Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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jausende hochgestellter Zuhörer in der Heimat wie, in der Ferne zu höchster Bewunderung hingerissen, den ein Hanslik geradezu als ein Phänomen bezeichnete— es nicht verschmähte, an hohen jüdischen Feiertagen das.Betpult seiner Heimatgemeine Jebenhausen zu betreten und dort> wie er es in jungen Jahren getan, seine Kunst in den Dienst des Allerhöchsten zu stellen — in schlichter, echt jüdischer Art — alle Herzen..bezaubernd durch den Glanz dieses wunderbaren Organes mit tiefster Andacht zu erfüllen. Die Jahre verrauschten; doch schienen sie an dieser Stimme abzuprallen, denn noch mit 80' Jahren betrat er die Stätte früherer Triumphe und riß die alten Bewunderer -aus seiner Glanzzeit und das ganz vollbesetzte Haus zu Stürmen des Beifalls hin, als er in den Rollen des Eleasar und Lyonel einige Lieblingsstücke zum besten gab. Natürlich war es schon lange mein heißer Wunsch, diesen interessanten Mann kennen zu lernen, ihn dann zu hören und einiges mir aus seiner Vergangenheit erzählen zu lassen. Da fügte es der Zufall günstig, daß ich jüngst im Hause des Herrn Siegfried Kahn den Kammersänger traf. Eine hohe Gestalt, ungebeugt trotz der 89 Jahre, doch der Blick etwas müde. Ich steuerte direkt aufs Ziel los — ich wollte den Klang der einstigen . Zauberstimme hören und bat den liebenswürdigen Mann — unter Berufung auf meine lange Sehnsucht nach dieser Begegnung, einiges zu singen. Und was ich hörte, erfüllte mich mit Staunen. War das noch ein Greis von nahezu 90 Jahren, gehörte dieser Mann einer vergangenen Epoche an? Da lauschte ich einem iVIussaph-Laääisch vom Neujahrsfeste, einer Äbbodah unt> einer wohl selten gehörten leebinna in einer Innigkeit und Wärme der Empfindung, mit einer Stimme, die den. verborgensten Falten des Herzens entquillt. Immer mehr belebten sich seine Züge, er erklärte mir. den Eleasar, dessen Begegnung mit dem Kardinal, und der Schmerz des Juden, die zwingende Gewalt des überlegenen Geistes gegenüber dem finsteren Machthaber kamen geradezu rührend zum Ausdruck. Ich war ganz Auge und Ohr, ich verschlang jeden Ton, und in meinem grenzenlosen Staunen war ich mir bewußt, einige meiner erhebendsten Stunden erlebt zu haben. lieber sein Verhältnis zu Richard Wagner befragt, worüber abweichende Gerüchte .kursierten, teilte der Künstler mir mit, daß er einst in Gegenwart Wagners, der Sontheim seinerzeit, wo doch alle Welt ihn vergötterte, als einen unbekannten Großen kennzeichnen wollte, zu einem Bekannten mit lauter Stimme sagte: „Sie wissen, daß ich seine Majestät vor Jahren in einem Immediatgesuch dringlich ersucht habe, mich von Wagner- Partien zu entbinden." Zum Schlüsse fragte ich den Kammersänger, ob er, wie vor zehn Jahren, auch am 3. Februar nächsten Jahres, an seinem 90. Geburtstage an der alten Stätte früherer Triumphe auftreten werde, worauf er allen Ernstes erwiderte, daß er sogar darauf rechne. ’ 8. Straßburg, 18. August. In der letzten Zeit hat es den Anschein, als ob man es darauf abgesehen hätte, die bestehenden jüdischen Elementarschulen des Landes nach und nach verschwinden zu lassen. Die Gemeinderatsbeschlüsse betreffend Aufhebung der jüdischen Schulen mehren sich, ohne daß irgendwie Anstalten getroffen werden, an anderen Orten lebensfähige Schulen als Ersatz einzürichten. Bis jetzt ist es. noch — allerdings mit großer Mühe — gelungen, die gefährdeten Schulen in Schlettstadt, Müttersholz ^und Niederbrönn zu erhalten? Nebenbei möge Wer bemerkt sein,/daßWie Erhaltung derWüdischen Schule iy Niederbronn - Hauptsächlich /d.ein energischen - Aüftreten des dortigen katholischen Pfarrers ^zu verdanken seich soll.? s Ueber kürz oder lang, wird jedoch in genannten Gemeinden dre! j Katastrophe eintreten, und andere, wo die Kinderzähl ein!■ Minimum herabgesunken.ist, werden folgen! Unbegreiflich erscheint!•; jedoch, die.' Tatsache; daß man es selbst in GHrlernden? wie in Winzt heim bei Kolmar, wo die Kinderzahl noch # beträgtEd' reichlicher ^Nachwuchs vorhanden ist, wagt, im GemeinderÄWe. Auflösung'der' jüdischen. Eleinentarschule zu beschließen. Wo /i.n-. Elsaß-Lothringen ^ist es jemals vorgekommen, daß auch nur dev Gedanke' auskam, eine u christliche Schule mit 30 Schülern eingehen zu lassen? Das Zustandej; kommen dieses? Beschlusses gewinnt dann an Interesses! Wenn wir. verraten, daß von den drei Vertretern der jüdischen Anis gelegenheiten im Gemeinderate zwei 'für Auslösung der jüdischen Schule .stimmten, während -der.