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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-13 · Heft 33 (13.8.1909) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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stellen wird als wichtigstes und allein . wirksames Erfordernis „christliche Konfession" verlangt. Seitdem nämlich die Taufbewegung immer mehr anwächst, genügt mitunter auch die erworbene „Christlichkeit" nicht mehr, und es ist für ein sicheres Fortkommen immerhin empfehlenswerter, arischer Abstammung zu sein. Mit dieser - Erscheinung haben wir uns nachgerade vertraut gemacht, und es finden sich immer weniger jüdische Bewerber für öffentliche Stellen. Nur die Akademiker, denen die Ueberfüllnng aller akademischen Berufe vor Augen gehalten wird, stehen nach Abschluß ihrer Studien ratlos da. Vielleicht ist solche Rechtsbeugung in dem von einer antisemitischen Majorität vertretenen Niederösterreich eine natürliche Folge der für uns so traurigen politischen Situation. Daß sich aber selbst in Galizien, dem Lande der jüdischen Wähler, die offenkundige Umgehung jüdischer Bewerber mehrt, gibt den wenigen Vertretern jüdischer Interessen im Reichstage denn doch zu denken. Ein solch offenkundiger Fall wurde erst kürzlich gemeldet: Ritter v. Moysa, der von jüdischen Wählern in den Reichsrat entsandte Abgeordnete von Buczacz-Zaleszczyki, erließ eine öffentliche Ausschreibung für die Stelle eines Arztes der seiner Bezirkshauptmannschast unterstehenden Stadt Sniatyn, und verlangt ausdrücklich Vorlegung eines Taufscheines. Nun ist es ja bekannt, daß die jüdischen Wähler Galiziens das geduldige Stimmvieh der Herren vom Polenklub sind, und daß sie jede mit dem Stimmzettel manifestierte Eigenmeinung schwer zu büßen haben. Doch erhielten sie dafür das allerdings fragwürdige „Aequivalent", nach Recht und Gesetz behandelt zu werden — d. h, bei Besetzung öffentlicher Stellen. Dem edlen Ritter v. Moysa, der den jüdifchen Wählern die Stimmzettel mit Drohungen abzwang, scheint auch dieses schon zuviel, und er beginnt den Versuch, den autonomen galizischen Behörden Wiener antisemitische Methoden aufzüdrängen. Im galizischen Landtage sitzt zwar ein Dutzend jüdischer Abgeordneter, die sich aber gewöhnlich in tiefes Schweigen hüllen. Ueberdies fühlen sich die Herren durch die Wahl eines jüdischen Bürgermeisters für Lemberg, des Dr. Tobias Aschkenase, dermaßen geschmeichelt, daß ihnen vor lauter Entzücken die Worte zu fehlen scheinen, um den Terrorismus des von Juden gewählten Antisemiten festzunageln. Aber die öffentliche Meinung hält den Fall Moysa mit einer Interpellation nicht abgetan und verlangt ein energisches Auftreten der jüdischen Landtagsabgeordneten, damit der alten österreichischen Schmach, jüdische Techniker, Juristen und Aerzte vom Staatsdienste auszuschließen, endlich laut entgegengetreten und der Taufschein seines Wertes als Protektionsmittel entkleidet werde. „Denn" — wie ein gutmütiger Dummkopf mal sagte, — „die Juden sind ja schließlich auch Menschen!" * ' Äuszlsnd. ----- Lodz, 3. August. Das „Lodzer Tagblatt" veröffentlicht einen interessanten Bericht aus der jüdischen Kolonie Gederah in Palästina: Vor acht Monaten kamen mehrere jüdische Arbeiter in die Kolonie Gederah, und vor kurzer Zeit waren sie gezwungen, die Kolonie wieder zu verlassen. Die Ursache hiervon ist folgende: Die Neuangekommenen Arbeiter waren Juden aus Pemen, auf welche in Palästina besondere Hoffnungen gesetzt werden, da sie das dortige Klima besser vertragen, als die europäischen Juden, wie sie überhaupt in vielen Dingen den Arabern ähnlich sind, welche jetzt, wie bekannt, in den jüdischen Kolonien arbeiten. Die Juden von Mmen anerkennen jedoch nicht den „Cherem des Rabbenu Gerson" bezüglich der Vielweiberei, und so kam es wegen einer Frau zwischen zwei yemenitischen Familien in Rechoboth und Gederah zu großen Zwistigkeiten. Der Vorstand der beiden Kolonien sah sich veranlaßt, sich in die Sache einzumischen und in dem Streit ein Urteil zu fällen. Der dementer aus Gederah weigerte sich jedoch, dieses Urteil anzuerkennen, und als man ihn dazu zwingen wollte, kam es zu argen Tätlichkeiten, bei welchen ein'jüdischer Kolonist und zwei jüdische Arbeiter Verletzungenerlitten.' Ta die jüdische Kolonie die Blutrache der Araber befürchtete^übergab sie den jüdischen Kolonisten den Regierungsorganem Gegen diese Maßnahme protestierten sowohl die yemenitischen, als auch 18 jüdische Arbeiter aus Europa, welche allesamt die Kolonie verließen. Und so ist die Kolonie Gederah ohne jüdische Arbeiter geblieben. Vun MH und jfrrn. — Den Oberlehrern Dr. Fried mann an der fünften und Dr. Engländen an der zehnten Realschule in Berlin ist der Charakter als Professor verliehen worden. — Der gefeierte Physiologe Geh. Medizinalrat Professor Dr. Lud. Herrmann in Königsberg i. Pr., einer der wenigen jüdischen Ordinarien in Preußen, ist anläßlich seines fünfzigjährigen Doktor- Jubiläums mit dem Kronenorden II.Klasse ausgezeichnet worden.