Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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MN 424. „Kann man sich," so fragt mit Recht die „Breslauer Volksmacht", „um das mobile Kapital zärtlicher besorgt zeigen, und ist das nicht auch ganz natürlich? Auch Agrarier haben Papierchen, und selbst Vater Plötz verschmähte es nicht, vom Giftbaume zu naschend \ . Ueber die Behandlung der jüdischen Japankrieger wird der „Rufs. Korr." aus Petersburg.geschrieben: „Daß das Unterrichtsministerium nach und nach mit fanatischer Wut die Juden von jeglicher Bildungsmöglichkeit ausschaltet, und dabei jetzt rigoroser als , in den schlimmsten Reaktionszeiten Alexanders III. verfährt, hat man in den letzten Wochen fortgesetzt erfahren müssen. Soeben hat es sich jedoch zu einer Maßnahme aufgeschwungen, die ob ihrer Kleinlichkeit besonders charakteristisch ist. Als im russisch-japanischen Kriege auch etwa 60 000 jüdische Soldaten unter den russischen Fahnen standen und alle Bitternisse des außerordentlich harten Feldzuges kosteten, da traf die Regierung aus einem gewissen Schamgefühl heraus durch allerhöchsten Befehl vom 20. August 1905 die Verordnung, daß die Kinder der jüdischen Krieger unabhängig von der bestehenden Prozentnorm in die höheren Schulen aufzunehmen seien. Augenblicklich gibt nun der Unterrichts? minister bekannt, daß diese Verordnung nur für die Zeit des Krieges Geltung gehabt habe, jetzt aber nicht mehr anzuwenden sei. Mag dieser Kommentar auch noch so absurd fein und noch so sehr dem Wortlaut des kaiserlichen Befehls zuwiderlausen, was macht es für den fanatischen Reaktionsminister, wenn nur der Zweck der Judenbedrückung erreicht ist?!" ■#* Der englische Minister des Innern Mr. Gladstone legte vorige Woche dem Parlamente einen Gesetzentwurf betreffend die Arbeitszeit in Geschäften vor, der auch für die Juden Englands wichtige Bestimmungen enthält. Das Gesetz betrifft auch die Sonntagsruhe und bestimmt, daß diejenigen Juden, welche nachweislich ihre Geschäfte am Sabbat geschlossen halten, und von der Arbeit ruhen, das Recht haben, am Sonntag das Geschäft bis zwei Uhr nachmittags offen zu halten und zu arbeiten. Interessant ist nun, daß diese Speziälbestimmung nur in den Stadtvierteln, die in. dem Gesetze angeführt werden, ihre Gültigkeit haben soll, während in anderen Gegenden und Stadtteilen die allgemeinen Bestimmungen über die Sonntagsruhe ausnahmslos auch für die Juden gelten sollen. Dieser Gesetzentwurf soll erst in der nächsten Session zur parlamentarischen Behandlung gelangen. In jüdischen Kreisen Englands wird dieser'Gesetzentwurf mit geteilter Stimmung ausgenommen. Obwohl man den liberalen Zug, der sich im Gesetzentwurf geltend zu machen sucht, ohne weiteres anerkennt, verhehlt man sich anderseits nicht, daß es gerechter wäre, denjenigen Juden, die den Sabbat halten, den Sonntag ganz freizugeben. Hingegen erblickt man in der Beschränkung der Begünstigung für sabbathaltende Juden bloß auf das Ghetto das Bestreben, die gesetzestreuen Juden in ein künstliches Ghetto zu zwingen. Wie verlautet, wird Lord Swaythling gegen diese Einschränkung eine ausgedehnte Aktion in Angriff nehmen. Ferner wird uns geschrieben: Sir Mathew Nathan ist in Anbetracht seiner hervorragenden administrativen Verdienste auf wichtigen Auslandsposten von der englischen Regierung zum Sekretär des Generalpostamts ernannt worden. Er begann 1880 seine militärische Laufbahn und nahm 1885 und 1889 an der Nil- und Lushaiexpedition teil. 1895 wurde er Sekretär des Kolonialverteidigungskomitees, 1899 beauftragte die Regierung ihn mit der Verwaltung in Sierra Leone, und später wurde er zürn Gouverneur der Goldküste und von Hongkong ernannt. 