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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-13 · Heft 33 (13.8.1909) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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„Aber wie kamen Sie dazu?" „Der Mann dauerte mich. Er sah so aus, als hätte die Verwirrung und Furcht ihn von Sinnen gebracht, und in der Tat es ist so, da" ... er wies auf den linken Fuß des wie aus einem bösen Traum erwachten, aber noch immer hoffnungslos Dastehenden, ... „dem Mann fehlt der Stiefel ..." Die Versammelten sahen aus den wirklich nur mit einer grauen Wollsocke bekleideten linken Fuß des so rauh Behandelten. Man lachte und schrie durcheinander ... „Mos Boze!“1 2) „Wahrhaftig!" „Glupiec!“3) „Meschügge!" „Verrückt!" riesen die Bauern und Juden durcheinander. „Aber warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" „Ich wußte nicht ... ich merkte nicht .. ." stotterte der Gefragte, der allmählich zum Bewußtsein gelangte . ich dachte nicht daran, als ich den Stiefel ausgezogen, weil er mich drückte..." ... „Und den Paß?" „Ich hatte den Paß hineingesteckt, um ihn sicher-auszubewahren, während ich schlief. Ich war so furchtbar müde geworden ... und ich muß wohl halb im Schlaf den Stiefel abgestreift haben, und als ich so jäh geweckt wurde, verließ mich die Erinnerung...." „Hier!" der Beamte reicht ihm den Stiefel hin — — „es ist hoffentlich sicher der Ihrige. . . . " Mit einem Ruck war der Stiefel angezogen. „Das wäre Beweis genug! Aber doch zur größeren Sicherheit . . ." er schlug den Paß auf, „wir sind hier," wendete er sich an Alfred, „zur größten Vorsicht gezwungen. Sie haben keine Vorstellung davon, wie wir gerade an dieser Grenzstation von Durchstechereien, Paßschwindeleien, Schmugglern und politischen Flüchtlingen geplagt sind. Jede Woche, jeden Tag fast, haben wir mit solchen Dingen zu kämpfen. Die preußische Grenze ist so nah, die Züge hinüber und herüber passieren des Nachts. Da gibt es leichte Gelegenheit und man muß tausend Augen haben. ..." Er bemerkte, daß Steinfels trotz dieser Erklärung einen mißbilligenden Blick auf die Wächter warf. „Es ist fast kein Wunder, wenn die Gendarmen bei den Erfahrungen, die sie täglich machen, grob und rauh mit diesen Leuten verfahren, und Sie haben es sich selbst zuzuschreiben," wendete er sich dem andern zu, „wenn Sie übel behandelt wurden." „Sie heißen?" er sah in den Paß. „Heinrich Winters ..." „Alter?" „Achtunddreißig Jahre . . ." 4 „Geburtsort?" „Kreuzburg in Schlesien ..." „Stimmt alles. Auch das Signalement paßt." Er gab ihm den Paß. „Seien Sie in Zukunft vorsichtiger. Der vereinzelte Stiefel hätte morgen früh, als von einem Passagier verloren, in die Düngergrube geworfen werden können, ohne daß Ihr Paß zum Vorschein gekommen wäre — — und Ihren Angaben -- — Man ist furchtbar mißtrauisch in Rußland und verliert nicht viel Zeit in Untersuchungen . . ." Die Zeugen des Vorgangs hatten sich nach und nach verlaufen. „Danken Sie es diesem Herrn ... Sie sind Deutscher?" sagte er mit einer leichten Verneigung zu Alfred . . „Zu dienen! Preußischer Untertan. Meine Name ist Steinfels, ich lebe zurzeit in Valentinowa." Der Beamte verbeugte sich nochmals, während der Gerettete zu Alfred trat. „Ich weiß wirklich nicht, mein Herr, wie sehr ich Ihnen danken soll. Sie haben mich aus einer fürchterlichen Situation befreit" . . . In diesem Momente ertönte die Signalglocke. Das erste Läuten. Gleichzeitig wurde die Ausgangstür weit aufgerissen: — — „do Vallentinowy, Skiernewice, Warszawa . . ." Hastig mit freundlichem Kopsschütteln verabschiedete sich Alfred: „Es war mir angenehm — einem Landsmann — nützlich gewesen zu sein" .... sagte er schon im Abgehen und beeilte sich, zu Agathe zu kommen. Diese hatte mit lebhaftem Interesse das Eingreifen ihres Mannes in die Angelegenheit wahrgenommen. Ihr ursprüngliches Entsetzen verwandelte sich in stille Heiterkeit, als sie sah, wie sich alles abwickelte, und als er zu ihr trat, lachte sie ihn fröhlich an. . . „O'est 1a Russiej mon ange! Du hast beim Eintritt in das heilige Reich doch sofort etwas erlebt . . ." „Du hast nicht zu viel versprochen!" Sie nahmen ihr Handgepäck zusammen. Das zweite Läuten ertönte, und mit Zischen und Keuchen fuhr der Zug am Perron vor . . . Alles strömte hinaus. Drängend, schreiend, schiebend, und jeder suchte in wilder Hast einen Platz zu erreichen. Die vorüberjagenden Gestalten machten in dem herrschenden Dunkel einen unheimlichen Eindruck, wie eine gespenstische Jagd zogen sie vorüber. Ein kalter Regen, der prasselnd niederfiel, erhöhte die Unfreundlichkeit dieses Nachtbildes-Agathe und Alfred fanden in einem Coupe erster Klasse einen Platz. „Und die Kinder?" fragte er nach minutenlangem, seligem, beredtem Schweigen. „Sind wohl und munter . . „Und Else?" „Sehr hübsch! Schwärmerisch, romantisch, verliebt." „Verliebt?" Er preßte sie wieder an sich . . . „Vielleicht!" Erneute Küsse und Umarmungen wurden getauscht. „Wie lange fahren wir?" fragte sie und dehnte sich in wohliger Müdigkeit. „Noch zwei und eine halbe Stunde!" „Zwei und eine ..." Als Agathe am nächsten Morgen erwachte, war ihr nur erinnerlich, daß sie nach einer wohl im Halbschlummer verbrachten Fahrt in ein helleres, viel freundlicher und behaglicher aussehendes Wartezimmer eingetreten war, daß sie ein Wägelchen bestiegen, das sie in stuckernder Fahrt über holperiges Pflaster in undurchdringlicher Finsternis vorwärts führte, daß sie eine Treppe emporgestiegen oder richtiger getragen worden war. Sie schaute sich mit hellen Augen in der ihr neuen, fremden Umgebung um und schlang die Arme um den Hals des Mannes, der völlig angekleidet soeben an das Bett getretenwar — — — „Langschläserin!" „Wie spät ist's denn?" „Mittag!" In traulichem Beisammensein war Agathe und Alfred die Zeit verstrichen. Es kam ihnen bor, als lebten sie jetzt erst ihre Flitterwochen, denn ein Alleinsein wie dieses war ihnen *) Mein Gott! 2) Dummkopf!

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