{ dritte?/bei ^den i Abstimmung durch? Abwesenheit glänzte. Die Wiederherstellung der früheren Zustände; . d. h/ Wiederanstellung eines jüdischen Klassenlehrers an den christlichen Schulen, hem .dann vielleicht außer Religion an die jüdischen Kinder noch einige technische Fächer, wie Turnen, Zeichnen, Schreiben usw. übertragen werden, ist keineswegs ein Ersatz für den Verlust, den die.jüdische Gemeinde durch Preisgabe ihrer Konfessionsschule erleidet, da dadurch die hiesigen Schulen ihren christlichen Charakter absolut nicht einbüßen und von Simultanschulen also auch dann nicht die Rede sein kann. Bei der geringsten Abnahme der jüdischen Schüler könnte auch der jüdische Lehrer ganz verschwinden. Es wird also Sache der Kultusverwaltung und des Konsistoriums des Oberelsaß sein, unverzüglich an maßgebender Stelle die nötigen Schritte zu tun, um daselbst zu veranlassen, daß der in Winzheim gefaßte Gemeinderatsbeschluß betreffend Aufhebung der jüdischen Schule höheren Ortes nicht genehmigt werde. * Gefterretch-Nnssrn. Sch. Wien, 19. August. Die Mutter Leopold Hilsners ist gestorben. Diese Frau wurde durch das traurige Schicksal ihres Kindes allbekannt. Längst nachdem sich die Tore des Gefängnisses hinter Leopold Hilsner geschlossen hatten und jede Hoffnung, eine Remedur dieses schmachvollen Prozesses zu erzielen, geschwunden war, hat die unglückliche Mutter in unorthographischen, rührenden Briefen sich an Männer der Oeffentlichkeit gewendet, um für ihr Kind Hilfe zu erlangen. Traurige Erinnerungen sind es, die das Hinscheiden von Maria H il s n er-H i m m e lrei ch erweckt. Leopold Hilsner verbringt seine Jahre hinter Kerkermauern, ist ein Toter; abgeschieden von aller Welbt lebte auch die jetzt Verstorbene. Nur , die .Schande lebt fort, die brennende Scham, wie sie jeder ehrlich Denkende, ob Jude ob Christ, in Oesterreich empfindet» denkt er an den Prozeß Hilsner. Gewiß, Leopold Hilsner selbst konnte keine Sympathien finden, er war alles eher denn ein würdiges Element der Gesellschaft. Aber daß er leiden muß für viele, daß er so schwer glauben lernen mußte an antisemitische Barbarei und Niedertracht — dies hat ihn uns nähergebracht. Er war ein Opfer antisemitischer Bestialität. Noch immer wird um seine Befreiung gekämpft, denn diese ist eine Ehrensache aller Juden. Gnadengesuche taugen nichts. Recht muß ihm werden, und damit auch unserer Ehre. Denn in ihm wurde ein „Ritualmörder" verurteilt. Herr Hans Arnold S ch w e r, der berüchtigte Ritualmordfabrikant, der „Bluthund von Polna", nimmt heute im öffentlichen Leben Oesterreichs eine hohe Stelle ein. Sein Opfer siecht im Gefängnis dahin. Gibt es noch Richter in Oesterreich? . . . Marie Hilsner hat gehofft, sie zu finden. Sie starb, und wir suchen weiter. Werden wir diese Richter finden? * England. z. London, 12. August. Obwohl Übersetzungen von Nietzsche seit langem in allen modernen Sprachen erschienen sind, hatte sich teils infolge eines gewissen Jndifferentismus, um nicht zu sagen infolge einer Opposition gegen seine revolutionären Ideen eine Ueber-- setzunZWtetsch.es ins Englische bis jetzt äls unmöglich .erwiesen. Es ist nun das Verdienst des jüdischen Verlegers Dr. Oscar Levy, eine 18 Bände umfassende Nietzsche-Uebersetzung bewerkstelligt zu haben, / von der vier Bände bereitserschienen sind,: Band eins und zwei - „Unzeitgemäße Betrachtungen", Band drei „Die Geburt der Tragödie" / und Band vier „Jenseits von Gut und Böse". Unter den Uebersetzern, -. die Dr. Levy für dieses große Kulturwerk gewonnen hat, begegnen? wir der Miß Helen Zimmern, in deren 'Adern jüdisches Blut fließt. Sie hat „Jenseits von Gut und Böse" herrlich in gebundener Rede . wiedergegeben. Auch hier haben wieder einmal Juden ihre Mission? als Kulturträger zu wirken würdig ausgeübt. Unser Glaubensgenosse - Sir Ernest Cassel hat gemeinschaftlich mit Lord Jveagh bei den! „British Metalliferous Mines“ in Cornwallis fünf Gramm reißen Radiums bestellt, das seine.Verwendung zur Bekämpfung der Krebskrankheit finden soll. Da das Milligramm Radium ans vier Pfund Sterling, also achtzig Mark deutschen Gelbes, zu stehen kommt, so? repräsentiert diese Stiftung die ansehnliche Summe von 400 000 Mark. ' Sir,7Wnest Eassel /und Mrd Lpeagh:haben schon früher große'Auf-