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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-27 · Heft 35 (27.8.1909) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
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Bundesfürsten aufzuerlegen!, Vor wenig Wochen haben wir die Wiederholung dieser Vorgänge erlebt; nur daß sie in den Reichstag übertragen waren .. / ♦ Zum „Fall Marix" in der französischen Armee macht die „Kreuz-Zeitürrg" folgende nichtsnutzige, antisemitische Glosse: „Die Verurteilung des französischen Hauptmanns Marix durch das Pariser Zuchtpolizeigericht zu einem Jahre Gefängnis und 100 Franken Geldstrafe wegen Ordens- und Beförderungsschwindeleien zeugt^wieder einmal dafür, daß die Erfahrungen, die Frankreich mit seinen jüdischen Offizieren macht, keineswegs gute sind. Hauptmann Marix ist jüdischer Herkunft, ebenso wie Dreyfus und der vor einigen Monaten wegen Landesverrats verurteilte Schiffsfähnrich Ullmo. Es ist doch wohl nicht ganz zufällig, daß es immer wieder, jüdische Offiziere waren, an deren Namen sich derartige sensationelle Skandalprozesse knüpften. Jedenfalls sprechen diese Vorkommnisse dafür, daß diejenigen Länder, in denen das Judentum bisher nicht zu Offiziersstellen zugelassen wurde, durchaus auf richtigem Wege damit sind und keinerlei Veranlassung haben, von ihrem Standpunkte abzugehen." Das ist wieder einmal, wie die Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus richtig bemerken, eine Hetzleistung des Verläumderblattes, wie es im Buche steht, die an die „besten Traditionen" der Goedsche und Pierson anklingt. Welch eine eiserne Stirn gehört dazu, Dreyfus, der notorisch einer gemeinen antisemitischen Fälschung zum Opfer gefallen und nachher durch Urteile der höchsten Gerichtshöfe glänzend gerechtfertigt worden ist, und den Schiffsfähnrich Ullmo, der durch andauernden Haschischgenuß geistig völlig zerrüttet war, zusammen mit dem Hauptmann Marix, dem übrigens eigentliche Ordens- und Beförderungsdurchstechereien nicht nach gewiesen werden konnten, als „lebende Tatzeugen" für die Schädlichkeit der Juden im Heere ausmarschieren zu lassen. Nebenbei bemerkt, ein Faustschlag ins Gesicht der Armeeverwaltung der anderen beiden Dreibundstaaten Oesterreich und Italien, die nicht nur viele Hunderte von aktiven jüdischen Offizieren bis in die höchsten Stellen besitzen, deren einer sogar — horribile dictu — einen von dein Deutschen Kaiser Wilhelm II. zweimal eigenhändig dekorierten jüdischen Kriegsminister beseffen hat. Was würde wohl das fromme Blatt mit dem Kreuz für entrüstete Töne anschlagen, wenn ein französisches oder englisches Blatt aus der häßlichen Blankenburger Duellaffäre und der Kindervergewaltigung des Gnesener Obersten — die Fälle Lhnar und Hohenau gar nicht zu erwähnen — oder aus der nicht viel weniger abstoßenden Erpressungsaffäre des Herzogs v. Pleß solche Schlüsse auf bie moralischen Qualitäten des deutschen Offizierskorps ziehen wollte, wie das frühere Blatt des Freiherrn v. Hammerstein mit Bezug auf die Gesamtheit der Inden zu ziehen sich erdreistet! * Der rumänische Ministerpräsident Bratian u ließ sich jüngst, für die „Neue freie Presse" interviewen und widmete den größten Teil seiner Erklärungen der Iuden frage in Rumänien. Der rumänische Premier tat einige rätselhafte Aussprüche, denen Kenner der Verhältnisse deutlich genug entnehmen werden, daß an eine Besserung der Lage der rumänischen Juden vorläufig nicht zu denken ist. Herr Bratianu vermied geflissentlich - den Berliner Vertrag zu zitieren. „Falls sich die allgemeinen Verhältnisse Rumäniens günstiger gestalten, könnte es sein, daß auch die Lage der Juden eine günstigere wird." Auf bestimmte Versprechungen läßt sich Herr Bratianu nicht einmal in Interviews ein und legt Wert auf die Feststellung, daß die rumänische Judenfrage eine ökonomische Erscheinung ist. Nicht schlecht klingt