Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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v73. J^gang. Nr..34. Berlin, 20. Augiist 1909. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippson. Berlin, Jernsalemer Str. 46/49. Diese Zeitung' erscheint wöchentlich. A b öuU e m e n ts - Pr e is: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere ' vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion .ünb Expedition sind an die Adresse: Verlag der -Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Fronten. Berlin, 17. August, großem Bedauern' hat das deutsche Judentum den I K" Fürsten Bülow aus dem Amte scheiden sehen? Nicht weil7 wir unter seinem Regime etwa im Kampf um unser Recht einen wesentlichen Schritt vorwärts gekommen wären, sondern weil es nicht mehrere Schritte rückwärts gegangen ist. Sein Nachfolger, Herr v. Bethmann Hollweg, war zunächst der Gegenstand eines höchst ergötzlichen Meinungsaustausches darüber, ob etwa in den Adern eines seiner „ältesten Ahnen" ein Tröpflein jüdischen Blutes geflossen sei:" 'Welche 'Schlüsse man'aus der Bejahung oder Verneinung dieser Frage auf die Wellung des neuen Herrn Reichskanzlers zu unseren Forderungen etwa ziehen wollte, ist uns vom jüdischen Standpunkte aus ebenso unerfindlich, wie es.komisch klingt, wenn män iü der Ahnentafel des neuen Reichskanzlers nach Persönlichkeiten forscht, die den Juden feindlich oder freundlich gesinnt gewesen sind. Wenn der Großvater judenfreundlich gewesen ist, so schützt das den Enkel nicht davor, indifferent öder gar gegnerisch uns Juden gegenüber zu sein. Und ebensowenig wird man behaupten können, daß die. getauften Enkel'guter frommer Juden nicht. auch eifrige Förderer des Judenhasses sein können. -Wir wissen ja, wie leicht das „christliche Empfinden" getaufter I uden verletzt wird aus einem Beispiele, das gar nicht so weit zurückliegt. Es wird güt sein, wenn wir deutschen Juven unseren andersgläubigen Mitbürgern gegenüber keinen 'Zweifel darüber aufkommen lassen, daß wir entgegen dem Standpunkte des Antisemitismus es unbedingt ablehnen, in dem getauften Juden oder einem Abkömmling' desselben immer nur einen „Marannen" zu sehen . Wenn das über der Fall ist, dann wird es vom Kdischen Standpunkte aus vollkommen gleichgültig sein, ob die Herren, die einen gewissen Einfluß auf unser staatsbürgerliches Schicksal .ausüben können, in ihrer, äußersten Ahnenreihe auch einmal einen Juden hatten oder 'nicht. Das, worauf eA uns allein ankomrnt, ist die Frage nach' der.Grundanschäüung dieser Männer, ob sie ModernerWbltänschauung huldigen und.das hinreichende Maß von festem Willen und Kraft besitzen, um dery toten Buchstaben der Verfassung wirksames Leben einzuhauchen auch da, wo es sich um das Recht, der Staatsbürger jüdischen Glaubens handelt./ Ob. von diesem' Gesichtspunkte aus. Herr v. BethmanU-Hollw eg>. der neue Reichskanzler, den HoMungen und.Erwartungen! der ünihrenRechten nochimmerzurückgesetzten deutschen Juden entsprechen wird, oder' auch entsprechen können Wird, läßt sich zurzeit.! nicht sagen.; Man setzt bei ihm nur voraus, daß eu.-die.:Politik-des'Fürsten.'Bülow'- fortzusetzen die Absicht hat, ungeachtet der zurzeit vollkommen veränderten parteipolitischen Fronten. Die durch die Tatsachen herbeigeführte Ausschaltung des politischen Liberalismus als milbestimmenden Faktor in der inneren Politik, wäre, wenn diese Verhältnisse permanent blieben, für uns deutsche Juden nicht erfreulich. Der Kurs, der nach rechts führt, hat unsere Lagy noch immer nur verschlechtert. Von dieser Frage aber, der Gestaltung unserer parteipolitischen Verhältnisse, hängt für uys Juden viel mehr ab, als von der mehr oder minder freundlichen Haltung einzelner Herren Minister. Denn diese Haltung ist in den meisten Fällen erst die Folge der Gestaltung der parteipolitischen Verhältnisie. Durch die vom Fürsten Bülow geschickt zusammengebrachte Zentralisation der bürgerlichen Elemente waren die rückständigen konservativ-antisemitischen Schichten durch den Einfluß der Parteien der Linken, neutralisiert. Allerdings traf auch das Gegenteil zu, äüch die : fortschrittlichen Elemente wären in der Erreichung ihrer Ziele eingeschränkt. Darum wurde es für uns deutsche Juden-eben weder besser noch schlechter. An beruhigenden Erklärungen und minimalen Konzessionen, die mehr äußerlicher Natur waren, hat es freilich nicht gefehlt. Jetzt bereitet sich eine neue Parteikonstellation vor, der wir Juden mit besonderer Aufmerksamkeit zu folgen verpflichtet sind, um die rechte Stellung zu dem Neuen zu gewinnen. Der: Hauptstütze der Reaktion, des Rückschritts' und jenes Antisemitismus, der schlimmer ist als der der. Straße, , nämlich des: gesellschaftlichen und wirtschaftlichen, stellt sich jetzt eine neue Organisation entgegen. Sie will eine rein wirtschastspolitische sein, wird aber nach dem Urteile fast der gesamten' Presse und hervorragender Männer und Politiker einer: wesent- - lichen rein politischen Einflußnahme nicht entraten können. Das ist der. „Hansabund". Bezeichnet ihn doch auch der volkswirtschaftliche Syndikus des „Bundes der Industriellen" Dr. Schneider im „Pester Lloyd", ebenso wie Professor Liszt in der „Kölnischen Zeitung" als einen mächtigen p o lit i s ch en;• Faktor. Und wenn auch der Neffe unseres großen Gab rieT Riesser nicht müde wird, den rein wirtschaftspotitischen Charakter des „Hansabundes" immer von neuem zu betonen, so wird es doch freistehen, sich der Auffassung. jener politischen Sachkenner anzuschließen, die in dem „Hansabund" mehr sehen, als nur eine Bereinigung, zur- Wahrung der wirtschaftlichen Interessen von Handel, Industrie und Gewerbes nEs-' ist eben einer der ^großen -WellÄrringe-. der /sich aus der : Zeit des : ' ersten Kanzlers bis in unsere Tage': förtpflanzte,als' rr/dÄs-- wirtschaftliche Interesse zum Mittelpunkte!-d'es'"PolitischM' Lebens setzte, / daß Politi k und. Wirts chaftspolitik! üntrettnbar miteinander verknüpft sind.Daher-die Abhängigkeitpöer' rechtsstehenden antisemitischen ^Parteien " /vom ' Muttde'der' Landwirte">. der ja auch nur wirtschastspolftische Ziele tzabM