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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-27 · Heft 35 (27.8.1909) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. vm. L^L aulmann sah Else an und las in ihrem Gesichte all diese ^—J Seelenzustände .. . der Moment war gekommen ... sie würde ihm gehorchen, blind, traumbefangen — und mit leise flüsterndem, weichem, berauschendem Tonfall, der so recht auf die Nerven wirkte, las er: „Wie sehr ich Dein, soll ich Dir sagen? Ich weiß es nicht und will nicht fragen, Mein Herz behalte seine Kunde, Wie tief es Dein im Herzensgründe." Sie machte eine Bewegung, als wollte sie seine Hand erfassen, an seine Brust sinken ... Sie war wie bewußtlos Else! Wir sind nicht allein hier! Aber Du wirst kommen, heute abend ... .Ich erwarte Dich an dem Platze, den ich Dir schon einigemal bezeichnete .. . nicht vergebens!" Es war diesmal weniger eine Bitte als ein Befehl. Ich erwarte Dich ganz bestimmt, Else!" Er wartete ihre Antwort nicht ab. Er hatte sich erhoben nnd ihr einen jener faszinierenden Blicke zugeworfen, die ihre ganze Seele in die feine überströmen machte. — „Auf Wiedersehen, heute abend, mein Kind!" Er wußte, daß sie kommen würde! Die Gläser klangen zusammen.; „Es lebe die -Freude und die schönen Frauen, vor allem aber die schönste der schönen, die unsere Tafel ziert!" .. mit ritterlicher Bewegung verneigte Ich der Baron v. Kleesberg vor Agathe und trank sein bis an den Rand gefülltes Sektglas bis auf die Nagelprobe aus. „Gnädige Frau!" Lächelnd trank Agathe ihm zu, und die Herren waren aufgesprungen, hatten die gefüllten Gläser erhoben und taten Bescheid. Es war nur eine kleine Gesellschaft um die im Gartensalon servierte Tafel versammelt. M<m war beim Dessert des exquisiten Diners angelangt und befand sich in jener behaglichanimierten Stimmung, die erlesene Gerichte und feine Weine besonders in kleinem, intimen: Kreise Hervorrufen. Die Gesichter der Herren waren gerötet, sie hatten die Röcke geöffnet, und die weißen Sommenvesten lugten unter denselben hervor. . . Eine gewisse Zwanglosigkeit ruhte über der Tafelrunde .. . Alles war Wohlgesühl, alles war gefälliger Lebensgenuß! Die Herren hatten mit Agathens Erlaubnis die Zigarren angezündet. .Man war aus dem Salon aus die Terrasse getreten, wo Kaffee und Kognak serviert wurden, ohne daß man indes den Champagner aufgegeben hätte. Die Diener setzten eben neue Flaschen in die Eisbehälter. Der Tag war drückend heiß. Agathe hatte sich in einen Schaukelstuhl zurückgelehnt. Das leichte, weiße, gestickte Kleid umhüllte die schöne Gestalt. Sie spielte mit den Bändern des Gürtels, der tlef.herabgesenkt die Taille umschloß. Ein Strauß Kornblumen, den sie frühmorgens selbst gepflückt hatte, steckte vor der Brust. Das Haar trug sie in leichtem Knoten graziös im Nacken. Ein goldener Pfeil stützte die schwere .Haarmasse. Sie sah reizend aus, und ziemlich' unverhohlen spiegelte sich die Bewunderung' aus den Gesichtern der Anwesenden. Niemand-. aber hätte die Grenze respektvollster Huldigung zu überschreiten gewagt, die ihr in aller Ungezwungenheit tadelloses Benehmen vorschrieb. Sie waren-seit zwei Tagen auf dem Gute. Diesmal war der Ausflug nach Wysoka zu Ehren der Anwesenheit Grossers unternommen worden. Dieser war seit einigen Tagen in Valentinowa und war Kleesberg von Alfred vorgestellt worden. Eine Einladung folgte. Grosser war begeistert. So elegant und amüsant hat er sich das Leben hier nicht gedacht. Er war gekommen, weil er von seinem Zusammensein mit Agathe etwas für sich zu gewinnen erhoffte, weil er-sich nach der reizenden Frau sehnte — um einen äußern Vorwand war er nicht verlegen. Er hatte erwartet, die verschiedensten Unbequemlichkeiten in den Kauf nehmen zu müssen, und jetzt fand er alles hier hochinteressant, so ganz anders als daheim — eigentümlich! . Das Treiben in der kleinen polnischen Stadt mit ihren verschiedenartigen Elementen sehr amüsant, und nun gar dieses Leben aus dem Landsitz des Barons so vornehm, großherrlich und opulent, wie es seiner genußsüchtigen Natur durchaus entsprach. ' .. „Ach lieber Steinfels, wer hätte das gedacht, daß man. hier so angenehm leben könne?" . .. . „In der Tat, wir verdanken./der. Güte des Barons besonderes . . : ' „Bitte, bitte, meine Herrschaften ..rief Kteesberg „bitte^ meine Gnädige, ich bin der größte Egoist! Ich lebe hier wie ein Einsiedler mit meinen Schafen und Pferden und Ochsen und Kühen und Bauern.. . finde nur zwei bis drei gute Freunde .. . aber immer dieselben, nicht wahr, Stazu?" — wendete er sich an einen neben ihm sitzenden dicken Herrn — „da kommen plötzlich liebenswürdige,, gebildete, charmante Menschen in meine Nähe, und diese sind so gütig und teilen meine Einsamkeit.. . und immer und ewig! Dieser Sommer ist der schönste, den ich aus Wysoka verlebt habe. Kluge Männer, eine schöne,, reizende Frau, eine große Künstlerin .." er faltete die Hände zusammen und machte eine bittende Geberde. Agathe verstand ihn. Sie erhob sich lächelnd, trat in den Salon zurück, öffnete den Flügel und rief hinaus: „Aber eine Bedingung, meine Herren! Die Unterhaltung darf nicht stocken. Ich phantasiere hier in den schönen Sommertag hinaus und Sie plaudern eans geve." „Soit!" rief der Hausherr vom Balkon in den Gartensalon — „wir unterwerfen uns jeder Bedingung, nur spielen, bitte, spielen!" Durch die weitgeöffneten Türen ertönten in freien künstlerischen Variationen die Melodien russischer und polnischer Lieder, die Agathe hier kennen gelernt hatte. Bald leise, klagend, bald wild, jauchzend, und draußen sprachen die Herren in -flüsterndem Tone über die Verhältnisse .dieses Landes, dem diese eigentümlichen, schroff-gegensätzlichen Gesänge entstammten. Kleesberg erzählte, wie noch vor kaum anderthalb Jahrzehnten nicht ein einziger Fabrikschlot in dieser Gegend geraucht habe, wie alle Dörfer und Ortschaften ringsumher wertlos, schmutzig und elend waren, von armen Bauern und.Juden bewohnt, die hungerten und darbten, dem dürren, schlecht bestellten Boden nichts weiter als wässerige Kartoffeln abzugewinnen verstanden und sich nebenbei, wenn sie etwas regsam und wagemutig waren, am Schmuggel beteiligten. Dieser stand damalsin den Grenzdistrikten hier in -vollster Blüte, uüd wurde' auch wesentlich erleichtert durch/die großen Waldungen, die noch nicht wie jetzt abgeholzt waren, sondern

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