Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
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die Komitees vermehrt, die erteilte moralische Hilfe hie und da wirksamer gemacht werden. Aber im großen und ganzen ist, was auf dem Gebiete der Fürsorge für die jüdischen Auswanderer aus Ost-Europa geschehen konnte, bis jetzt geschehen. Und wenn man sich vor Augen hält, daß von einer Bevormundung der großen Massen selbständig mit eigenen Mitteln und nach freigewählten Zielen auswandernder Personen überhaupt nicht die Rede sein kann, ist jede weitere humanitäre Tätigkeit auf diesem Gebiete wohl nur durch Anlehnung an das bereits Geschaffene denkbar. Die Woche. Berlin, 31. August, s war vorauszusehen, daß, wie alles, was nicht in das reaktionär-antisemitische Horn bläst, von den „Schwachen im Geiste" mit dem Worte: „Jude" abgetan wird, so auch der Hansa-Bund mit der Denksaul-Logik und allgemach bekannten Gesinnungsniedertracht als „jüdische" Institution dem blöden Unverstand der im konservativ-antisemitischen Banne stehenden Schäflein denunziert werden würde. Was haben die bösen deutschen Juden nicht bloß alles schon aus dem Kerbholz! Wenn dem feudalen Junker ein Hühnerauge schmerzt, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß Schuld daran einzig und allein die Juden sind, und wenn einem waschechten Antisemiten das Hemdknopfloch reißt, so hat natürlich wiederum niemand anders als der Jude seine Hand im Spiele. Da ist es denn nicht weiter wunderbar, wenn dieser Tage auf einem agrarischen Sommerfest bei Neuwied der preußische Landtagsabgeordnete Pfarrer Heckenroth, Mitglied der konservativen Fraktion, den ihm offenbar sehr fatalen Hansa- Bund nach antisemitischer Manier ganz mausetot schlug, indem er das Schreckliche enthüllte, daß im „Hansa-Bund nur Leute mit krummen Nasen und krummen Beinen" säßen. Das übrige also, insbesondere Denken und Verstand muß bei jenen Leuten wohl nicht „krumm" sein, sonst hätte es Herr Heckenroth doch gewiß auch gesagt. Nun kann man leider kaum daran zweifeln, daß, wenn der liebe Herrgott einen echten Antisemiten vor die Wahl stellen würde, sich für eine „krumme" Nase oder „krummen" Verstand zu entscheiden, er ohne Besinnen die krumme Nase ablehnen, während der Jude sich direkt entgegengesetzt entscheiden würde, auch auf die Gefahr hin, sich möglicherweise von Herrn Pfarrer Heckenroth in diesem Falle den Vorwurf „echt jüdischer Schlauheit" zuzuziehen. Aber daß auch ein konservativer Herr und Prediger der Nächstenliebe wie Herr Psarrer Heckenroth „krumme Nasen" und „krumme Beine" offenbar für den größten Ausbund abgrundtiefer Schlechtigkeit erachtet und sich im plattesten antisemitischen Fahrwasser bewegt, ist beschämend — für ihn — nicht für uns! Daß sich die antisemitische Behauptung des frommen Herrn mit der Wahrheit nicht ganz verträgt, sie vielmehr ebenso unrichtig ist, wie die auf dem Pücklerschen Geistesniveau stehende weitere Bemerkung des Herrn Abgeordneten, daß hinter der städtischen Preffe „zumeist Judenjungen" stehen, sei hier nur nebenbei bemerkt, denn die Widerlegung so offenbarer Unwahrheiten erübrigt sich bei allen'anständigen Menschen. Nur eine Frage, Herr Pfarrer: „War der Stifter jener Religion, deren Lehren Sie gutgläubig zu verkünden meinen, nicht auch jüdischer Abstammung? Und ist das Buch der Bücher nicht auch — wir irren doch nicht? — von „Leuten mit „krümmer" Nase und „krummen" Beinen als Weisheitsschatz 423 auch für Leute Ihres Schlages geschrieben oder überliefert worden?" /; In der „Stat. Korresp." werden die Ergebnisse der Volkszählung von 1905 für Oberschlesien mitgeteilt. Sie enthalten im Anschluß an früher gemachte Angaben jetzt noch weitere Daten über die oberschlesische Bevölkerung nach Religion und Abstammung: In der Provinz Schlesien kamen 1895 auf 1000 Personen 447,22 Evangelische, 540,11 Katholiken. 