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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-20 · Heft 34 (20.8.1909) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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verstorbenen Rabbiner Dr. Wiener in Oppeln gebracht, der selbst Mitglied eines Feuerbestattungs-Vereins war. Berlin, 14. August. Die massenhaften Persönlichen Erinnerungen an den so plötzlich Hingeschiedenen „P o ggfred"-Dichter enthalten eine Fülle menschlich liebenswürdiger Züge und charakterisieren den Heimgegangenen als eine vornehm-ritterliche Natur im besten Sinne des Wortes. Erwähnung verdient u. a. aus den Erinnerungen Dr. Viktor Goldschmidts, in dessen elterlichem Hause in Berlin Liliencron gelegentlich zu Gaste war, das folgende kleine Erlebnis: „Ich durfte ihn," erzählte Dr. Goldschmidt in den „Leipz. Neuesten Nachrichten", „manchmal auf seinen Querfahrten durch Berlin begleiten. Er hatte eine prinzipielle Abneigung gegen das „Plebejerfuhrwerk", wie er die Elektrische nannte; aber aus pekuniären Gründen mußte er sie doch hier und da benutzen. Dann nahm er keinerlei Rücksicht auf die Mitfahrenden, sondern führte laut, energisch und temperamentvoll seine Gespräche über alles mögliche. Ich weiß noch, wie er einmal in einem vollbesetzten Wagen mit Stentorstimme die Rassenfrage behandelte: „Was heißtdas: Christ, Jude, Christ, Jude? Menschen will ich! Menschen! Menschen!" Der verstorbene liebenswürdige Poet schildert in seinem biographischen Roman „Leben und Lüge" u. a. auch das mutige Verhalten eines jüdischen Soldaten: „Mitten in der Stadt schloß sich der Gefreite Lewin von der zwölften Kompagnie unserem Halbbataillon an. Er hatte eine Patrouille geführt und war seiner Kompagnie abhandengekommen. Eine Stunde später lag er, mitten durchs Herz getroffen, im Gras . . . Der kleine Jude war auch in meinem Zuge. Er gab Lang und mir einen guten Schnaps. Er zeigte sich als tapferer, umsichtiger Soldat." Zu den näheren Freunden des Dichters gehörte auch der Hamburger Jakob Löwen berg. der ü. a. das Gedichtwerk: „Aus jüdischer Seele" geschrieben hat und bei der Trauerfeier in Altrahlstedt namens der Hamburger „Literarischen Gesellschaft" dem Freunde den letzten Gruß entbot. 8. Hohensalza, 16. August. Der um das Feuerlöschwesen unserer Stadt Hochverdiente Branddirektor Kaufmann und Stadtverordnete Sally Kayser, der seit über 20 Jahren an der Spitze. der hiesigen freiwilligen Feuerwehr steht, erhielt durch den königlichen Landrat Dr. Burlsch das von Sr. Majestät dem Kaiser gestiftete Erinnerungszeichen für Verdienste um das Feuerlöschwesen überreicht.^ Herr Kayser ist in der Provinz Posen der einzige Israelit, der im Ehrenamts als Brandmeister erfolgreich tätig ist. n. Leipzig, 15. August. Der vorliegende „Verwaltungsbericht^ des Vorstandes der hiesigen Israelitischen Religionsgemeinde für das Jahr 1908" bietet ein erfreuliches Bild stetigen Wachstums der. Gemeinde und kraftvoller Entwicklung ihrer Institutionen. Ueber' alle Zweige der Verwaltung wird in mehr oder weniger ausführlicher Form berichtet bezw. das Wissenswerte mitgeteilt. Den bei 7 weitem größten Raum im Bericht nimmt das Armen- und Stiftungs» wesen ein. Das tabellarische Verzeichnis weist 44 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von 861009 Mark auf, die ausschließlich vom Vorstand verwaltet werden. Dazu tritt noch eine Anzahl unter eigener Verwaltung stehender Kassen und Stiftungen, darunter die des „Israelitischen Frauenvereins", „die Deutsch-Israelitische Darlehnskasse für Frauen und Jungfrauen", die „Nachod-Stiftung" u. a. m. In großem Stil entfaltet eine rege und wahrhaft segensreiche Tätigkeit der israelitische Wohltätigkeitsverein mit seinen Wohlfahrtseinrichtungen: Kinderhort, Speiseanstalt, Altersversorgungsanstatt und Ferien-und Solbadkolonie Dürrenberg. Mit diesen Schöpfungen ist der Name ihres Begründers, des unvergeßlichen Menschenfreundes A l pH o n s Jacobson allezeit aufs engste verknüpft. Für die Pflege Unbemittelter stellt die Leipzig-Loge (U. O. B. B.) eine geprüfte jüdische Krankenschwester zur Verfügung. Bemerkenswert istder mitgeteilte Beschluß der Gemeindesitzung, nach welchem Spenden unter 5000 Mark an bereits bestehende. Stiftungen angegliedert werden müssen. Einen schmerzlichen Verlust Hai die Gemeinde durch den am 10. November v. I. erfolgten Heimgang ihres Vorsteher»- stellvertreters Selmar Frank erlitten. Der Verblichene stand - fast drei Jahrzehnte lang im Ehrendienst der Gemeinde