Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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faktische Emigration würde dadurch bis auf einen^ kaum strennens^ werten Teil gar nicht berührt werden, da sie sich auf Grund rein individueller Bestrebungen vollzieht und sich nicht anders vollziehen kann. .Aber schon der bloße Gedanke, daß die jüdischen Auswanderer, soweit von den - wirklich großen Massen, die Rede ist', überhaupt irgendwohin „geschickt"- werden könnten/ ist eine^ durch^statistische Zählen als eine den Tatsachen Vollkommen widersprechetlde Hypothese . zu betrachten; denn mindestens 90% der Emigranten braucht weder Unseren Rat, noch unsere Hilfe, ist vollkommen unabhängig und würde sich jedes, noch so wohlwollendes Dreinreden, verbieten. Eine Zusammenstellung über die von den Einwanderern in New York mitgebrachten Barmittel pro 1905 ergibt, daß die einwandernden Juden weder absolut noch relativ zu den allerärmsten Einwanderern gehören. Sie haben in diesem einen Jahre nicht weniger als 1824 617 Dollar (nahezu 10 Millionen Kronen) nach den Bereinigten Staaten mitgebracht und selbstverständlich haben alle diese Personen auch vorher ihre Schiffskarten aus Eigenem bezahlt, da diejenigen, welche Mittel besitzen, von den Hilfskomitees in Europa nicht unterstützt werden. Relativ rangieren die Juden mit 14 Dollar per, Kopf zwar hinter den Böhmen und Ungarn, aber noch vor den-Polen, die nur je 13 Dollar im Durchschnitt und den Ruthenen, welche nur 12% Dollar mitbringen. ' Nichtsdestoweniger sind selbstverständlich alle Bestrebungen, welche dahin gehen, durch richtige Informationen, durch Aufklärung über die Arbeitsverhältnisse und namentlich durch Schutz vor Ausbeutung den Auswanderern moralischen Beistand zu leisten, als nützlich und dankenswert zu betrachten. Sie erleichtern das Werk der bestehenden Hilfsorganisationen und erhalten das Interesse wach für das Werk der Menschenliebe und Barmherzigkeit im Dienste der Unglücklichen. die. sei es als Opfer der Verfolgung, sei es aus wirtschaftlichen Gründen jenseits der Meere Obdach Und Brot suchen. 2. Die 422 gegenwärtige Organisation der Informations- Bureaus. Um nach Möglichkeit den armen unerfahrenen Emigranten Rat und Auskunft zu erteilen, um sie über die wirtschaftlichen Verhältnisse in den überseeischen Ländern zu informieren, ihnen die genauen Fahrpreise anzugeben und eventuell die zu erlangenden Ermäßigungen bei den Schiffahrtsgesellschaften zu vermitteln, besonders aber, um sie vor der Ausbeutung durch die Agenten zu schützen, besteht schon seit mehreren Jahren ein durch ganz Europa ausgebreitetes Netz von Hilfskomitees und Informationsstellen, welche teils selbständig wirken, teils von den großen Hilfsorganisationen subventioniert werden. In erster Reihe aber haben die von bete Jewish Colonisation Association („Jca“) in Rußland selbst geschaffenen, mit großen Kosten erhaltenen Jnformationsbureaus und Auskunftsstellen in den meisten von Juden bewohnten Städten, selbst in den kleinsten Ortschaften bereits sehr viel zur Ordnung und Regulierung der Emigration beigetragen. In St. Petersburg besteht ein Zentralkomitee der genannten Gesellschaft, das einerseits mit unserer Allianz in Wie» und den Hauptorganifationen der anderen westeuropäischen Länder, anderseits mit Lokalkomitees in allen russischen Provinzorten in permanentem Kontakt ist. Dieses Zentralkomitee redigiert auch in jüdisch-deutscher Sprache (in hebräischer Schrift) eine zweimal monatlich erscheinende Zeitschrift „Der jüdische Emigrant", die in 50 000. Exemplaren verbreitet, die weitesten Kreise selbst der ungebildeten Juden in entlegenen Provinzorten mit den tatsächlichen Berhältniffen der Emigration vertraut macht. Dieses Organ der Jnformationsbureaus bringt fast in jeder Nummer ausführliche Berichte von verläßlichen Korrespondenten aus New York und anderen amerikanischen Zentren, Briefe aus deneuropäischen Hafenstädten und Berichte von den Komitees und den Vertrauensmännern im russischen Reiche, ferner genaue Angaben über die Bahn- und Schifffahrtspreise von jeder russischen Grenzstadt aus. Jnformationsbureaus bestehen in Nordwestrußland im Gouvernement Witebsk in 11 Orsen, im Gouvernement Mohilew an 11 Orten, im Gouvernement Minsk an 58 Orten, im Gouvernement Kowno an 9 Orten, im Gouvernement Wilna an 18 Orten, im Gouvernement Grodno an 13 Orten; für Südwestrußland im Gouvernement Wolhynien an 26 Orten, im Gouvernement Podolien an _ : . . 