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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-03 · Heft 36 (3.9.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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U: Jahrgang. Nr. 36. - gs Berlin» 3. September 1909, Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Diese -Zeitung -erscheint. wöche n tli ch. Äbonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin «. Vororten durch unsere yerMebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. 5 . Begründet von , Rabbiner D*- Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Bertif 'Jerusalemer Sfr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktien und Expedition sind an die Adresse Verlag der .Ullgern. Zeitung des Judentum»- Berlin SW., Ierusalemer Straße 4K/V, zu richten. ■t Berlin, 31. August. ,1 nber kürzlich erschienenen Juli-Nummer der von Herrn Rabbiner Dr. Ä. Kaminka in Wien redigierten' Mitteilungen der Israelitischen Allianz zu Wien" ist unter anderem ein interessanter Aufsatz über die Regelung der jüdischen Emigration enthalten, ein Gegenstand, der gerade jetzt von verschiedenen jüdischen Gesellschaften in. Diskussion gezogen .Mrö. --Herr -Dr.' ^n-mn-n-ktt/ der seit einer Reihe von Jahren Äs Sekretär der Wiener Allianz selbst. an der Regelung der russischen und der rumänischen Emigration einen hervorragenden Anteil genommen, hat auf diesem Gebiete umfassende Erfahrungen gesammelt, die Beachtung verdienen. Wir glauben daher, daß seine Mitteilungen, die aus -einem von ihm vor der Wiener Allianz gehaltenen Vortrag Mammen, unseren Lesern willkommen sein werden: 1. Der relative Amfang und die Qualität der jüdischen Emigranten. . '' Menschenfreunde, die mit einzelnen armen Auswanderern zu tun " haben, die zu jeder physischen Arbeit befähigt und in . jedes beliebige Land zu gehen bereit sind, um sich nur eine Existenz zu begründen» -sind leicht geneigt, zu generalisieren und dies als den Typus des jüdischen Emigranten zu betrachten. Wenn sie dann hören, daß m einem Jahre über 100 000 Juden aus Rußland ausgewandert sind, stellen sie sich unwillkürlich eine ebensolche Zahl arbeitskräftiger und kolonisatorisch in jedem Lande verwendbarer Personen vor und . werfen die naheliegende Frage auf, ob es nicht zweckmäßig wäre, diese großen Menschenkolonen, deren Bewegung sie als eine beispiellose Erscheinung betrachten. nach einem bestimmten Territorium zu dirigieren, wo sie darauf Ruhe und Erwerb finden könnten. Run liegen aber die Dinge ganz anders. Die gesamte jüdische Auswanderung, selbst aus den Ländern, wo die größten Verfolgungen - stattfinden, bildet nur einem unbedeutenden Teil der europäischen Emigration überhaupt und steht wie die statistischen Zählen beweisen, : trotz der besonderen politischen Leiden der Juden vorwiegend unter? dem Einflüße rein wirtschaftlicher und individueller Triebkräfte. So , sind im Jahre 1906/07 (dem letzten vor der amerikanischen Krise) aus Rußland allerdings 114 932 Juden nach den Vereinigten Staaten ausgewandert.. Aber, in demselben Jahre betrug die Zähl der eüro- (- pcsischen Auswanderer in diesem hauptsächlichen Einlvanderungsgebiete \ nicht weniger als 1285349 Personen, also mehr als das Zehnfache- An dieser Zahl partizipieren die Italiener allein mit 294O61 Personen, also weit mehr als mit, der . doppelten Zahl der emigrierendenJuden aus ganz.Europa, welche im genannten Jahre auf etwa 14ÜOOÜ Per- ' fönen berechnet wurde. Die Massenwanderung