— In Posen wurden Rechtsanwalt Michaelsohn zum Justizrat und Max Czapski zum. stellvertretenden Handelsrichter ernannt. — In Schweidnitz ist Herr Emanuel Freund im Alter von 71 Jahren gestorben. Er hat viele Jahre in der Synagogengemeinde als Repräsentantenvorsteher und dann als Vorstandsmitglied segensreich gewirkt. Durch Hingebung und Fürsorge für die Gemeinde, sowie durch seine Opferwilligkeit hat er sich ein Andenken gesichert, welches in den Herzen der Gemeindemitglieder unvergeßlich bleiben' wird. In Frankfurt a. M. wurden die Oberlehrer Dr. Max Levy und Dr. Siegfried Kunz zu Professoren ernannt. — Der Geheime Hofrat Professor Dr. med. Isidor Rosenthal, Direktor des Physiologischen Instituts an der Universität Erlangen, der erst vor einigen Tagen das goldene Doktorjubiläum feierte, wurde von der Erlanger philosophischen Fakultät zum Ehrendoktor ernannt. — Herrn Medizinalrat Dr. Rödelsheimer in Lauph eim ist anläßlich seiner Versetzung in den Ruhestand vom König das Ritterkreuz I. Klasse des Kronenordens verliehen worden. — Der Gemeinderat in Forbach hat für die Renovierung der Synagoge 2000 Mark bewilligt. — In Bern (Schweiz) ist am 5. d. M. Professor Dr. Carl L. Friedheim infolge eines Herzschlages gestorben. — Anläßlich seines Besuches in der bosnischen Hauptstadt besichtigte der Erzherzog Leopold Salvator die Synagoge in Sarajewo. Bei dieser Gelegenheit bewunderte seine kaiserliche Hoheit den herrlichen Bau und erkundigte sich eingehend beim Rabbiner und Gemeindevorsteher über die Lage der Gemeindemitglieder und einige Gemeindeangelegenheiten. — Die letzte Veröffentlichung des statistischen Amtes der ungarischen Hauptstadt zeigt von einer steten Zunahme der dortselbst geschlossenen Ehen zwischen Juden und Christen. Im Jahre 1906 wurden 1473 reinjüdische Ehebündnisse geschloffen und 258 Mischehen. Im Jahre 1907 1496 jüdische und 243 Mischehen. Im Jahre 1908 1564 jüdische und 318 Mischehen. — Auf der Arnheimer Gemäldeausstellung gewann der bekannte Amsterdamer Maler Eduard Frankfort die goldene Medaille. Vor vier Jahren wurde ihm bereits von der Königin Mutter die goldene Medaille anläßlich der Amsterdamer Ausstellung überreicht. — Aus Paris kommt die Trauernachricht, daß dort die wegen ihrer Wohltätigkeit allgemein bekannte und verehrte Frau Ali ne Caroline Sassoon aus London gestorben ist. Sie ist die Gemahlin Eduard Sassoons und eine Tochter des Barons Gustav v. Rothschild. — Die Abneigung gegen die langen Röcke, wie solche die chässidischen Juden in Warschau tragen, ist jetzt eine große. Ein langer Rock gilt als Zeichen reaktionären Denkens, gegen das ein fortschrittlicher Mensch Front machen muß. Zahlreiche jüdische Geschäftsinhaber fordern von ihren Angestellten, den langen Rock abzulegen oder die Stelle niederzulegen. Auch in öffentlichen Lokalen weist man Leute mit langen Röcken zurück. — Im jüdischen Greifen- Heim in Lodz starb Jakob Baum stück im Alter von 104 Jahren. Vor einigen Jahren,arbeitete der Greis noch in einer Schneiderwerkstätte. Er hinterläßt mehrere Urenkel. Seine älteste Tochter ist 85 Jahre alt. — Der jüdische Bürgermeister Roms, Signor Ernesto Nathan, weilte kürzlich in London, um offiziell für die Teilnahme Englands anläßlich der Erdbebenkatastrophe zu danken. Der König empfing ihn; auch beteiligte er sich als Gast an dem den Dumamitgliedern von der Stadt London gegebenen Festessen. Der trotz päpstlicher Opposition gewählte jüdische Bürgermeister' inmitten der russischen ihren jüdischen Mitbürgern so feindlich gesinnten Volksvertretung spiegelt deutlich den Unterschied zwischen dem rauhen Barbarenlande und dem sonnigen Italien wieder. — Am 18. v. M. erschien in New Ac»rk die erste'Nummer eines hebräischen Tagblattes unter dem Titel „Hajom" (Der Tag), Chefredakteur ist Herr M. Goldmann, der bisher das hebräische Wochenblatt „Hastum" (Die Nation) herausgegeben hat.

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