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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-20 · Heft 34 (20.8.1909) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 408 (sequence 12)
Language
German
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Er blätterte in dem Buche und sagte : „Diese Lenauschen Liebesgedichte-, haben unendlich 'viel v Innigkeit und Stimmung." Else nickte beifällig. Noch immer saß sie wie im Traume da-und wiederholte die Verse, deren Wohlklang, von seiner- Stimme erhöht, ihr im Ohr wiedertönte. „Poesie! Gedichte! Wie wirkt das auf Herz und Geist ein! Wie läutert und erhebt das die Seele, wie veredelt das den Geschmack!" Er hatte eine Stunde vorher einen Artikel geschrieben, der nicht eigentlich in sein Ressort, Handel und Industrie gehörte, in dem er, der Vielseitige, unerbittlich gegen einen jungen Poeten losgegangen war, dessen neueste Gedichte, er besprochen hatte mit scharfem Witz und spitzer Feder, sie der Lächerlichkeit preisgebend. — Diese Art der Kritik war ein gewisser Sport, den er sich leistete, um sich etwas geistige Emotion zu machen, nach der Nüchternen, kalten.Verstandesarbeit, die sein Beruf war. Else las natürlich die moderne Tagespresse nicht. In der vornehmen Zeitung, die in das Haus des Schwagers kam, verspürte man von diesem Hauch nichts. Auch las sie eigentlich nur die Verlobungsanzeigen und das Romanfeuilleton .. nichts also konnte ihr den innigen Glauben an des jungen Journalisten poetischer Begeisterung trüben. Was war das lieb und gut, was er jetzt alles zu ihr sprach. Sie lauschte mit gesenktem Kopf und sog das süßbetäubende Gift seiner sein durchdachten Liebessophistik ein. Er sprach zu ihr von dem Glücke, ihr begegnet zu sein, von den herrlichen Stunden, die er an ihrer Seite verlebt. Von dem Neid und der Sehnsucht, die ihr stilles, geheimes Glüch mit gierigen Blicken betrachten, denn es sei ihm ja nie vergönnt, sie allein, ohne Zeugen zu sprechen. Wie er jede Miene, jedes Wort hüten müsse, um anderen nicht zu verraten, was ihn so tief beglücke, so in innerster Seele froh mache — sein teuerstes Geheimnis! Wie er aber es nicht länger wahren könne, und ih^, ihr allein es ins Ohr flüstern müsse in jener beseligenden Einsamkeit, die nur für zwei Herzen geschaffen, allein zu zweien. Selbst hier, wo er ja neben ihr sitze, wage er es nicht, seinen Empfindungen Ausdruck zu leihen! Die spielenden Kinder, die neugierig beobachtenden Augen der anderen, hindern ihn ja, selbst das grüne Sonnenlicht und das Zwitschern der Vögel, all das, sonst so herrlich, störe in solchen Augenblicken. Denn er wolle, daß nur ein Laut, ein einziger zu ihr dringe, daß nichts ihre Sinne gefangen nähme, als dieses eine . . . was er ihr zu sagen habe, was er ihr zujubeln möchte . . . Seit Wochen hatte er, so oft er ihr begegnete, diese Tonart angeschlagen, um sie zu einem Rendez-vous zu bewegen, bei dem sie ihn nicht zufällig, sondern allein und freiwillig getroffen hätte. Sie war "ihm stets ausgewichen, obwohl ihr Herz sie dazu überredete und sie seinen Lockungen ein williges Ohr lieh.. Das Romantische, das Geheimnisvolle, das in dieser Situation lag, zog sie an. Warum sprach er denn das Wort Nicht aus? Warum verlangte er ihre Antwort nicht — sollte sie es denn nimmermehr hören? Sie hatte die ganze Nacht in unruhigen Träumen an ihn gedacht, sie war mit einer Blume, die er ihr tags vorher gegeben hatte, in den heißen Händen ’ eingeschlafen . . . Diese Blume hatte sich im Traum zur Myrte verwandelt, und diese hatte er auf ihr Haar gedrückt und sie sein liebstes Weib genannt.