihr gesamtes bedeutendes Vermögen zu wohltätigem Zwecke verwendet. Als das schönste Denkmal ihrer wohltuenden Frömmigkeit aber gilt die Erziehungsanstalt, in welcher auf Verordnung der Stifterin arme Verwandte und in Ermangelung solcher auch '.'J