Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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396 in ihrer Ehe noch nicht beschieden gewesen. Sie lernten sich gewissermaßen erst näher kennen, und waren beide erstaunt, sich eigentlich vielfach anders zu finden, als sie sich in den Jahren ihres Ehelebens erschienen waren. Alfred hatte seine Frau für viel ernster, kühlermnd schlichter gehalten, als er sie jetzt fand. Der Zug von Genußfreudigkeit, Behaglichkeit und selbst leichter Gefallsucht war ihm fremd an ihr. Auch Agathe fand ihren Man anders als daheim. Dort im ewigen Gleichmaß von alltäglichen Sorgen war er nüchtern und philiströs.- Hier entfaltete er ganz neue Eigenschaften und verriet niemals, wie hausbacken und schlicht er eigentlich sein konnte.--- Jeden Tag ersann er Neues, um sie zu überraschen und ihr Freude zu bereiten. Sie hatten keinerlei Verkehr, nur mit einem Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft waren sie durch Zufall näher bekanntgeworden und folgten hie und da seiner Einladung, einen Tag aus seinem Gute Wisoka zuzubringen. Agathe fühlte sich sehr w-pT T (ot der liebenswürdigen Gastfreundschaft, die ihnen zuleck wurde. Sie kannte das Landleben gar nicht. Alles interessierte und entzückte sie, alles war ihr neu! Das geschäftige reiche Leben eines solch großen Landbesitzes mit seiner Fülle und Ueppigkeit. Diese geradezu verschwenderische Opulenz und Gastfreundschaft, die nur noch inPolen anzutreffen war bei den Nachkommen jener sarmatischen Adelsgeschlechter, die sich mit Grazie und vornehmer Würde ruinierten. Vom Gute zurückgekehrt fanden sie überraschende Mitteilungeil. Herr Edmund Großer meldete seinen Besuch an. Er wollte sich schon immer einmal persönlich von der Entwicklung des Geschäftes in Rußland überzeugen und würde in den allernächsten Tagen in Valentinowa eintreffen. Agathe blickte etwas verwirrt auf, als ihr Mann ihr beim Frühstück diesen mit der Morgenpost angekommenen Brief vorlas.' „Er kommt hierher?" „Wie Du hörst!" „Und ich-soll ich nach Hause fahren?" (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Otto Stößl. Sonjas letzter Name. Ein Schelmenroman. Georg Müller, München und Leipzig 1908. Die bei Werken des 17. Jahrhunderts häufige, jetzt seltener gewordene Bezeichnung kann bedeuten, daß der Verfasser anmutige Streiche erzählt, oder sich lustig macht über Personen und Dinge. Im vorliegenden Falle umfaßt der Titel wohl beides: Frau Oberleutnant Sonja Heiner, das ist der letzte Name eines armen polnischen Judenmädchens Lea Weinrausch. Ein Oberleutnant Nessowsky hat das 13 jährige Kind, das in einer jüdischen Schenke Mädchen für alles war, im Gegensatz zu seinen Kameraden, menschlich behandelt, sie auch ein wenig unterrichtet und sie dermaßen bezaubert, daß sie seinen Abschied nicht überleben kann, sondern, da sie von seiner Abreise erfährt, nachts, halbnackt zu ihm läuft. Er lebt jahrelang mit ihr zusammen, zuerst als Freund, dann als Geliebter, bringt sie in ein Kloster in Breslau, dann zu einem Starosten nach Polen, nimmt sie dann mit sich nach Wien, verschafft ihr in einem anderen Garnisonort ein Unterkommen bei einem Oberst, bis sie schließlich den jungen Leutnant Heiner kennen und lieben lernt und nach vielen Schwierigkeiten ihn.heiratet. Die Entwicklung dieses halbwilden Judenmädchens zu einer fast modernen Frau ist ausgezeichnet geschildert. Aber in dieser ganzen Darstellung steck* schon unendlich viel Schelmerei, mehr noch in der ihres Beschützers, der ein armer, braver Mensch aus Humanität die tollsten, fast verbrecherischen Streiche verübt, Geburtsurkunden fälscht für das Mädchen, die er als Tochter eines verstorbenen hohen Offiziers ausgibt, eine Bestallung für sich als Vormund, dann wieder ein Zeugnis für seinen Schützling als eheliches Kind des schon genannten Starosten. Noch mehr Schelmereien stecken in den Auseinandersetzungen, wie dieser Oberleutnant die größten Reisen für billiges Geld macht, indem er seine Nächte im Freien zubringt, sich ausschließlich von Brot und Sauerkraut nährt, einmal sogar für einen