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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-27 · Heft 35 (27.8.1909) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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Gelegenheit auf eine recht ausgezeichnete- Weise ihre Liebe gegen den Fürsten, an Tag zu legen.Sie wählte dazu das Nutzesten des nach ihrem Ritus alle Sonnabend zu singenden Gebets für den Landesvater. Sie hatte es mit allen möglichen kalligraphischen Verzierungen, das kurfürstliche Wappen oben an prangend,/ auf eine große. Tafel schreiben lassen. Diese Tafel mit Lorbeerkränzen und Blumen umwunden, brachte der feierliche Zug sämtlicher daselbst wohnenden jüdischen Familien in der besten Ordnung mit Vortragung eines Ehrenbogens unter-dem Gesang des Chors weißgekleideter Mädchen mit Musik nach der glänzend beleuchteten Synagoge, wo sie dannunter lauter Freudensbezeugung mit allen dabei üblichen Zeremonien aufgehängt wurde. Ich gestehe, daß ich nicht ungerührt blieb bei diesem Auszuge, der nicht durch Prunk und Pracht, wohl aber durch die kindliche Freude der Teilnehmer von so vielen früheren sich auszeichnete, bei denen alles war, was dazu gehörte, nur nicht das Herz". . Die genannte Zeitung enthält fast nur kleine Korrespondenz-Artikel, das heißt Ausschnitte aus anderen Zeitungen, dagegen außerordentlich wenig Annoncen. Selbst unter diesen wenigen aber rühren einige von Juden her. Die eine von hiesen (13. September 1814) besitzt ein gewisses bibliographisches Interesse. Sie lautet so: „Ich sehe mich veranlaßt, die in Nr. 252 der „Frankfurter Ober-PostaMts-Zeitung" gegen mich gerichtete Bekanntmachung des Herrn ZV. Aeidenheim dahin zu erläutern und zu berichtigen, daß ich närnlich allerdings schon vor acht Jahren dienlich erachtete, die zur Herausgabe des Machsor zwischen ihm und mir Pstandene Sozietät auszulösen; bei nunmehr eingetretenen ruhigeren Zeiten aber gesonnen bin, in Gemäßheit der mir laut unserer gerichtlichen Trennungsurkunde zustehenden Befugnis, gedachtes Werk für meine alleinige Rechnung, und zivar zu äußerst billigem Preise wieder aufzunehmen. Eine dessalsige Subskription wird am 18. ds. bei Herrn H. P.L. Horwitz in Frankfurt eröffnet werden. Das Nähere der Bedingungen ist gleichfalls bei demselben zu erfragen. Rödelheim, den 9. September 1814. D. M. Baschwitz." Ein. Kuriosum mag den Schluß dieser Mitteilung machen. Jlp Journal vom? 31. Oktober, Nr. 121, findet sich folgende Anzeige: „Abraham Josef Löwenthal und Sohn in Hanau empfehlen sich dew geehrten Publikum im Petschaststechen und Steinschneiden. Für die Ehre Ihrer Aufträge versichern sie prompteste Bedienung bei billigsten Preisen." - Eine sehr amüsante Schilderung eines Rabbiners im Konflikte - mit je einem protestantischen und katholischen Pfarrer findet sich in der Geschichte „Die verbotene Ehe" von Georg Engel (In der Sammlung: „Der verbotene Rausch", Berlin, Concordia, H. Ehbock). Ueberaus wahrscheinlich ist die Geschichte freilich nicht. Ein junger jüdischer Schmied liebt die protestantische Tochter eines demselben Glauben angehörenden Müllers und dessen katholischer Frau. Er verlobt sich mit dem jungen Mädchen. Bei der Feier dieser Verlobung platzen die geistlichen Vertreter aller drei Konfessionen herein, in der Absicht, entweder diese Verbindung zu hindern, oder mindestens die zu erwartenden Sprößlinge der Ehe für die von ihnen vertretene Glaubensgemeinschaft zu retten. Dabei erhält der Rabbiner einen ihm gar nicht zugedachten Schlag des hünen- . hasten Vaters des Bräutigams und läßt sich seine Wunde von dem Schäfer