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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-20 · Heft 34 (20.8.1909) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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-- 402 — " ' haltbaren Mißständen geführt, besonders in Oberelsaß'; dort hatte das Konsistorium ursprünglich in Winzenheim, damals die zahlreichste Gemeinde, seinen Sitz. Spsiter wurde es nach Kolmar verlegt. Die Gemeinde Kolmar zählt 200 Ns 300 jüdische Zensiten; sie hat das Recht, vier Mitglieder des Konsistoriums aus ihrer Mitte zu wählen, und der Kolmarer Rabbiner ist der Oberrabbiner. Die nun dreimal so große l Gemeinde Mülhausen kann nur mit allen Landgemeinden des Oberelsaß zusammen zwei Mitglieder in das Konsistorium entsenden. Ebenso hat Kolmar das Recht, der Gemeinde Mülhausen das Budget aufzustellen. Wenn das Konsistorium auf diese Rechte freiwillig verzichten will, so bleibt dieser Verzicht ohne gesetzliche Regelung ein widerrufliches Geschenk. Gegen diese Zustände herrscht in Elsaß-Lothringen große Mißstimmung; Gemeinden, die in stetem Kampfe mit ihren Vorständen liegen, Synagogen, in welchen kein Gottesdienst stattfindet, vorstandslose Gemeinden, willkürliche Ernennungen von Rabbinern, Eingriffe des Konsistoriums in die Gottesdienstordnung sind im Reichsland häufig vorhanden. Die Konsistorialverfassung bedeutete zur Zeit als sie gegeben wurde — abgesehen von den in ihr enthaltenen Polizeibestimmungen, die wieder verschwanden — einen großen Fortschritt auf dem Gebiete der staatlichen Anerkennung der jüdischen Religionsgemeinschaft. Zum erstenmal bekümmerte sich der Staat um den jüdischen Kultus, übernahm die Lasten des Kultus, machte die Beamten zu Staatsbeamten und brachte damit der jüdischen Religionsgemeinschaft absolute Gleichberechtigung mit den anderen Kulten. Aber in Anbetracht der veränderten sozialen und politischen Lage der Juderr in Elsaß-Lothringen ist einerseits, ebenso wie es dem katholischen Kultus im Bistum, dem protestantischen im Direktorium zugebilligt ist, auch dem israelitischen Kultus eine Oberbehörde zu geben, anderseits ist die innere Verfassung dieser Kultus - gemeinschaft modern, nach dem Prinzip der Selbstverwaltung, welche in höherem Maße als die bisherige Ordnung die Gewissensfreiheit der Gemeindebürger gewährleistet, umzugestalten. Das Reorganisationskomitee, an dessen Spitze der Mülhauser Rechtsanwalt Dr. Dreysus steht, hält gegenwärtig in allen größeren Gemeinden des Landes Versammlungen ab, in welchen durchweg eine — einstweilen noch ziemlich allgemein gefaßte — Resolution auch bei Mitgliedern des Konsistoriums Zustimmung findet, und die besagt, daß „die bestehende Verfassung des israelitischen Kultus einer grundsätzlichen Abänderung dringend bedarf, und daß diese Abänderung in der Richtung vorgenommen werden muß, daß den Kultusgemeinden die größtmöglichste Selbständigkeit gegeben, und daß die gesamte Kultusverwaltung in eine oberste Behörde zusammengefaßt werden soll". Das Komitee beabsichtigt später mit Vorschlägen an die Regierung heranzutreten. Das Schicksal, das die Bewegung nehmen wird, läßt sich schwer übersehen; vor allem wird es an der Bevölkerung liegen, für die angenommene Resolution einzutreten und nicht, wie das vor einigen Jahren bei einer ähnlichen Gelegenheit in Mülhausen geschah, auch eine Gegenresolution zu unterschreiben. Die Konsistorien scheinen in einigen Punkten einer Reform nicht abgeneigt, so daß Aussicht vorhanden ist, durch die Reorganisation der Konsistorialverfassung eine zeitgemäße, brauchbare Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft in Elsaß- Lothringen herbeizuführen. J. S.v ■ jDrirf aus Suhlsnd. Von Löon A. Trachtenberg. leine Vorfälle charakterisieren die Verhältnisse im Zarenreiche oft viel drastischer als große Ereignisse. So bringt der „Rjetsch" folgende historische Begebenheit aus der Gubernialstadt Kursk: „Mehr als ein halbes Jahr wartet das Kursker Börsenkomitee auf eine Antwort auf ein Telegramm, das dasselbe an den Minister des Handels und Industrie sandte, und bis zur Stunde ist diese nicht erfolgt. Dabei ist die Tatsache, die durch das Telegramm mitgeteilt wurde, eine derartige, daß sie die Aufmerksamkeit seitens des Ministers verdiente, der, nach seinen Reden zu schließen, so eifrig für die Interessen des Handels und der Industrie einsteht. Die Veranlassung des Telegramms gibt eine grelle Illustration des „konstitutionellen" Lebens in der Provinz; eines Lebens, das, nach Versicherung des Premierministers, in däs normale und beruhigte Flußbett eingetreten ist. Bekanntlich haben die Verbandsleute in Kursk sich der Position bemächtigt, und schon lange nützen sie die Macht vollkommen aus. Am 23. September 1908 fanden sie das einfachste Verfahren, den Kamps mit den hassenswerten Juden aufzunehmen. Sie kombinierten, daß man nirgends die Juden besser auffangen könne, als auf der Börse. Und da umringten - die Verbandsleute mit Polizeiwachen die Börse, besetzten alle Ausgänge und beabsichtigten, die Prüfung der Rechte der dort befindlichen Juden vorzunehmen. Der Aelteste der Börse verlangte ein Protokoll aufzunehmen. Aber den Uebersall förmlich und offiziell zu machen, dazu entschloß sich die Polizei doch nicht. Ueber diesen Uebersall wurde am 24. September dem Handelsminister folgende Depesche geschickt: „Gestern, den 23. September, erschien der Aelteste der Handwerker in Begleitung einiger Privatpersonen und einer starken Wache von Polizisten in der Kursker Getreidebörse während der Börsenversammlung, um jüdische Handwerker ausfindig zu machen und deren Rechte zu prüfen; derselbe verfügte, daß bei den Ausgängen Wachen zu postieren seien, und diese hielten die ganze Versammlung ungefähr eine Stunde gefangen. Unter solchen Bedingungen konnte die Arbeit der Börse nicht fortgesetzt werden, und. die Abmachungen erwiesen sich als nicht zustandegekommen. Das Kursker Börsenkomitee, das in einer außerordentlichen Sitzung diesen Fall heute beraten, beschloß einstimmig, das Vorgesallene zur Kenntnis Eurer Exzellenz zu bringen, und bei Ihnen sich um Schutz zu verwenden für die Interessen des Handels und der Industrie im Kursker Gouvernement, welche in der Gegenwart ohnehin eine schwere Krisis durchmachen. Der Vorsitzende des Kursker Börsenkomitees Sghunow." Bis zur Stunde sind aber trotzdem noch keine Maßregeln zum Schutz der Interessen des Handels ergriffen worden, und inzwischen hat dieser Uebersall,. vor dessen Wiederholung das Kursker Börsenkomitee nicht sicher ist, eine Unordnung in den Geschäften der Kaufleute hervorgebracht und ihnen schwer zu berechnende Verluste zugefügt. Nicht wahr, es klingt wie eine Fabel, diese haarsträubende Geschichte, und dennoch ist dieselbe — leider wahr! Die „Rußkaja Znamja" („Die russische Fahne") begrüßt sehr warm die „fruchtbare Tätigkeit" der Schwarzhundertmänner in Odessa, die die städtische Munizipalverwaltung okkupiert haben. „Die neue Zusammensetzung der Odessaer Duma beginnt ihre fruchtbare Wirksamkeit. In Privatversammlungen der neugewählten Stadtverordneten ist die Frage über Verwendung bei der höchsten Behörde aufgeworfen worden, Odessa aus dem Ansiedlungsrayon auszusondern

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