und'hat besondersauf dem Gebiete der Armenpflege durch sein besonnenes, hingebungsvolles und menschenfreundliches Wirken sich ein bleibendes, gesegnetes Andenken gesichert. Den gegenwärtigen Vorstand bilden die Herren: David Magnus, Generalkonsul Georg Schreiber. Professor Dr. Abraham Adler, Heinrich Rosenthal und Solms R o s e n st o ck. Nach dem- Rechenschaftsbericht . betrugen die Einnahmen 127 092.60 Mark, wovon allein an Steuern van 2128 Steuerzahlern 88 218.25 Mark ausgebracht wurden. Die Ausgaben decken sich mit den Einnahmen. Für Unterstützungen wurden 24941.74 Mark aufgewendet, wozu noch die Erträge aus den milden Stiftungen in Höhe von 22 512.68 Mark und aus Extraspenden von 1138.05 Mark zu rechnen sind. Die unter Leitung des Rabbiners Herrn Dr. Porges stehende Religionsschule, an der neben demselben noch fünf Lehrer wirken, war im Schuljahr 1908/09 von 718 Kindern, nämlich von 344 Knaben und 374 Mädchen besucht. Der Unterrichtsstoff ist aufsieben Jahrgänge verteilt. Von allgemeinem Interesse dürften die für die Bestattung eingeäscherter Leichen bereits seit Jahren für die Leipziger Gemeinde geltenden Bestimmungen sein, zumal diese Frage noch vielfach als eine „brennende" angesehen wird. Danach findet die rituelle Feierlichkeit nur vor der Einäscherung statt. Bei bereits eingeäscherten Leichen findet die Bestattung ohne das übliche Ritual statt; doch kann auf Wunsch eine religiöse Feier (also eine Leichenrede!) gehalten werden. Die Urne, welche die Asche enthält, kann nur in einem Sarg der Erde übergeben werden. Zu den Männern, deren Heimgang im verflossenen Jahre dem Vorstand zu warmherzigen Nachrufen im Bericht Veranlassung gibt, gehört auch der langjährige Organist an der Synagoge Professor Paul Homeyer, weiland Lehrer am Konservatorium für Musik und Gewandhausorganist. In dem Nachruf heißt es mit Recht: „Seine hohe Meisterschaft im Orgelspiel verlieh unserm Gottesdienst künstlerische Weihe." Und nicht das allein. Homeyers Spiel entzückte, begeisterte, erhob den Zuhörer und stimmte ihn zur Andacht. Wer diesen großen Künstler in seinen freierfundenen stimmungsvollen Präludien bei den heiligsten Momenten des Gottesdienstes hörte, oder seiner Art, altsynagogale Melodien auf dev Orgel zu variieren, lauschte, der mußte staunen, wie sehr dieser gutgläubige Katholik sich in den Geist der Synagogenmusik, wenn nicht in den de^ jüdischen Kultus überhaupt, zu vertiefen vermocht hat. Have pia animä! 8. Straßbui'g, 15. August. Die Religionsschüle der israelitischen Kultusgemeinde Straßburg versendet zurzeit den Bericht über ihre Tätigkeit in dem eben abgelaufenen Schuljahr 1908/1909. Aus demselben seien folgende Einzelheiten wiedergegeben: Besucht wurde die Religionsschule von 306 Kindern, 163 Knaben und 143 Mädchen, die in acht Knaben» und sieben Mädchenklassen Unterricht erhielten. Das Lehrpersonal setzt sich aus vier Kräften (Direktor Dr. Grombacher, Lehrer Schwartz, Kantor Kauffmann und Fräulein Therese Levy) zusammen. Der Unterricht, der für die einzelnen Abteilungen je zwei- bis dreimal wöchentlich stattfindet, setzt sich in erster Linie zur Aufgabe, die Schüler und Schülerinnen zu einer gründlichen/ wortgemäßen und inhaltlichen Kenntnis der Gebete und der heiligen Schrift anzuleiten. Der Bericht bittet die Eltern, die Kinder der Schule ^möglichst früh zuzuführen und mindestens solange in derselben zu lassen, als sie sonst zur Schule gehen. Er führt darüber Klage, daß ein Teil der Kinder wieder austritt, nachdem sie die Anstalt einige Jahre besucht haben, und so gerade um das Schönste und Beste kommen, was ihnen die Schule zu bieten vermag. Das neue Schuljahr beginnt am Sonntag den 19. September. Wie im Vorjahre enthält der Bericht auch eine Uebersicht über den Religionsunterricht in der städtischen israelitischen Volksschule (Hauptlehrer M. Schwab.) Daselbst wurden die Kinder, 81 Knaben und 82 Mädchen, in drei Klassen unterrichtet. Der Unterricht ist, wie in der Religionsschule, vollständig unentgeltlich. Schwei?. — Charrx--de-Forrds, 16. August.^ In seinem 88. Lebensjahre ist vor kurzem aus unserer Gemeinde ein Mann verschieden, der es verdient, auch an dieser Stelle genannt zu werden, es ist Herr Marc Bloch. Geboren und erzogen in Oberhagenthal hatte er schon als Kind Gelegenheit, das jüdische Leben im Elsaß mit seinen Lichtseiten und auch mit seinen Schattenseiten, die vornehmlich auf dem Gebiete des Armenwesens sich geltend machen, kennen zu lernen.

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