Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-20 · Heft 34 (20.8.1909) · p. Seite 398

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228887--65784-3277929
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

will, in Wahrheit aber der machtvollste Politische Faktor des öffentlichen Lebens ist. Um seine Fahne schart sich alles, was sich dem Rechte der deutschen Juden entgegenstellt. In seinen Zirkus Busch-Versammlungen würzt der Antisemitismus seine geistigen Flachheiten,' > In seinen Organen floriert jener Antisemitismus, der/ viel verheerender wirkt, als ' der des Radaus und der Gasse. Wenn sich nunmehr in ausgesprochenem Gegensatz zu der Weltanschauung und den Zielen dieses antisemitischen Bundes der Landwirte im „Hansabund" eine Koalition aller bundesgegnerischen Elemente bildet, so liegt es aus der Hand, daß wir deutschen Juden in Rücksicht auf unser staatsbürgerliches Interesse wie auch in unserem eigenen wirtschaftlichen Interesse als Reichsbürger den Bestrebungen des „Hansabundes" mit größter Sympathie gegenüberstehen müssen. Der Kampf gegen den „Bund der Landwirte" und dessen — auch antisemitische — > Bestrebungen ist nur zu führen auf Grund einer entgegengesetzten Weltanschauung und Auffassung von den höchsten staatlichen Aufgaben, der Gerechtigkeit. Der Hansabund schreibt aber auf seine Fahne das Wort: Gerechtigkeit. Das ist auch das, was wir deutschen Juden wollen, Gerechtigkeit, die das Maß von Leistung und Gegenleistung des Staatsbürgers und des Staates reguliert und die Quintessenz dessen ist, was wir deutschen Juden verlangen. Wir weigern und weigerten uns nie, unsere, volle Pflicht dem Staate gegenüber zu erfüllen, wir verlangen dafür aber auch unser volles Recht. In der politischen Kombination, die durch die Organisierung der beiden großen wirtschaftlichen,. Gruppen, dem „Hansabund" und dem „Bund der Landwirte" herbeigeführt wird, läßt es sich gar nicht vermeiden, daß auch wir deutschen Juden in Rücksicht auf unser staatsbürgerliches Interesse werden Stellung nehmen und Farbe bekennen müss en, genau so, wie selbst die politischen Parteien, die durch diese machtvollen wirtschaftlichen Organisationen ganz fraglos, mögen sie es. auch noch so sehr leugnen, in eine gewisse Abhängigkeit oder sagen wir, zu einer gewiffen . starken Rücksichtnahme werden gelangen müssen. Der Einfluß des „Hansabundes" wird sich auch bei den politischen Wahlen gleichfalls geltend machen. Die parteipolitische Neutralität, die man proklamiertkann vor den Tatsachen nicht bestehen. Sie wird sich nur ausführen lassen innerhalb ganz enger Grenzen. Innerhalb/ der engen Grenzen nämlich jener Parteien, die mit größerer oder geringerer Entschiedenheit auf dem Boden der großen liberalen Weltanschauung stehen. Wollen wir deutschen Juden daher unseren Einfluß schon bei der Aufstellung von Kandidaturen, bei der Unterstützung gewisser Kandidaten usw. geltend machen, so ist es notwendig, daß wir nicht nur in die politischen Organisationen uns einfügen, sondern auch dieser großen wirtschaftlichen Gruppe uns angliedern. Im Hansabund, so meinte der Präsident desselben, „ist kein Raum für konfessionelle Betätigung oder für die Austragung konfessioneller Differenzen". Das ist dasjenige, was wir' deutschen Juden wünschen. Nicht als Juden wollen wir uns dort betätigen, sondern als Staatsbürger jüdischen Glaubens. Nicht konfessionelle Differenzen wollen wir dort austragen, sondern die Gerechtigkeit finden, die uns Voreingenommenheit und Mißachtung des Geistes der Verfassung vorenthalten. Wohl wiffen wir, daß der „Hansabund" nicht