Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zustände des 174 und 18' Jahrhunderts-Zeigen, des klassischen Zeitalters des berüchtigten -Chederwie-ös heute in Galizien und in Rußland noch^ besteht. UngebÄdete Lehrer, meist Ausländer, Polen, die ihren Berufs nur als Geschäftbetrachteten, und die sich nicht der geringsten Achtung; erfreuten, unterrichteten die Kinder, -natürlich nur > in -den.hebräischen Fächern. Die Schulen wurden den Kindern zu wahren Marteranstalten, sie wurden von den Lehrern gepeinigt und Mißhandelt. Die Schule/ war die Wohnstube des: Lehrers; in ein. enges, niedriges, lust-' und -lichtarmes - Behältnis waren die Kinder eingezwängt. Wände und, Boden waren staubig und mit Spinngewebe bedeckt, Utensilien fehlten, die Kinder -saßen um einen Tisch .herum auf ^wurmstichigen Stühlen, und Bänken, meist schmutzig und in -schmutzigen Kleidern. Das traurigste war, daß damals Kinder schon mit dem vierten Lebensjahr in diese Schulen gesandt wurden. Klassen gab es natürlich nicht, vielmehr wurden alle Altersstufen durcheinander und zusammen unterrichtet.. §).as Los jener Kinder war ein' wahrhaft bejammernswertes und ihrer Gesuüdheit in höchstem Maße abträgliche" In cher Schule von ihrem Lehrer gezüchtigt, auf der Straße von der christlichen Straßenjugend verspottet und mißhandelt, konnten diese Kinder niemals ihrer Jugend froh werdest. "... ... / Aber auch diese tieftraurige Periode .wurde,überstanden, es „kam-die Aufklärungsperiode mit Mendelssohn, die Befreiung von langer geistiger Nacht, von leiblichem Drucke, die Anteilnahme, her Juden an der allgemeinen Kultur, das Fallen der jGhett.omauern,.chie Ansänge der Judenemanzipation. Als erstes sehen wir-die Juden Schulen gründen, die den zeitgemäßen Anforderungen entsprachen, die Jacobsohn-Schule in Seesen, die Samson-Schule in Wolfenbüttel und das Philanthropiu in Frankfurt. . Die Schulen sollten in humanem, menschenfreundlichem: Geiste geleitet werden, und so ist der Name der bekannten.Frankfurter Schule zu erklären. Es ist nicht möglich, die gesamte Entwicklung der jüdischen Kultur in Hinsicht, der Fürsorge und Sozialhygiene hier zu schildern, sie ergibt sich aber aus dem, was in der Gegenwart besteht. -Erwähnen möchte ich nur,. daß die meisten Einrichtungen den: letzten Viertel des,vorigen Jahrhunderts ihre Gründung verdanken. Denn 4-2 %■ der jetzt bestehenden gemeinnützigen Vereinewurden in diesem Zeiträume gegründet. Jetzt spannt sich fast-.lückenlos ein Netz von Wohlfahrtseinrichtungen, der körperlichen Gesundheit unserer Stammesgenossen zugute kommend, über das ganze Reich, und jede Altersklasse, jede spezielle Art des Fürsorgebedürsnisses ist dabei Liebevoll umfaßt. . , Für die Säuglinge sorgen Mutterberatüngsanstalten und Milchküchen. Für die- Mütter. Mutterhäuser und Zufluchtsstätten, für den hilflosen Säugling ifL die Berufsvormundschaft eingesetzt. Dem vorschulpflichtigen.Kindesalter sind die Kindergärten gewidmet, dem schulpflichtigen die Kinderhorte und Ferienkolonien, Kinder Heilstätten an der See und in Solbädern. Die verwaisten Kinder nehmen, zahlreiche.Waisenanstalten auf, für Blinde, Taubstumme, schwachsinnige Kinder ist gesorgt, für die - Heranwachsenden-Mätzchen und HaushaltungZschulen 'bestimmt, -außerordentlich wichtige Institutionen. Für die Arbeitslosen sorgen die Arbeiterkolonien, 'derBokksernährung4dienen die Bolksküchen. Außerordentlich reich i M der Kranz Mer-Anstalten, die sich mit der Krankenpflege beschäftigt: .Krankenhäuser, - SiechenhLuser, Genesungsänftalten, Kurhospitäler, sorgen für Kranke.. ljeder Art, . auch der; armen jüdischen. Geisteskranken nimm b i man -sich^ neuerdings 7-an. - Für-die alten Invaliden sorgen die Altersheime uydMfrüydenanstalten.