1.85 andere Christen und 10,78 Juden, dagegen 1905 429,00 Evangelische. 559,50 Katholiken. 1,99 andere Christen und 9,48 Juden. Entsprechend dem Staatsdurchschnitte sind die Anteile der Evangelischen nicht unerheblich kleiner und die der Katholiken größer geworden, während die Zahl der Juden ebenfalls geringer geworden ist. Bei Unterscheidung von Polen und Deutschen innerhalb der Hauptreligionsgruppen ergibt sich, daß 1905 am zahlreichsten die evangelischen Deutschen mit über zwei Millionen waren, die katholischen Deutschen mit 1,5 und die Polen katholischen Glaubens mit 1.2 Millionen Köpfen. Dann folgen die deutschen Juden und die evangelischen Polen mit einer nahezu gleichen Seelenzahl von 45,8 Tausend. Anteilmäßig im Verhältnisse zur Provinzbevölkerung - haben die Deutschen und Polen katholischen Glaubens zu- und die Deutschen und Polen evangelischen Glaubens abgenommen. Auch bei den Juden, welche sich bis auf eine verschwindende Anzahl der deutschen Muttersprache bedienen, ist absolut und relativ eine Abnahme zu verzeichnen. Berücksichtigt man lediglich den Regierungsbezirk Oppeln, so befanden sich 1905 dort 138 906 evangelische Deutsche, 598 639 katholische Deutsche, 1 125 361 katholische Polen, 19 080 jüdische Deutsche, 157 jüdische Polen und 573 Deutsche und Polen anderen Religionsbekenntnisses. * Die „Schlesische Morgen-Zeitung", das von dem bekannten Antisemiten Dr. Nitschke redigierte offizielle Parteiorgan der schlesischen Konservativen, überschlägt sich förmlich vor Wut gegen die liberalen Parteien; in einer seiner letzten Nummern tobt es sich folgendermaßen aus: „Was. will denn diese liberale Hetzpresse? Ihren Parteivorteit. Wenn sie den durch solch unwahre gehässige Agitation zu erreichen sucht, täuscht sie sich. Diese verlogene demagogische Hetze kommt nur dem ödesten Radikalismus zugute, und er hat seinen sicheren Hort in der Sozialdemokratie. Die liberale Presse erreicht aber auch auf der anderen Seite nur das Weitere, daß es konservativerseits mit dem Liberalismus kein 'Paktieren mehr gibt und er bei Wahlen vor seinem Schicksal steht, zwischen den beiden „Extremen" zerrieben zu werden. Daran wird auch die Arbeit und das Geld der neuen Judenschutztruppe, des Hansa-Bundes, nichts ändern. Kaffee, Tee und Zündhölzer sind neu besteuert worden. Warum? Nicht, weil die Konservativen die Erbanfallsteuer abgelehnt haben. Das ist die größte und gemeinste Lüge, die der Liberalismus .in diesen Wochen ausgebracht hat. Sondern, weil die Freisinnigen die von der Regierung vorgeschlagenen indirekten Steuern nicht in der Höhe bewilligten, daß die 400 Millionen heräuskamen. Wie steht es nun bei den Besitzsteuern? Woher das große Geschrei über die konservativen Vorschläge? Weil die Börse mit heran sollte! Die Regierung hat die Börse ganz vergessen, als die Steuervorlagen ausgearbeitet wurden. Sie sollte ganz frei bleiben. Die Konservativen erinnerten daran, und das ganze Judentum kreischte auf." , Merkwürdig nur, in welcher hochfeudalen Vermummung zuweilen das Börsen- und Judentum auftritt. In diesen Tagen glänzte an Berliner Litfaß-Säulen die Ankündigung: Wie schützt sich der Kapitalist vor Verlusten an der Börse? Bon Graf von Mirbach-Sorquitten Deutsche Verlagsanstalt „Patria", G. m. b. H. Zu beziehen durch jede bessere Buchhandlung.