Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-27 · Heft 35 (27.8.1909) · p. Seite 414

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228888--65805-3277951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wie stand es nun mit der Armenpflege im alten Israel? Sie stand, mit der modernen verglichenauf einer hohen Warte und war von echt sozialem Geiste durchtränkt. Grundsatz war, lieber der Verarmung vorzubeugen und es überhaupt, gar nicht zur Verarmung - kommen zu lassen. Nach, dieser Richtung wirkten die Agrargesetze, die schon erwähnt wurden und auch die Einrichtung des Sabbat-Jahres- - das den Ertrag des F'eldes im siebenten Jahre den Armen überließ und den Zehnten zu geben gebot. Im übrigen ist esc hochinteressant, mit Rücksicht auf die sozialen Theorien der ' Gegenwart daran zu erinnern, daß Bibel und Talmud auf dem Standpunkte stehen, daß die Gleichheit aller sozialen Verhältnisse eine Unmöglichkeit sei, und daß die Armut niemals aus der menschlichen Gesellschaft getilgt werden könne. Die öffentliche Armenfürsorge war von Ansang an in Israel geordnet und machte einen bedeutenden Teil der Gesetze des Mosaismus aus. Nach der Auflösung des Staates wurde die Armenpflege in den neuen Gemeinden organisiert, fie bestand in Almosensammlungen und Verteilungen, es gab Bärunterstützungen aus Armenkassen und daneben Anstalten zur Verteilung von Nahrungsmitteln, die ganz unseren modernen Suppen an st alten und Volksküchen entsprechen. Ebenso hoch wie die Armenpflege wurde die Krankeritz sle ge gehalten. Krankenbesuche gehörten zu den Liebeswerken. Man besuchte den Kranken, um ihn zu trösten und ihm helfend beizustehen. Es war die Vorschrift, die Kranken jedoch nicht in den ersten drei Stunden des Morgens zu besuchen, weil hier der Kranke wohler aussähe, und man leicht den Grad der Krankheit unterschätzen könnte, auch nicht in den dreiletzten Stunden des Tages, in welchen sich der Kranke sehr matt fühlt,, und wo man alsdann seine Gesundheit leicht gefährden könnte. Mit dem Besuche war die Sorge für die leibliche Pflege des Kranken verbunden, ja es war die Uebernahme der Krankenpflege selbst vorgeschrieben, wenn kein Wärter da war. So wird von R. Akiba erzählt, daß er, als er einst einen kranken Schüler besuchte, das Zimmer reinigte, frische Lust einließ und den Kranken wartete. - Von eminent sozialhygienischem Interesse, insofern sie zur Verschlechterung der Rasse führen, sind bekanntlich drei Krankheitszustände: die Tuberkulose, sexuelle Erkrankungen und die Trunksucht. Von der Tuberkulose ist meines Wissens in den alten Quellen unserer Religion nichts berichtet. Wie man sich jedoch zu den beiden anderen Krankheitsgruppen stellte, wissen wir ganz genau. Die Reinheit des Familienlebens und Geschlechts wurde bekanntlich unter allen Umständen hdchgehalten. Was den Alkoholismus anlangt, so war Völlerei und Trunkenheit verpönt, und die Trunkenheit wurde als eine Quelle der Verarmung angegeben. Ja es gab bereits eine. Abstinenz und Temperenz von alkoholischen Getränken, Ermunterungen zum Gelübde der Enthaltsamkeit, insbesondere zum „Razirat", das ist die Enthaltsamkeit vom Wein und allen berauschenden Getränken, und auch im Talmund fanden die Mäßigkeitsziele im Enthaltsamkeitsgelübde und Mäßigkeitsgelubde eine besondere Ausbildung. Professor Gunkel in Gießen hat jüngst eine Vortragsreihe in Frankfurt a. M. über die Geschichte Israels mit der Bemerkung abgeschlossendaß nur die Religion es gewesen sei, welche die Israeliten bis auf den heutigen Tag erhalten -hätte, gewiß, aber es war im . einzelnen doch vor allem das Festhalten an den religiösen hygienischen Vorschriften, an