- Eine noch neue segensreiche Institution. istdas Institut> jüdischen Krankenpflegerinnen und. die;Gewährung^der Hauspsleg.e. .; •..' .Besondere Anerkennung: verdient, daß man.Ich neheP dings immer mehr bemüht, die Anstalten im m-o d er neh sozial-hygienischen. Sinne zu gestalten und-zu verbessern^ das gilt vornehmlich'von der Säuglingspflege, Krankem. Und' Waisenpflege. . ", Die modernen sozialhygienischen Institutionen ffnden W ans naheliegenden Gründen, meist in den Städten/zunialM den Großstädten.. Geradezu imponierend^ sind-die Leistungen der Stadt Berlin, gibh^es doch dort 376 Wohlfahrtseinrichtungen für jüdische Hilfsbedürftige, ein großer Teil derselben ist soziakhygienischer Natur. . '' : . 4. Zwei Bemerkungen mögen zum Schluffe' ' gestattet sein. Einmal, daß wir. immer gut daran t un/ au ch bei den allermod.ernsten Problemen uns . danach ' üiüzusehen, wie sich, unsere religiösen Quellen zu ihnen stellen. Wir sehen alsdann, - daß das, was uns ganz modern ^erscheint, M Errungenschaft der allerneuesten Zeit, schon läygst seine Begründung in unseren heiligen Schriften findet^ ..M-,-tst.-^dgs- Moderne nicht etwas ganz Neues, sondern nud-8ue Weiterentwicklung des Alten und eine Anpassung an die neue. Zeit. Die zweite Bemerkung ist die Frage: Sind -wir heute, nachdem wir die bürgerliche Gleichsteflung errungen; haben, nachdem unsere Armen und Kranken in gleicher Weise Anspruch an die allgemeinen Fürsorgeeinrichtungen!.haben, noch verpflichtet,- eine speziell jüdi/.che Armenfürsorge zu unterhalten? - Diese Frage muß unbedingt bejaht werden aus folgenden Gründen. Einmal ist das Bedürfnis, .wohl zu.tun,: als religiöse Pflicht so fest in das Pflichtbewußtse.in der JsraeliSn/eingedrungen, daß es für alle Zeiten nicht mehr aus dewsÄbön. zu entfernen ist. Muß doch nach jüdischer Anschauung det/Relche dem Armen noch dafür dankbar sein,, daß er ihm Gelegenheit gibt, mit der Unterstützung eine religiöse Pflicht zu erfüllet Aus einem zweiten. Grunde find diese Anstalten notwendig, weil es sich barum handelt, unseren Stammesgenossen, wenn sie arm oder krank sind, Gelegenheit zu geben, nach ihren religiösen Bedürfnissen in ritueller Hinsicht zu leben. - Es gilt dies für die Krankenhäuser vor allem. Es ergibt sich aus alledem, daß wir auch in unserer sozialhygienischen Wirksamkeit auf dem richtigen Wege sind; es ust unsere Pflicht, hier fortzufahren, immer neue Schöpfungen zu schaffen, immer mehr Not, Krankheit und Elend zu lindern, zur Ehre unseres altangestammten Glaubens und.unserer ganzen Stammesgemeinschaft. Lelefrüchte. n den „Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden", herausgegeben von Täubler, 1^ Jahrgang, Leipzig 1909, ist eine ganz vortreffliche Bibliographie unter dem Titel „Neuerscheinungen" zur Geschichte der Juden in Deutschland im Jahre 1908 . abgedruckt. Dort findet sich aus dem'32. Band pon Friedrichs des Großen politischer Korrespondenz emfranAösisches Briefchen des großen Königs an v seine SchtpestexUlxfle vom 12. April-1772 abgedruckt,-das-in deutscher Uehersetzung folgendermaßen lautet:- .. .. . . >7 / «Ichgestehe. Ihnenliebe Schwester/ daß ich nicht darauf -gefaßt:war,-Sie bei einer Mischen Hochzeit izu -stnbdn^.Sie