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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-20 · Heft 34 (20.8.1909) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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bluse mit Matrosenkragen genäht. Er sieht zu lieb darin aus, ich wollte. Du könntest ihn' sehen. Damit aber auch Fräulein i Else Friedsohn nicht ganz leer ausgeht, habe ich ihr einen neuen Kranz von Marguerites auf den Hut geleistet. Ich gehe mit den Kindern täglich vormittags und nachmittags in den Tiergarten, damit sie viel in freier Luft sind. Wir treffen öfter Dr. Saulmann, der seinen Urlaub erst im Herbst autritt und deshalb den ganzen Sommer hier bleibt." „Dr. Saulmann?" „Ein junger Journalist!" „Ein Schriftsteller? Die Leute gelten für leichtsinnig „Ach?Herr Philister!" „Nicht doch, Agathe! Kein frivoler Scherz in solchen Dingen. Else ist eine träumerische, schwärmerische Natur, empfänglich und empfindlich, zu gut für das übermütige Spiel eines Gecken ..." Sie wurde stutzig. „Aber Fred, Du kennst ja Saulmann gar nicht! Was fällt Dir ein? Er ist liebenswürdig, gewandt, elegant." „Da haben wir es ja! Die richtigen Eroberungseigenschaften. Dazu wird er als Schriftsteller poetisch schwärmen können und dem armen Mädchen den Kopf verdrehen und dann. . . Sie hielt sich die Ohren zu. „Ich bitte Dich, mache doch aus einer harmlosen Courmacherei nicht bald eine ganze Tragödie. „Es wird nicht so arg sein." „Das wollen wir auch hoffen, und Grosser wird auch persönlich berichten, wie sich alle befinden. Aber nun muß ich Dich verlassen, mein Herz. Ich habe noch mancherlei zu tun..." Er ging und Agathe blieb mit ihren verwunderten Gedanken allein-— Auf dem Spielplatz der Flora im Tiergarten gruben zwei Kinder eifrig im Sande. Die Gesichter waren gerötet, die blonden Locken zerzaust, Mund und Hände trugen die Spuren ihrer Tätigkeit, und die Kleidchen waren mit dem dicken feuchten Sande über und über beschüttet. Es war ein reizendes Bild, diese blühenden schönen Kinder in ihrer Emsigkeit und Lebendigkeit. „Erich, hier, das ist der Backofen, gib die Torte," rief das kleine Mädchen dem noch kleineren Spielgefährten zu. „Nich fertig, Lucie . . . noch dar nich" ... antwortete er, bemüht, mit seinen dicken Patschhändchen den Sand in einer der Formen festzudrücken, die ihnen zum Spielen dienten. „Bist ungeschickt!". „Bin nicht undeschickt.Erich ist nicht undeschickt" ... Im Nü kugelten die Tränen verletzten Ehrgefühls über die Wangen, und der kleine Beleidigte erhob sich gekränkt und schwerfällig und tappste auf eine Bank zu, auf der eine junge Dame saß. Zornig und leidenschaftlich blickte der kleine Knabe das junge Mädchen an, weil es sein Herankommen nicht sofort bemerkte. „Else!" erschrocken fuhr sie empor — —— „O Erich, mein Junge, wie hast Du mich erschrecktwas gibt's denn?" . . . „Lucie sagt immer, Erich ist undeschickt. . . Garstige Lucie!" Er barg den Kopf in ihren Schoß und weinte recht bockig und unartig — — „Pfui, Erich — — Ihr sollt Euch vertragen. Kleine Knaben müssen ihren großen Schwestern folgen . . „Lucie ist keine droße Schwester, ist garstig ... immer 'Tuchen backen — — — alte Torte — — ich will Torte essen . . ." richtete er wie in plötzlicher Jdeenverbindung sich empor ... In diesem Augenblick war seine'Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes gelenkt ... Dort Tante . . . dort ist der Mann. Else folgte der Bewegung seiner Hand und war wie mit Blut übergossen, als sie hinter dem Baum langsam hervortretend, den sich entdeckt sehenden Saulmann bemerkte. — — „Guten Morgen, Fräulein Else," sagte er, näherkommend. „Hast Du Schokolade?" begrüßte ihn der Kleine. Ihre Bekanntschaft schien also nicht neuesten Datums zu sein. „Gewiß, kleiner Freund. Für Dich... und hier dieses Stück bringst Du Deiner Schwester." Diese ehrenvolle Mission hatte die letzten Zornesregungen im Herzen des Kindes verscheucht. Fröhlich lief es zum Schwesterchen und im innigsten Schokoladensrieden setzten sie ihr Spiel fort. Der junge Mann aber ließ sich neben Else nieder und sah ihr in die verlegen und doch glücklich aufstrahlenden Augen. Sie waren sich hier schon öfter begegnet. Kein verabredetes Rendez-vous — ein stillschweigendes Uebereinkommen. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er ihr das Buch aus der Hand, in dem sie so eifrig gelesen hatte. Es waren Lenaus Gedichte. Er schlug es auf und las: „Nie soll weiter sich ins Land Lieb, von Liebe wagen, Als Du blühend in der Hand Kannst die Rose tragen; Oder als die Nachtigall Halme bringt zum Neste, Oder als der süße Schall Wandert mit dem Weste" — „Gedichte Fräulein Else?" sagte er nur. Sie rückte errötend mit dem Kopse. Und dann: „Diese warmen, süßen Liebeslieder! Sie haben Recht, wohin soll in unserer Zeit eine zarte Mädchenseele hinflüchten? Diese Gedichte voll tiefen Zaubers und wonnigen Gefühls sind eine Welt für sich, eine Welt, in der die Unschuld und Güte schwesterlich umschlungen durch sanfte Rosenpsade ziehen." Seine Sprache hatte etwas Berauschendes für sie. Er hatte ein warmes, klangvolles Organ. Er verstand es meisterlich zu handhaben, um je nach Bedarf sich in die Frauenherzen einzuschmeicheln oder die Vernunft der Männer mit .überzeugungsvoller Beredsamkeit zu nehmen. Else'fand alles, was er. sagte, poetisch, zart und feingestimmt, recht für die Empfindungen eines jungen Mädchens geschaffen-hätte , sie ihn einmal im Kreise der Kollegen zynisch witzeln und frivol plaudern gehört, sie würde ihn nicht nur nicht verstanden, sondern ihn gar nicht erkannt haben. Saulmann -war eben einer jener Zweiseelmenschen, die mit ihren Gefühlen je nach Bedarf umzugehen und selbst in ihrem Aeußern diesen Veränderungen Rechnung zu tragen wissen. Galant im Boudoir schöner Frauen, schmachtend jungen Mädchen gegenüberbrutal und rücksichtslos mit der Feder in der Hand, skrupellos, wo es seinen Vorteil galt. Und dieser Mann übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf das reine, ahnungslose Geschöpf an seiner Seite.

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