auch folgendes: ,,. . . Wenn die Juden darauf bedacht? sein werden, daß diese Frage eine interne bleibt und von fremden Einmischungen nicht berührt wird, dann könnte es fern, daß die rumänischen Politiker ein oder zwei Rechte konzedieren ..." Treffend bemerkt „The Jewish Chronicle“ zu diesen rumänischen Ministerworten: „Uns Juden liegt gar wenig daran, uns in die internen Verhältnisse Rumäniens zu mischen, denn diese sind bestenfalls langweilig und ermüdend. Wenn wir aber dadurch tatsächlich erreichen könnten, daß unsere Glaubensgenossen in Rumänien endlich menschenwürdig behandelt werden, dann wären wir Herrn Bratianu für seinen freundlichen Rat sehr verpflichtet. Traurige Erfahrungen haben uns leider gelehrt, von diesen Edelmännern nicht viel zu erwarten . . ." Schließlich: immer wenn Rumänien eine gute Ernte zu erwarten hat — und das ist heuer der Fall— kommt, es zu beruhigenden Erklärungen. Wie jämmerlich, daß das Schicksal hunderttausender Juden von dem Ausfall der Ernte bestimmt werden kann! Zu der Duma-Ersatzwahl in Odessa wird der „Ruff. Korr." geschrieben: „Nachdem der plötzliche Tod des talentvollen Pergament, eines der glänzendsten Redner Rußlands, im russischen Parlamentsreben eine schwer auszufüllende Lücke geschaffen hatte, glaubte man allgemein in den freiheitlichen Kreisen, daß dieser Wahlbezirk durch die Entsendung eines jüdischen Abgeordneten die unerhört geringe Vertretung der Juden in der Duma zu stärken berufen sein würde. Ist es doch eine den russischen Wahlmodus kennzeichnende Tatsache, daß im russischen Parlament, welches u. a. auch die rechtliche Juden frage aufrollen und lösen soll, seitens der über fünf Millionen Seelen betragenden jüdischen Bevölkerung nur zwei stammesgenössische Vertreter sitzen, die naturgemäß zu völliger Ohnmacht verurteilt sind, Da nun Odessa zu den wenigen Orten gehört, in denen eine jüdische Kandidatur Aussicht auf Erfolg hat, so kam zu Anfangs sowohl bei den Juden als im Lager der Freiheitsparteien einzig und allein eine solche in Betracht. Allein der schwarze Terror und der Druck des allmächtigen Tolmatschow haben es schon nach kurzem dahin gebracht, daß die Juden von der Aufstellung eines eigenen Kandidaten Abstand nahmen und zusammen mit den freiheitlichen Christen einen beiden Teilen genehmen Nichtjuden nominierten. Nun war seitens des Schwarzen Hunderts der Teufel los. Die Odessaer „Patrioten" verfügen nämlich, wie ihnen wohlbekannt ist, über keine Majorität innerhalb der Bevölkerung, aber sie zählen zu ihrem Ehrenvorsitzenden den Gebieter von Odessa, Herrn Tolmatschow, und geben sich darum der Hoffnung hin, daß sie, genau so wie sie die städtische Verwaltung infolge seiner Gewaltmaßregeln in die Hand bekommen haben, nunmehr mit seiner Hilfe auch bei den Parlamentswahlen die Bürgerschaft terrorisieren und einen Reaktionär \xy die Duma werden entsenden können. Um jedoch ihrer Sache sicherer zu sein, ließen die „echten" Russen die von ihnen beherrschte Stadtverordnetenversammlung nach hetzerischen Debatten an den Zaren ein Telegramm absenden, nn dem dieser gebeten wurde, aus eigener Machtvollkommenheit, ohne erst die Zustimmung der Duma abzuwarten, die Juden von den Wahlen in dieser Kurie auszuschließen. In der Tat wurde dieser widerrechtliche Beschluß von Tolmatschow nicht. beanstandet und gelangte somit an die hohe Adresse. Er scheint jedoch bei Hof, wo gegenwärtig die verschiedenen Einflüsse einander durchkreuzen, kein Verständnis gefunden zu haben. Denn in der soeben bekanntgegebenen allerhöchsten Veröffentlichung über die bevorstehenden Ersatzwahlen ist von einer Aenderung des Wahlmodus nicht die Rede. Um so bestimmter ist vorauszusehen, daß die Wut der unbefriedigten Verbändler in der nächsten Zeit in schroffen Kundgebungen und in gemeingefährlichen Einschüchterungen sich Lust machen wird."

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