Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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73. Jalirgang Nr. 35. ”• August 1909. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums. korrelpondrnHM und Nachrichten. Deutschland. s. Beelin, 24. August. Der Nestor der Prediger an der hiesigen Jüdischen Neformgemeinde, Dr. Julius Oppenheimer, ist am 21. d. M. im84.Lebensjahre nach kurzem Leiden verschieden. Fast ein halbes Jahrhundert wirkte der Verstorbene innerhalb der Gemeinde. In dem letzten Dezennium übernahm er die Liturgie, und sein schönes, klangvolles Organ sowie die Innigkeit seines Vortrags trugen viel zur Hebung des Gottesdienstes bei. Am 7. Mai 1826 zu Uslar in der Provinz Hannover geboren, wurde er von seinen frommen Eltern frühzeitig für das Talmudstudium bestimmt. Er besuchte zunächst die Schule in Kassel und Halberstadt. Dann ging er nach Berlin« um unter günstigeren Verhältnissen sein Studium fortzusetzen. Im Jahre 1851 erlangte er am hiesigen Köllnischen Gymnasium das Zeugnis der Reife, studierte einige Jahre an der Berliner Universität und begab sich alsdann nach Prag, wo er unter Leitung des berühmten Rabbiners Rappaport seine, theologischen Studien fleißig fortsetzte und auch zum Abschluß brachte. 1856 promovierte er in Leipzig und ging alsdann als Religionslehrer nach Wien. Im Jahke 1860 wurde er an der Berliner Jüdischen Reformgemeinde als Prediger und Lehrer angestellt. Anläßlich seines 80. Geburtstages wurden ihm vielfache Ehrungen seitens des Vorstandes und der Gemeindemitglieder zuteil, die ein schönes Zeugnis für die allseitige Beliebtheit des Verstorbenen ablegten. In dem nun Heimgegangenen verliert die Jüdische Reformgemeinde einen um ihr Wohl stets besorgten und pflichteifrigen Seelsorger, dessen Andenken alle, die ihm nahe standen, stets in Ehren halten werden. Die Trauerseier für den Verstorbenen fand heute vormittag im Gotteshause der Jüdischen Reform gemeinde statt. Der Sarg war vor dem Altar aufgebahrt und mit Kranzspenden überschüttet. An seinem Kopfende lag der Kranz des Vorstandes und der Repräsentanten der Jüdischen Reformgemeinde. Neben dem Vorstand und den Repräsentanten waren auch Deputationen der Logen St. Johannis Viktoria und St. Johannis Germania anwesend. Als die Orgel einsetzte, erschienen die nächsten Angehörigen und Verwandten des Entschlafenen. Nach einem einleitenden Chorgesang hielt Prediger Dr. M. Levin die Gedächtnisrede. Er wies darauf hin, daß Dr. Oppenheimer schon vor einem Jahrzehnt sich den Text zu seiner Leichenrede selbst gewählt habe, und zwar das Psalmwort: „Mein Fuß schritt auf ebener Bahn und mein Herz war gerecht und gerade." Dieses Wort sei auch geeignet, die ganze Persönlichkeit des Verstorbenen in seinen Hauptzügen zu erfassen. In dem halben Jahrhundert seiner Amtstätigkeit in der Gemeinde habe er sich stets als gerader Mensch gezeigt voll Diensteifer und Pflichttreue. Nichts Stürmendes und Strafendes haben seine Predigten durchweht, da er jederzeit bestrebt gewesen sei, das rein Menschliche zu erfassen. Die Trauer und der Schmerz, die Herr Dr. Levin als Freund und Kollege des Dahingeschiedenen in seine Worte legte, teilten sich den Zuhörern mit und übten auf sie einen tiefen Eindruck aus. Nach einem Schlußgesang wurde die Leiche nach dem Friedhof in Weißensee überführt, wo die Beisetzung unter den üblichen Gebeten erfolgte. ---Berlins 17. August. Von der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. erhalten wir folgende Zuschrift: Seit einer Reihe von Jahren haben wir unser Augenmerk der Organisation der jüdischen Jugend zugewandt. Auf unsere Anregung sind in vielen Städten unseres Vaterlandes jüdische Jugendvereine entstanden, die gut arbeiten und die sich Ende Mai d. I. zu einem Verbände zusammengeschlossen haben. Da diese Jugendvereine zumeist nur Jünglinge umfassen, sind wir mit dem Studium der Frage einer gleichartigen Organisation auch für junge Mädchen beschäftigt. Wir wären für die Zusendung von einschlägigem Material sehr verbunden. Zuschriften sind zu richten an das Bureau der Großloge für Deutschland VM U. O. B. B/ Wilhelmstr. N8. 