Stipendiaten einer deutschen Akademie einen Monat lang in Sizilien Schmetterlingsuntersuchungen macht. Dies und noch vieles andere ist eine lustige (oder ernste) Satire gegen deutsche und österreichische Zustände. Uns interessiert in diesem Zusammenhang hauptsächlich die Zeichnung des merkwürdigen weiblichen. Naturkindes, das in all den seltsamen Abenteuern, in denen es viel von seiner halbasiatischen Unkultur bewahrt, doch ein gut Stück von Keuschheit behält, einer lieblichen Jungfrau, die durch ihre Treue, durch die frische Ursprünglichkeit und Wahrhaftigkeit ihres Wesens die Menschen bezaubert, zuletzt sogar einen hohen General, der, obgleich er die verübten Schwindeleien entdeckt, ihr schließlich den Heiratskonsens auswirkt; das Ganze gewährt trotz mancher psychologischen Unmöglichkeiten eine recht unterhaltende Lektüre. Eine Stelle über die galizischen Juden als Soldaten ist kulturhistorisch interessant genug, daß sie hier folgen mag: „Dieser gerade in Galizien mehr als sonst unauflöslich aneinander gekettete Stamm sondert sich dort merkbar von der übrigen Bevölkerung und gibt ein Mittelglied zwischen Herrschenden und Beherrschten ab, von beiden verachtet, gehöhnt und gefürchtet und von beiden doch wieder nicht leicht^ entbehrt. Die herrschende polnische Nation, in der Truppe vorzüglich durch die Offiziere vertreten, benutzt die findigen, schlauen, selbst den widrigsten Verhältnissen sich anpassenden jüdischen Soldaten zu allen größeren und kleineren Geschäften, die Geschicklichkeit, Scharfsinn und selbst einen gewissen Mut zur Uebertretung, wenn auch keinen zur leiblichen Gefahr verlangen, die Juden besorgen Einkäufe, vermitteln Anleihen und dienen, obgleich nicht eben zuverlässig, verhältnismäßig leicht, indem sie selbst bei Anstrengungen des Körpers dank der eingeborenen Zähigkeit standhalten und mehr Unbilden überdauern, als der anscheinend rüstigere Bauer. Anderseits aber wissen sie, indem sie zu privaten Besorgungen ruchlos sich bereitfinden lassen, allerhand Erleichterungen zu ergattern, machen sich auch dadurch angenehm, daß sie sich willig als Zielscheibe handgreiflicher Späße und rücksichtslosen Spottes darbieten, grinsen am Ende sogar dem strengsten Offizier mit geduldeter Freimütigkeit ins Gesicht und denken sich selbst bei bösem Ungewitter ihr Teil. Eine Art pon innerer Freiheit billigen sie sich eben in solcher Knechtschaft als Vorrecht ihrer Pfiffigkeit und Geduld zu und erwirken dafür auch eine gewisse Anerkennung." Ludwig Geiger. 4f> Vor hundert Jahren. In der Zeit von Preußens tiefster Erniedrigung knüpften schwärmerische Vaterlandsfreunde die Hoffnung auf Befreiung vom Joche Napoleons an die innerliche Herstellung eines mittelalterlichen Christentums, das rein Deutsch alles Fremde von sich ausschließen sollte. Ein Ideal, das allerdings schnurstracks in Widerspruch stand zum bisherigen Geiste der Berliner Gesellschaft, die, von der Aufklärung und Französischen Bildung stark beeinflußt, in jüdischen Salons glänzendste Vertretung fand. Es ist bekannt, wie abhold jene rückwärts gerichtete Deutschtümelei den Juden gesinnt war, mochten auch manche der führenden Romantiker mit Juden verschwägert sein. Eine neue Skizze jener Stimmung wird nun soeben bekannt aus dem Jahre 1809: „Die Religion dieses Systems sprach sich wie die Tugend der Römer in Vergötterung der Tapferkeit, des Vaterlandes und der Freiheit wie in Feindschaft gegen alles Fremde aus. Und als christlich pflegte es sich vorzugsweise nur im Judenhaß auszusprechen, der so wohlgefällig zur Schau getragen ward, daß ich einen Mann, der wenigstens nicht geradehin für albern galt, einmal versichern hörte: man könne mit einiger Aufmerksamkeit in den Zügen jedes Judengesichts die Marterwerkzeuge Christi erkennen." Diese Worte schreibt, etwa ein Jahrzehnt später, eine wahrhaft edle Frau, Gräfin Sophie Schwerin, geb. Gräfin v. Dönhoff, deren „Erinnerungen, zusammengestellt von ihrer Schwester Amalie v. Romberg" unter dem Titel „Vor hundert Jahren" 1909 erschienen sind; S. 288. F. L. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.