Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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sich meilenweit ins Land hineinerstreckten.- Allerdings hatten die polnischen Grundbesitzer -schon seit einigen Dezennien damit an gefangen, den Preußischen Holzhändlern ihren Waldbesitz zu verkaufen. Als dann die neuen-Forstschutzgesetze kamen, gab es kaum noch etwas zu schützen in diesem Landesteil. „Wahr is," bestätigte der dicke Stazu mit schmerzlicher Ueberzeugung. „Ist wohl auch so einer, der daran glauben mußte?" „Jawohl!" antwortete Kleesberg halb mitleidig, halb verächtlich und schlug dem Dickwanst auf das Bein . „Hat die schönsten Eichen, Buchen, Erlen, hunderte von Hektaren Nadelholz durch die Kehle gejagt; bei.Bignon in Paris in Diners und Soupers angelegt und in Stukokkal) verspielt... jetzt. .." er' machte eine rasche Handbewegung, „jetzt zehrt er an den Erinnerungen." . Er führte das Glas an den Mund: „Den besseren Zeiten!" Die Herren stießen an. — „Und diese besseren Zeiten kamen mit dem Einzug der Industrie. Unsere Edelleute haben zwar davon nicht mehr profitiertaber das Volk, Arbeiter, Bauern, Juden. Kurz nachdem mein Vater dieses Gut erworben hatte, ich war zur Zeit noch in Petersburg bei den Preobratschenskischen, fing es hier in einem benachbarten Dörfchen Zawierce sich zu regen an. — Als ich damals das erstemal auf unsere Besitzung kam, wurde dort der Grundstein zur ersten Fabrik gelegt. Heute ist es ein Fabrikort von großer Bedeutung. In rapidem Aufschwung hat sich dann die Industrie über die ganze Gegend verbreitet — Sie wissen ja dies aus eigener Erfahrung, meine Herren," wandte er sich an Steinfels und Grosser — — — „Erst kamen -die benachbarten Oberschlesier, dann die findigen Deutschen aus weiterer Ferne, dann die Engländer, Belgier. Oesterreicher und de.r Wahrheit die Ehre, unsere Landsleute sind nicht zurückgeblieben . . . sie haben rasch begreifen gelernt-und dabei noch den Vorrang der Eingeborenen gehabt. Die hervorragendsten Etablissements haben heute doch die Russen selbst. Wir werden aber die segensvolle Bedeutung der Unternehmungslust nicht verkennen," mit höflicher Verneigung zu Grosser, „die die Intelligenz der Ausländer herführte".Wiederum hob er das Glas empor und man stieß an. „Die Regierung sieht dies aber nicht mit so wohlwollenden Blicken an, beurteilt die Sache nicht so günstig als Sie. Baron," erwiderte Grosser, „man macht uns Ausländern jetzt Schwierigkeiten . .." Ein seines, kaum merkliches, ironisches Lächeln durchzog das kluge Gesicht Kleesbergs: „Wenn man heute auch „Halt!" sagt, wo der fremde Einfluß sich als des Guten zuviel erweist, so wird man deshalb für das Frühere nicht weniger dankbar sein." Kleesberg lenkte die Unterhaltung jetzt geschickt auf anderes hinüber. Die Herren sprachen davon, wie einsam der Winter hier sei ... Wie man auf Spiel und Trunk angewiesen. Es würde rasend gespielt . . . Im Sommer ginge es noch, und auch im Herbst zur Zeit der Jagden, da genügte ein abendliches Bänkchen . . . aber im Winter . . , immer und überall; da sei nämlich immerfort Nacht! Und neben diesen Zerstreuungen gäbe es nur noch eins: die Liebesabenteuer! Edmund lauschte mit beiden Ohren, man sprach mit gedämpfter Stimme. Romantische Abenteuer und kein Ende..... Wie aus einem modernen Dekamerone hörten sich diese Erzählungen an . .. Das ist also möglich? Und in dieser Atmosphäre lebt sie? Sie, deren feuriges Spiel ihn elektrisierte heute mehr als je, lebte sie an der Seite dieses Mannes, der gelangweilt abseits saß und nicht einmal Interesse an diesen J) Russisches Hazardspiel. frivolen Gesprächen - zu . haben schient. Er sprang wie in nervöser Erregung empor und trat plötzlich in den Salon und sich über sie neigend, sagte er: „Ich bitte Sie, Agathe, hören Sie auf..Sie hatte ihn nicht kommen gehört und unterbrach in jähem Erschrecken das Spiel. >,Was fällt Ihnen ein? Ich begreife Sie nicht, Herr Grosser!.. ." * „Wieder und immer wieder dieselbe Antwort ... Sie begreifen nicht, heute nicht, jetzt nicht „Jetzt nicht und niemals!.." sie trat in den Rahmen der Tür. Man 'hatte die kleine Szene nicht bemerkt und das Emporsahren Grossers der Hitze odbr einer augenblicklichen Laune zugeschrieben, jetzt trat der Baron zur Agathe. „Miile graces, gnädige Frau . . ." er küßte ihre Hand, „Sie waren zu gütig, wir haben viel zu lange Ihre schöne Kunst in Anspruch genommen." „Es machte mir Freude zu spielen, Baron." „Jetzt aber werde ich die Parole erteilen. Ich denke, wir ziehen uns alle zurück, um auszuruhen, bis uns eine spätere- Stunde unten im Garten zur Vesper vereint." - Wenige Minuten darauf herrschte das atemlose Schweigen sommerlicher Nachmittagsruhe über dem gastlichen Hause. Die Sonne brannte in taumelnder Glut und brütete über dem stattlichen Herrensitz, und wo sie durch die herab gelassenen Stores und die verschlossenen Jalousien sich hereinzuschleichen vermochte, sah sie auf müde, gelangweilte oder verträumte Menschen,, die dem dämmernden Nichtstun nach Stunden des Genusses sich auslieserten. (Fortsetzung folgt.) Wiegenlied. (Bairach atio, adonaj.1) Von Helene v. Engelhardt. ^u. su, in! nun schließ' die feuchten, ^Müden Aeuglein zu, Mein Kind ... Ferne wogt ein dämmernd Leuchten Ueber Nacht und Winterwind: Ueber Frost und Grabesstille Thront ein hoher, ew'ger Wille... „Bar lieh atto, adonaj!“ Su, su,, su! — mit warmen Decken Mutterliebe Dich umwand: ' Vor des Lebens Leid und Schrecken Schützt Dich keine Mutterhand! Doch des Ew'gen starke Rechte Waltet über'm treuen Knechte- „Baruch atto, adonaj!“ Su, su, su! Aus dunklen Bahnen Suche fromm sein Angesicht.- Schon durchbebt mein Herz ein Ahnen Von dem großen, fernen Licht. Wenn aus Finsternis und Banden Neu Dein Lebensglück erstanden.. . „Barjich atto, adonaj!“ Su, su, su! Du darfst nicht weinen, Ob erst fern der Morgen graut: Endlich muß das Licht erscheinen. Welches Seherblick erschaut: ' , Eil', o Herr. Dein Volk versöhnen — Es mit Herrlichkeit zu krönen ... „Baruch atto, adonaj!“ Gelobt seist Du, Ewiger!