8. Berlin, 24. August. Im November dieses Jahres wird das „Israelitische Lehrerinnenheim" in Lichterfelde sein zehnjähriges Bestehen feiern. Es ist einer kleinen Schar altersmüder Lehrerinnen zum echten Ruhehafen geworden, und das Glück, das es spendet, wird von allen Insassinnen voller Dankbarkeit anerkannt. Mehr und mehr hat sich die Kunde von diesem SegenSwerk auch in den Provinzen des Vaterlandes verbreitet, "und schon jetzt zwingt eine Ueberzahl von Bewerbungen zu dem Plan der Erweiterung des Baues. Nichts ist schmerzlicher, als den verdienstvollen Frauen unserer gebildeten Stände, wenn sie, müde gearbeitet, Ruhe für letzte Lebensjahre suchen wollen, ein hartes „Nein" entgegnen zu müssen. In diese traurige Lage ist der Vorstand des Heims versetzt, falls es ihm nicht durch diese Mitteilung gelingt, neue Gönner zu werben. Ein Vermögensfonds ist bereits gestiftet, aber weitere Mittel fehlen, und wenn dieser Appell an die Humanität nicht ungehört verhallt, gibt es bald weniger Enttäuschte unter den würdigen Arbeiterinnen am Werk der Kultur. Eventuelle Spenden nehmen die Vorsitzenden: Dr. A. Oliven, Lützowstraße 89/90; Fräulein Münchhausen, Friedrich Wilhelmstraße 18; Frau Henriette May, Königgrätzer Straße 97, gern entgegen. F. Berlin, 20. August. Auf der großen Berliner Kunstausstellung hat dieser Tage bereits die Verteiligung der goldenen Medaillen stattgesunden. Sowohl diese Ausstellung wie diejenige der „Sezession" halten aber noch über vier Wochen für kauflustige Besucher ihre Pforten geöffnet; wir möchten daher, einem letzten Wunsche unseres seligen Dr. Karpeles entsprechend, hier nur kurz auf den in der „Sezession" mit den hervorragenden Poträt» figuren der Kinder Mommsens und einer wertvollen Plakette vertretenen Bildhauer H. Glicenstein Hinweisen, der gegenwärtig in Berlin weilt. Der jetzt im Zenit seines Schaffens stehende Künstler kam als armer Judenknabe aus Russisch-Polen nach München,.wo ihn der bekannte Bildhauer Professor v. Rümann ausbildete und ihn bald so hoch schätzte, daß er ihn in seinem Atelier dem Prinzregenten von Bayern vorstellte. Als sich der in Kunftdingen sehr erfahrene Herrscher über die mangelhafte Sprechweise des soeben nach München gekommenen jungen Mannes wunderte, sagte sein Lehrer dem Prinzregenten: „Glicenstein spricht wenig, aber er denkt in Marmor..." In der Tat nicht bloße Nachahmungen der Natur, sondern geniale Gedankenwerke hohen künstlerischen Fluges sind die von Gli censtein, der in,den letzten Jahren auf Einladung eines Kunstmäzens in Rom lebte, geschaffenen Plastiken, so z. B. sein in einen Fels gehauener symbolischer „Messias", sein „Talmudist" u. a. Als Gustav Karpeles auf seiner italienischen Reise im vergangenen Winter, die einen letzten Sonnenblick seines arbeitsamen Lebens darstellt, den jungen Bildhauer in.seinem Atelier in Rom aufsuchte, entwarf Glicenstein eine Porträtskizze dieses seines langjährigen Gönners, welche vielen unserer Leser aus einer Abbildung im „Welt-Spiegel" bekannt sein dürfte. Glicenstein gedenkt jetztseinen Wohnsitz in Berlin zu nehmen, und begleiten dem Künstler, der mit Glücksgütern nicht überreich gesegnet ist und eine dornenreiche Jugend hinter sich hat, unsere Wünsche,daß namentlich seine m der „Sezession" ausgestellten modernen Werke., auch materiell reichen Erfolg haben möchten. Der gleichfalls nur kurze Zeit jetzt noch in der „Sezession" sichtbare „David" von M. Levy ist von Herrn Rudolf Mofse angekauft worden. Rakel, 16. August. Am 11. d. M. hatte Rabbiner Dr. Perlitz hier die Familienfeier seines 70. Geburtstages in Berlin begangen und heute brachte die jüdische Gemeinde sowie die Stadt Rakel ihre Glückwünsche dar. Als Vertreter der Gemeinde erschien ver Vorsteher Kaufmann L. Baerw ald und dankten längerer Rede dem Jubilar, der seit 28 Jahren in Rakel wirke, für seine Tätigkeit zum Segen der Gemeinde. Redner überreicht^ dem Jubilar ein namhaftes Geschenk namens der Gemeinde sowie mehrere kostbare Gegenstände namens der jüdischen Vereine und einen schönen Klubsessel, den die