direkt seine Hand, zur Erreichung unseres Zieles bieten wird. Aber die Grundrichtung seines Wirkens führt unbedingt nach jener Gestaltung unserer öffentlichen Zustände, von der allein wir erwarten können, daß es unserer Kraft und der Kraft dev öffentlichen Meinung gelingen werdeuns unser Recht zu schaffen. Wir wiffen also sehr wohl, daß wir auch bei den neuen Fronten von uns allein, nur von uns selbst das zu erwarten haben, was unser Ziel ist. Aber der Orgarnsation des gefährlichsten Antisemitismus entgegenzutreten durch Beitritt zur HegenOrganisation heißt: den Antisemitismus bekämpfen. Und daran - dürfen wir es nicht an un s fehlen lassen. V.. Die Woche. .V Berlin, 17. August. %u dem überraschenden Rücktritt des Kriegsministers v. Einem wird uns geschrieben: Wir müssen Herrn v. Einem das Gute nachsagen, daß er hinsichtlich der Zurücksetzung der Juden im Heere ganz unserer Meinung war in — Worten. Der zurückgetretene Kriegsminister hat der Welt gezeigt, daß mit Worten sich nicht nur trefflich streiten, sondern auch besänftigend wirken läßt. Es fehlten nur die diesen Worten Nachdruck und Erfüllung verleihenden Taten.' Wie oft Herr v. Einem auch im Reichstag erklärt hatte, es entspreche nicht der Verfassung, daß Juden nicht Offiziere werden dürfen, weil sie Juden sind, es blieb alles doch immer beim alten. Trotz Verfassung und Tüchtigkeit gab es und gibt es keine jüdischen Offiziere, obgleich die preußische Heeresdisziplin doch sonst so viel vermag und ein einziges Wort genügt hätte, um alle Bedenken der Herren Offiziere gegen jüdische Kameraden zu zerstreuen. Aber wir wollen gerecht sein und den Lesern nicht folgende Mitteilung der „Frankfurter Zeitung" vorenthalten: General v. Einem hat sich in dem, was er im Reichstage gegen die Bevorzugung des Adels in der Armee und gegen die grundsätzliche Ausschließung jüdischer Einjährig-Freiwilliger von der Beförderung gesagt hat, nicht nur auf Worte beschränkt. Er hat in beiden Beziehungen in bestimmten Fällen, soweit sein Einfluß reichte, ihn auch jenen Worten entsprechend eingesetzt, rückhaltloser als bisher einer seiner Vorgänger. Und aus einem bestimmten Falle ist bekannt, daß der Kaiser damit ganz einverstanden war.. Aus dieser Notiz geht nicht hervor, ob Herr v. Einern seinen Einfluß auch zugunsten der Beförderung eines jüdischen Einjährigen oder nur zugunsten des Adels geltend gemacht hat. Uebrigens ist uns mit einem bestimmten Falle nicht gedient. Wir wollen keine exzeptionelle Vergünstigung, sondern nur was Rechtens ist. Der Polenführer und Arbeiteragitator Mankowski aus Bochum wendet sich in mehreren Polenblättern gegen die jüdische Bevölkerung an der preußisch-galizischen Grenze, weil sie zu sehr deutsch gesinnt, zu wenig polenfreundlich sei. Er schreibt: „Wenn der Mensch der jüdischen Arbeit an .der Preußischen Grenze zuschaut, dann kann man es nicht begreifen, wie es möglich ist, solchen Dingen mit Ruhe zuzusehen. Das Judentum hat doch dort aus unserer polnischen geliebten Erde ein deutsches Land gemacht. — Es ist traurig, geliebte Brüder, daß die Juden dort so mächtig, Herren der Situation geworden sind; sie sind dort die allerbesten Träger und Verbreiter der deutschen Kultur." Unter den Mitteln, durch welche das polnische Volk von dem „jüdischen Alp" befreit werden könnte, hebt Mankowski besonders die Aufklärung durch eine polnisch-antisemitische Presse hervor. Diese Presse müsse eine kräftige Unterstützung der Geistlichkeit finden, sehr billig fein und teilweise unentgeltlich abgegeben, vertrieben werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.