verbinden. Das Brautpaar hat sich während der eifrigen Debatte der Geistlichen fortgestohlen, eigentlich in der Absicht, gemeinschaftlich das Leben zu verlaßen, zieht es jedoch vor, .ohne Priesterlichen Segen die Ehe zu vollziehend Die Geschichte ist äußerst lustig; die Schilderung des Rabbiners nicht spöttischer als die der übrigen Priester. In seiner Darstellung läßt sich keine Spur von Antisemitismus entdecken, wenn auch der Rabbiner keine besonders rühmliche Rolle spielt. Ich weiß nicht, ob unter den zahllosen -Beiträgendieser Art schon einer unter dem Titel: „Marie v. Ebner- Eschenbach und die Juden" existiert-. Für mich, dem das Thema: - „Die deutsche Literatur und die Juden" als eine Lebensaufgabe erscheint, ist es außerordentlich wichtig, bei den zahlreichen deutschen Dichtungen, die ich von Berufs wegen lese, auf die Behandlung der Glaubensgenossen in diesen Zeugnissen zu achten. Ein neues, von der Verlagshandlung veranstaltetes Werk, ein Auszug aus den Arbeiten der gefeierten Schriftstellerin („Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte", aus den Schriften von Marie v. Ebner-Eschenbach. Berlin, Gebr. Paetel) beginnt mir einer Geschichte, deren Held ein Jude ist. („Der Kreisphysikus".) Richtiger sagt man vielleicht einer der Helden. Denn außer dem Dr. Nathanael Rofenzweig ist ein polnischer Agitator, Eduard Dembowski, eine Hauptperson, der, nachdem er Führer der Revolution gewesen, ein Bauer wird und als solcher still dahinvegetiert. Er ist der wirkliche Held, der eigentlich bestimmende der Geschichte, weil er durch sein Wirken und seine Umwandlung die Umkehr Rosenzweigs zuwege bringt. Dieser nämlich, ein ausgezeichneter, pflichtgetreuer Arzt, der aus den ärmlichsten Verhältnissen sich zu geachteter Stellung.und großem Ruhme erhoben hat, wird durch diesen Sendboten zur wahren Humanität bekehrt. Erst durch ihn erlangt er die Umwandlung: aus einem geizigen, gegen Arme harten, gegen Untergebene grausamen Menschen wird er ein wohltätiger, guter Mensch, ein Beglücker seiner Mitgeschöpfe, der nicht mehr nur wie früher^ seine großartige, von den schönsten Erfolgen begleitete ärztliche Kunst übt, sondern nun auch wahres Menschentum in sich einziehen läßt. Die Geschichte ist versetzt in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts: politische Versammlungen, Kriegs- und Volksszenen spielen hinein, österreichische Beamtenthpen, adlige Gesellschaften werden lebendig geschildert Das spezifisch Jüdische zeigt sich in der Vorführung eines betrügerischen jüdischen Schenkwirts und tritt auch in einzelnen Ausdrücken hervor. Besonders wichtig sind die einleitenden Kapitel, in denen Rosenzweigs Zusammenleben mit seiner uralten Großmutter, die an dem Knaben Elternstelle vertritt, geschildert wird. Eine bestimmte Tendenz für oder gegen die Juden tritt in der Erzählung nicht eigentlich hervor. Dagegen ist in der Charakteristik des Arztes manches, was jüdische Leser befremden mag. Gegenüber der sprichwörtlichen Wohltätigkeit der Juden tritt hier nämlich ein Mann, eben der Held der Geschichte hervor, der sich aus harter Armut entwickelt, erst allmählich zu. brüderlicher Gesinnung durchdringt. Das mag ja Vorkommen; nur erscheint es psychologisch nicht ganz richtig, daß es zu einer derartigen Umwandlung eines äußeren Anlasses bedarf: der Begegnung mit einem schwärmerischen Apostel öder einer Rede dieses Sendboten; wahrscheinlicher würde diese Umkehr sein, wenn sie von innen heraus erfolgt wäre; in diesem Falle würde sie auch überzeugender wirken. ........ Ludwig Geiger,; ■- ■■■■ ■ MM

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