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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-27 · Heft 35 (27.8.1909) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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Luntzund Geiger über eine Lrntrslbehörüe kür dir jüdischen Gemeinden in Kreutzen. as Gesamtarchiv der Deutschen Juden bewahrt in dem Aktenbestand der Synagogengemeinde Bielefeld Zwei Briefe von Zunz und Geiger, welche das aktuelle Thema einer Organisation des Judenwesens zum Inhalt haben. Der Plan dazu ging im Jahre 1850 von dem Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde aus, leider in einer totgeborenen Form. Ein Zirkular forderte die Gemeinden auf, durch Beiträge die Begründung einer jüdischen Zentralbehörde in Berlin zu ermöglichen, „eines Kollegiums von Männern, zu deren Wahl die Gemeinden des preußischen Staats sich vereinigen, um sie als Vertreter und Wahrer ihrer religiösen Bedürfnisse, als Ordner ihrer Institute, als Organe ihrer Interessen, vorkommendenfalls den Behördengegenüber, wirksam zu sehen". Im Gegensatz zu dem jetzt in Frage stehenden Entwurf also ein religiös-administratives Mischprodukt, überdies ein Kopf ohne Rumps und Glieder. Es hätte neben dem Programmpunkte: „in dem Hin- und Herwogen religiöser Meinungen, in dem Gegensätze zwischen Altem und Neuem, zwischen den Ausschreitungen der Parteien eine versöhnende Ausgleichung zu finden" nicht erst noch der warnenden Selbstanklage — „Ohne einer solchen Behörde etwa eine ausschließliche Gewalt, eine Suprematie beilegen zu wollen..." — bedurft, um die Verwirklichung des Entwurfs unmöglich zu machen. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Bielefeld wandte sich an Zunz und Geiger mit der Bitte, sich zu dem Entwurf zu äußern. Er gab dabei der Befürchtung Ausdruck, daß der konservative Sinn des Berliner Vorstandes durch das Medium der Zentralbehörde gegen die eigene liberale Kultordnung wirksam werden könnte. Die Antworten interessieren weniger materiell als individuell. Sie lassen die persönliche Eigenart der Verfasser in einem bezeichnenden Punkte in scharfer Silhouette hervortreten. Die Antwort von Zunz ist ein doktrinärer Zopf. Weder die Mängel des Entwurfs noch die hoffnungslose Verstimmung über die politische Reaktion können die prinzipielle Ablehnung jeder Organisation rechtfertigen. Geiger erkannte den Wert der Organisation. Aber er stand ihr als Theologe gegenüber. In seinem Gegenvorschlag einer Synodalorganisation wurde wohl die Erinnerung an die Rabbinerversammlungen der Jahre 1844 bis 1846 lebendig. Es ist deshalb nicht nötig, an eine unmittelbare Anlehnung an die protestantische Synodalverfassung zu denken. Die Briefe lauten: I. An den geehrten Vorstand der jüdischen Gemeinde in Bielefeld. Auf die Anfrage, mit der Sie mich in Ihrer Zuschrift , vom 1. d. M. beehrt haben, bin ich so frei, zu erwidern, daß wir meiner Meinung nach bereits Behörden genug haben, so daß jede neue ein neues Uebel ist. * Für die Juden wäre jene schnell zu einer päpstlichen Zwangsmacht änschwellende Zentralbehörde ein wahres Unglück, und die freien, selbständigen Gemeinden, die sich diese Kette angelegt, dürften viele Anstrengungen machen müssen, um sie zu brechen. Hier haben Sie meine ehrliche Ansicht. Sie haben aber nicht nötig/ sie zur Richtschnur zu nehmen. Hochachtungsvoll Zunz. Berlin, 8. April 1850. ■ -II. Einem wohllöblichen Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Bielefeld beehre ich mich hiemit, auf die geehrte Anfrage vom 1. d. M. folgendes zu erwidern: Das Bedürfnis nach einem engeren Zusammenhänge zwischen den Gemeinden des Staats, nach einer größeren Gemeinschaft und Zentralisation, wodurch auch gemeinsame Schritte, Einrichtungen mit einer gewissen Sanktion erleichtert werden, hat sich schon seit längerer Zeit fühlbar gemacht, und es ist anerkennenswert, daß der Vorstand der Berliner Gemeinde diesem Bedürfnisse einen Ausdruck geliehen hat. Allein die Art, wie der genannte Vorstand dieses Bedürfnis befriedigen will, scheint mir weder sachnoch zeitgemäß zu sein. Eine stehende Zentralbehörde mag, wenn sie mit Gewalt ausgerüstet ist, der Auflockerung, welche uns überall gegenwärtig entgegendroht, einen heilsamen Damm entgegensetzen können, sie wird aber auch der freien, selbständigen Entwicklung der Gemeinden ein mächtiges Hindernis sein und sehr leicht zum Mißbrauche ihrer Gewalt verleitet werden. Diese Befürchtung wird von vornherein ihren Einfluß nicht aufkommen lassen, und die angestrebte Konzentrierung der Kräfte, die gemeinschaftliche Wirksamkeit wird nicht erreicht werden. Das Einzige, was mir sach- und zeitgemäß erscheint, ist vielmehr eine Synodalversammlung, welche etwa alle drei Jahre in einer anderen Gegend zusammenkommt und aus sich einen Synodalausschuß erwählt, welcher in der Zwischenzeit ,die Geschäfte zu besorgen und für die nächste Versammlung die Arbeiten vorzubereiten hat. Indem ich von den einzelnen Bestimmungen, welche für die Synodalverfässung zu treffen sind und die zunächst von der ersten Versammlung zu beraten wären, absehe, glaube ich doch, daß durch eine solche Einrichtung allein ein einmütiges Zusammenwirken und zugleich die freie Selbstbestimmung und Entwicklung der Gemeinden gewahrt wird. — Vielleicht gelingt es mir, von hier aus zür Verwirklichung eines solchen Planes anzuregen. Sind Sie mit mir einverstanden, so haben Sie wohl die Güte, diese meine Ansichten dem Berliner Gemeindevorstande mitzuteilen. Indem ich zuletzt noch meinen Dank ausspreche für das Vertrauen, mit dem Sie sich an mich gewandt, und Sie um die Bewahrung dieses Wohlwollens gegen mich bitte, zeichne ich mit Hochachtung Geiger-. Breslau, 5. April 1850. ■ Sozialhygiene und Milche Volksgemeinlchakt. Von Dr. med. W. Hanauer- Frankfurt a. M. II. icht immer haben die Israeliten nach den Vorschriften des Gesetzes gelebt, nicht immer ist der soziale Friede ungestört geblieben. Soziale Mißstände traten unter den Königen auf. Bereits Salomo legte den Israeliten drückende Fronarbeiten auf, und das von Salomo gegebene Beispiel fand in den folgenden Königen willige Nachahmer. Die soziale Folge dieser Uebelstände war ein ungesundes Latifundienwesen : dem reichen Grundbesitzer stehen die Armen gegenüber, die nichts ihr eigen nennen. Die Tagelöhner bekamen ihren Lohn nicht, Witwen und Waisen wurden bedrückte Gegen diese Mißstände, erhoben sich die warnenden Stimmen der Propheten, die nicht ungehört verhallten. “ V

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