19.0.7 trat seine Beförderung als Gouverneur von Natal ein, welche Stellung er gegenwärtig noch bekleidet. Die Beförderung dieses während seiner langjährigen Tätigkeit vielerprobten Mannes ist von der gesamten Presse freudig begrüßt worden und wird dem .Postverkehr zum Vorteil gereichen. Außer seinen anderen öffentlichen Aemtern ist Sir Mathew NatHan auch Vizepräsident der Anglo Jewish Association. Die Eroberung der tvät Von Rabbiner Dr. Samuel-Essen. Beit die Menschen einst in Stadt und Land zusammenströmten, um einen neu entflammten Kometen anzustaunen und flüsternd ihreBetrachtungen über ihn auszutauschen, haben sich Menschenaugen nicht wieder mit solcher Spannung einem einzigen Phänomen der Lüfte zugewandt, wie in unseren Tagen. Graf Zeppelin hält .seit Monaten die Gemüter in Spannung. Wo er mit seinem gewaltigen Fahrzeug erscheint, ergreift ein Taumel die Menschen. Und ein Rauschen der Begeisterung geht durch die Massen: Ist es möglich? Solltees dem Menschengeiste wirklich gelungen sein? Hat er nun auch das dritte Reich erobert, das einst dem Vogel des Himmels zuerteilt ward? > Noch lange wird die Zahl der Zweifelnden und Ungläubigen groß sein. Aber wir leben nicht umsonst in einem Zeitalter, das von den Ideen der Evolution erfüllt ist. Wir dringen überall auf den Ursprung der Dinge, um im Keime das entwickeltste Gebilde wiederzuerkennen und die Wege seiner Weiterbildung zu erspähen. Wir lassen aus dem Zellkern den Menschen, aus der Nomadenfamilie das Volk, aus dem primitiven Vertrag über die Gemeindewiese ein Staatswesen erstehen. So sehen wir in dem ungefügen Riesenvogel, dessen Spannweite 150 Meter beträgt, bereits das Urbild des feingliedrigen Luftseglers, der uns einlädt, sich ihm anzuvertrauen, daß er uns von Station zu Station trage. Und er wird uns davontragen — es kann nur noch eine Frage weniger Jahre sein; trotz Wind und Wetter, in Sturm und Hagel, einzig gefesselt durch die Gesetze Keplers und Newtons. Wem fiele da nicht der Chor der „Antigone" ein: Vieles Gewaltige lebt; doch nichts ist gewaltiger, als der Mensch; oder das Wort des Psalmisten: Du ließest wenig ihm an Gottheit fehlen, hast ihn mit Ehre und Schmuck gekrönt! Und neben dem Könige der Luft schwirren kleinere Fürsten, jeder ein vorwärtsstürmender Techniker, der sich besinnungslos dem von ihm erdachten Flugapparate überläßt. So überfliegt Blöriot den Kanal und gewinnt den dafür ausgesetzten Preis. Latham, sein Nebenbuhler, will wenigstens als zweiter das Ziel erreichen; eine Meile von der Küste finkt er blutüberströmt ins Meer und wird mit Mühe gerettet. Eine zartsinnige Dame bekannte mir, daß das Schicksal Lathams ihr Tränen entlockt habe. Gleichzeitig meinte sie, man müsse Bleriot über Zeppelin stellen; denn nur mit einem Apparate, über den der einzelne verfüge und den er lenken könne, wohin ihn seine Wünsche tragen, sei das Problem für sie gelöst/ Ich meinesteils mußte daran denken, daß der brutale Kampf der Wesen untereinander, von dem Darwin unbarmherzig den Schleier gezogen, milder und milder wird, sobald er die Sphäre des Menschen erreicht, und zuletzt in den edelsten Wettkampf der Geister übergeht. Dort, wo ethische Gesinnung