der Lehre vom Sabbatgesetz, der Reinheit des Familienlebens und l.ist nod. least der Mäßigkeit im Genuß geistiger Getränke. _ „ ' Dr. Hoppe in Königsberg hat für die Gegenwart behauptet, daß die Juden heutigen Tages in Gefahr wären, ihre Mäßigkeit einzubüßen und die Sitten der Umgebung anzunehmen. Das ist glücklicherweise nicht richtig, die Statistik liefert zahlreiche Beispiele, daß auch heute noch der Alkoholismus den Juden fremd ist. Aus der Frankfurter Irrenanstalt ist jüngst eine Statistik herausgekommen, welche sich auf die Geisteskrankheiten der Juden bezieht. Diese ergibt, daß der Alkoholismus als Krankheitsursache fast gar nicht vertreten ist. In München wurde eine Statistik erhoben über den täglichen Biergenuß der Schulkinder, es wurde festgestellt, daß 20 Prozent der Schulkinder täglich 1I2 Liter Bier oder gar Schnaps trinken, bei den jüdischen waren es nur 4 Vs Prozent. In Worms wurde seit' 17 Jahren kein schwachsinniges jüdisches Kind in die Volksschulen ausgenommen, was ebenfalls für die Mäßigkeit der Juden spricht. In Amerika machte man dieselben Erfahrungen in der Armenpflege. Während sonst, bei 25 Prozent der Armen Trunksucht als Ursache der Unterstützung angegeben wird, war in New Jork nur in Vs Prozent Trunksucht als Ursache der Verarmung notiert. Auch nach Auflösung des jüdischen Staates wurden von den Juden die Gebote der Humanität, der Fürsorge für Arme und Kranke und die religiösen Vorschriften geübt, soweit sie. nicht durch die veränderten Zeitverhältnisse außer Macht gesetzt wurden. Für ihre Armen mußten die Juden selbst sorgen, wurde es doch ihnen ausdrücklich bei Aufnahme in manchen Städten zur Bedingung gemacht, daß die Juden nicht der- Stadtgemeinde zur Last fallen dürfen; auch bei der ersten Ansiedlung in Amerika wurde ihnen diese Bedingung auferlegt, die Folge war, daß die jüdischen Gemeinden sich gegen zu starken Zuzug der fremden Armen schützen mußten, hätte, dies doch eine .zu starke.Belastung für sie bedeutet. Doch wird im allgemeinen - anzunehmen sein, daß die jüdische Armenpflege besser als die christliche organisiert war. Für bie Armenpflege, die Krankenpflege und das Beerdigungswesen sorgten die Vereine, die bald überall in den kleinsten Gemeinden' entstanden. Krankenhäuser kamen erst bei Beginn der. . Neuzeit aus. 1535 wird in Frankfurt a. M. zum erstenmal ein Blatternhaus erwähnt, 1540 ein Spital für nicht ansteckende Kranke. Sie erwiesen sich deswegen als notwendig, weil natürlich die jüdischen Kranken in die christlichen Spitäler nicht ausgenommen wurden. Doch darf man . bei diesen Spitälern nicht etwa an Krankenhäuser in unserem Sinne denken. Sie genügten meist den hygienischen Anforderungen nur in recht bescheidenem Umfange. So war das Krankenhaus der Chevra Kadischa in Königsberg' ' nur ein bei einem Vereinsboten gemietetes Zimmer, in welches sogar Wöchnerinnen ausgenommen werden mußten. Manche von diesen Krankenvereinen bestehen heute noch; wer älteste ist die Israelitische Kranken- und Beerdigungsbrüwerschaft in Emden, die 1661 gegründet wurde, es gibt im ganzen noch zwei Vereine, die vor 1750 gegründet wurden. -. Natürlich war die sozialhygienische und' philanthropische Tätigkeit der Juden im Exil stark beeinflußt von ihrem eigenen Ergehen; da wo, wie so oft, ihre Existenz eine-kümm erliche und unsichere wcuc, müßten natürlich auch die Armen cdie Not doppelt spüren. Neben der l ei blich en Not,' die genährt wurde durch die Bedrückungen und durch! die Enge der ungesunden Ghettos gab es aber auch eine geistige Not. Beweis dafür find die düsteren Bilder, bie:’.unS-' bte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.