■> Welche Seligkeit! Aber um das zu erlangen, müßte er doch erst sprechen . . v und nun wollte er esnicht. . . durchaus nicht! Alleinganz allein wußten sie dazu" sein — „allein zu zweien," wie er sagte . . . Ein romantischer Eigensinn, aber es war doch hübsch . . . Es klang so heimlich und traut.. . . allein zu zweien! Natürlich, er war anders als andere Männer ... Und ihr würde er. gehören! Wenn sie nur. wollte . Was, nur Agathe und Alfred sagen würden? Und sie alle, alle sollten es dann wissen! '. Äse ist-Braut! . -' * Denn das, das war es ja nur, was er ihr sagen konnte in dieser Einsamkeit ... sie empfand seine despotische Laune mit einem gewissen Behagen ... Wenn sie nur wollte! Sie fühlte mit beklemmendem Glücksgefühl sich ihm unterworfen, ein beseligender Zwang lähmte ihren Willen; sie fand sich wie in seiner Hand ... Wenn sie nür wollte! Ein Unerklärliches Empfinden durchdrang sie .. .. aber es war süß, sich so unter dem Willen eines anderen zu fühlen — — sie war wie aufgelöst. .. - (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. Hochgeehrte Redaktion! as letzte Heft Ihrer geschätzten Zeitschrift brachte einen Artikel über die jüdische Seelsorge in der Berliner Gemeinde. Ohne auf die Streitfrage über das Ansehen der „jüdischen Seelsorger" einzugehen, möchte ich mir einige Worte über die „Seelsorge" im allgemeinen erlauben. Meines Wissens nach hat es überhaupt niemals eine jüdische Seelsorge, gegeben. Der Ausdruck „Seelsorge" wie die „Seelsorge" selbst ist dem Christentum entlehnt, Unsere Religion ist eine Religion des Wissens, des Erkennens und der Tat. Das Christentum hingegen hat sich von jeher bemüht, durch Dogmen den Himmel zu beherrschen. Es verlieh seiner Geistlichkeit das Recht, den Himmel zu öffnen oder, zu verschließen, das ewige Leben zu gewähren oder zu entziehen, die Seelen der Verstorbenen in den Himmel oder in die Hölle zu befördern. Nicht die christliche Lehre ist der Maßstab für das Christentum, sondern der christliche Lehrer, der Geistliche. Er, der Vertreter Gottes auf Erden, hat zu entscheiden, ob diese oder jene Handlung das Seelenheil fördert oder nicht. Daher bildeten sich die Seelsorge und der Name „Seelsorger" aus. Bei uns aber, heißt es: Wenn ich nicht für mich bin, wer ist denn für mich? Für meine Seele muß ich selbst sorgen. Nicht der Rabbiner/öer Lehrer, ist maßgebend, sondern die Lehre allein. Wenn mein Gewissen belastet ist, kann kein Rabbiner es entlasten. Unsere religiöse Kraft liegt in der Kenntnis der heiligen Schrift und. in einem gottgefälligen Lebenswandel. Uns ist nicht der Glaube anbefohlen, sondern die güte Tat. Zwischen uns und Unserem Gotte steht kein Vermittler, und wir benötigen keiner Fürspräche! Ein jeder von uns steht seinem Gotte ebensonahe wie'der Rabbiner.. Für meine Seele habe ich selber zu sorgen, ebenso wie der Rabbiner für seine eigene. , Kein Volk hat seine Lehrer so geachtet wie das jüdische; aber nicht die Person als solche wurde geachtet, sondern die Gelehrsamkeit, die dieselbe verkörpert. Ein Laie, der mehr Wissen besaß, war mehr als ein Rabbiner, sogar mehr als ein Hohepriester! Das war jüdische Sitte, jüdischer Brauch. Gin Seelsorger .war uns etwas Fremdartiges, und daher achten wir keine privilegierten Seelsorger. .. " Als Verfall des Judentums müßte es betrachtet werden,' wenn wir -von Seelsorge sprechen. Wer mit der jüdischen Lehre vertraut ist, kann selber für seine Seele sorgen. Die Ausgabe der Rabbiner ist es, die Gotteslehre zu. verbreiten, für den Geist des jüdischen. Volkes, aber nicht für seine Seele zu sorgen. . . _ . r . Hochachtungsvoll! Zopput, lO. Äugust 1909. . . I, Schupira. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch» itz in Berlin. ' h

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