12 Orten,, iin Gouvernement Kiew an 30 Orten, inden ^Gouvernements Pöltawa und Czernigow an 22 Orten; für Russisch-Polen in Warschau und in 16 Provinzorten; für Südrußland in Kischinew, Odessa, Cherson, Ekaterinoslaw, Simferopol und 29 anderen Orten; ferner, iy den Ostseeprovinzen und in Finnland. x 5 Die „Israelitische Allianz zu Wien" steht in regelmäßiger Korrespondenz hauptsächlich mit dem Zentralkomitee in St. Petersburg, korrespondiert aber in besonderen Fällen im Interesse der Emigranten auch mit den provinzialen Hauptkömitees in Rußland. Ueberschreiten die Auswanderer die russische Grenze, so sind auf der preußischen Seite Jnformations- und Schutzkomitees in Königsberg, Memel, Tilsit, Prostken, Thorn, Myslowitz, Kattowitz, Ratibor und längs der ^österreichischen Grenze die Filialen und Lokalkomitees der Wiener Israelitischen Allianz in Nowosielitza, Czernowitz. Podwoloczyska, Brodh, Husiatyn, Krakau und Lemberg. In- Wien wie in-Berlin sollte sich eigentlich das Hilfswerk darauf beschränken, Direktive» an die Grenzkomitees zu erteilen und es sollte kein hilfsbedürftiger Ans-. Wanderer passieren, für den nicht schon von Rußland aus oder bei der Jnstradierung an der Grenze vollkommen gesorgt ist. Durch den Umstand jedoch, daß zahlreiche, durch die wirtschaftliche Notlage zur Auswanderung gedrängte Familien entgegen den Warnungen, die so häufig erlassen werden, sich ohne genügende Mittel und ohne Sicherheit über die Zulassung zur Landung-'oft auch ohne bestimmte Ziele sich auf die Wanderung machen, haben die mitteleuropäischen Zentralstellen neben ihrer weitverzweigten Hilsstätigkeit ebenfalls Tag für Tag als Jnforinationsbureau für zahlreiche ratlose Durchwanderer zu wirken. Rumänien kommt natürlich gegenüber Rußland mit feinen sechs. Millionen Juden verhältnismäßig nur wenig in Betracht. Die Regelung der Emigration in diesem Lande konnte schon vor vielen Jahren von der Jewish Colonisation Association in Verbindung mit unserer Allianz dadurch leicht durchgeführt werden, daß der ständig in Bukarest wohnende Vertreter der Hilfsorganisationen in ununterbrochener Verbindung mit Vertrauensmännern in allen rumänischen Städten für die Verbreitung verläßlicher Informationen sorgt. Anläßlich der wiederholten großen Auswanderung in den -verflossenen Jahren war das Hilfswerk so organisiert, daß viele Tausende von Personen in geordneten Gruppen, jedesmal vorher der Israelitischen Allianz in Wien avisiert, aus Rumänien reisten, bei der Ankunft in Wien am Bahnhofe von unseren Beamten erwartet, verpflegt und innerhalb weniger Stunden (wenn nicht gerade ein Sonnabend eine Unterbrechung der Reise und längeren Aufenthalt in Wien nötig machte) unter telegraphischer Benachrichtigung des von uns subventionierten Auskunftsbureaus in Basel dorthin weiter expediert wurden, um von dort über Rotterdam oder Antwerpen nach überseeischen, bereits vor der Abreise aus Rumänien festgesetzten Zielen befördert zu werden. Bei der Ankunft in Nordamerika, in Kanada wie in Argentinien wirken eine ganze Reihe von Empfangskomitees dahin, daß den unerfahrenen Personen in der neuen Heimat Auskunft, Rat und Schütz zuteil werde. In New York besteht eine jüdische. Hilfsgesellschaft für Einwanderer (Hebrew Immigrant Aid Society), mit der wir, sowie die anderen europäischen Organisationen, in regelmäßiger Korrespondenz uns befinden, und die ihrerseits mit Komitees und Vertrauensmännern in den meisten anderen amerikanischen Städten in Beziehung steht. Ein besonderes Komitee in New York (Removal-Committee) unterstützt mit Rat und Tat diejenigen Personen, welche angesichts der ungeheuren Schwierigkeit, sich in dem von armen Juden überfüllten New York eine Existenz zu begründen, nach dem Innern des Landes weiterzureisen geneigt sind. Seit einiger Zeit erscheint in New York auch für die Einwanderer eine besondere, in jüdisch-deutscher Sprache mit hebräischen Lettern herausgegebene Zeitschrift, in welcher über das Leben in Amerika, die Erwerbsverhältnisse im allgemeinen, den Arbeitsmarkt in den verschiedenen Staaten der Union, die gemeinnützigen Anstalten ufw. ausführliche Informationen erteilt werden. Der Referent kommt zu folgendem Resume: Es bleibt natürlich noch sehr viel zu. tun übrig.. Die bestehenden Einrichtungen können. erweitert und ausgestaltet,