der Juden .hat also, wenn man die besonderen Erwerbsverhältnisse und die leichtere 'Be-D Möglichkeit derselben in' Betracht zieht/ weder etwas Ungewöhnliches noch etwas Beunruhigendes. Nebenbei, bemerkt,^bilden die 114239 russischen Juden -auch nur 44?r/o -dev Auswanderung aus dem russischen - Reiche allein, wo die nichtjüdischen Bauern doch viel schwerfälliger die Erlangung von Reisepässen ungeheuer schwierig ist und die ' kolossale Ausdehnung des allen Nichtjuden offen stehenden Reiches . doch, wie man annehmen möchte, eine Emigration nach Amerika gar : nicht aufkommen lassen sollte. ' ' Aber auch bezüglich der Qualität ist. die Statistik besonders lehrreich/ da sie den jüdischen Einwanderern zwar das an sich sehr; günstige Zeugnis ausstellt, daß sie die größte Anzahl gelernter Arbeiter > (skilIed trades) stellen, - dieser Umstand aber in wirtschaftlicher Verziehung sich zu ihrem Ungunsten wendet. Sie sind nämlich dadurch ^'tticht ein Menschenmaterial schlechtweg, eine undifferenzierte Masse von Arbeitskräften, die man beliebig dirigieren kann, sondern vorwiegend Personen und Familien, die nur in bestimmten Gebiet'en und unter bestimmten Verhältnissen ihre Existenz finden können. So waren z. B. unter der genannten Zahl jüdischer Einwanderer in Nordamerika 21 779 Schneider, 4790 Schneiderinnen, 2087 Wäschenäherinnen, also zusammen 28 656 Personen, die in der Kleider» und Wäschebranche Beschäftigung suchen und wohl kaum zu irgendetwas k"NN.derem. befähigt waren. Eine Berechnung des Prozentsatzes jüdischer Handwerker bestimmter Kategorien im Verhältnis zu den übrigen , Emigranten desselben Handwerkes ergibt folgende Tabelle: es waren j im Jahre 1O06/O7 von den einwandernden - Hutm ackern . . - 74,5°/0 Spenglern (tinners) . 56,8% \ Schneidern . . . 71,0% Schneiderinnen . . . 50,2%! ■ Modistinnen. . . 70,0% Juwelieren . . . . 48,8% i: Buchbindern . . . 67,2% Tapezierern . . . . 47,4%. Kürschnern . . . 65,1% Graveuren . . . . 33,5%- Uhrmachern .. . . 62,5% .. Schlossern.. .. . . . 32,9% Juden. Außerdem waren unter Yen Einwanderern: 3534 Kaufleute. . 66 Künstler, . j . 2420 Kommis. 63 Literalen, 269 Lehrer, ■■ .; 54 Ingenieure, 178 Musikanten, 49 Rabbiner und Kantoren. 69 Elektrotechniker, Bei dem größten Teil - dieser Personen muß man - sich Familienhäupter denken, die entweder ihre.Angehörigen schon milhaben, oder sie in kürzester Frist, nach Erlangung dauernder Arbeit, Nachkommen lassen:.wollen. ' - - . Schon: aus dieser Zusammenstellung allein ergibt sich auch der zweite.Irrtum, der in weiten Kreisen-, verbreitet zu sein scheint, daß nämlich die Emigration künstlich lenkbar, wäre, und daß man sie auf Grund, politjscher oder.menschenfreundlicher altruistischer Erwägungen nach.irgendeinem besonderen. Gebiete dirigieren könnte. . Kann man sich vorstellen.- daß in-irgendein geschlossenes, , neu zu kolonisierendes Gebiet .in einem Jahre 21779 Schneider und in ähnlichem Verhältnisse andere Professionisten geschickt werden können? Würde ein -Territorium, gefunden werden, d«zs eine besondere Anziehungskraft f ür arbeitsfähige.Personen hätte, die, nicht bestimmten Berufen an- .gehören, so/könnte dies höchstens.zur- Folge haben, .. daß ganz neue, bisher gar nicht in Bewegung stehende Massen. angezogen werden würden, wie dies bei der Entdeckung eines Goldgebietes für abenteuere lustige und geldgierige Personen geschieht. Die gegenwärtig bestehend^ •1 ■I 'I

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