Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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!| 394 M M ii am besten, wie stark er persönlich an dem Gedeihen so mancher Vereine beteiligt war. Dennoch bereitete ihm der Verband, das Organ, durch das er am meisten zu wirken hoffte, die größten Enttäuschungen. Wir meinen nicht die dort eintreffenden Anzeichen vom Rückgang einzelner Vereine — denn wo bliebe solcher in einem weitverzweigten Arbeitsgebiete aus — aber das mangelnde Verständnis größerer Vereine, für die kleineren mitzusorgen, fehlende Kräfte zur Propaganda und vor allem zu geringe Opsersreudigkeit zugunsten der Bewegung. Die oft gehörte Klage, daß jüdisches Geld wohl für Werke der Nächstenliebe, nicht aber für die ideellen Zwecke von Wissenschaft und Belehrung zu haben sei, fand er nur allzu begründet. Kein Fonds, keine Stiftung standen ihm zur Verfügung, die ihm seine Aufgaben erleichtert hätten. Karpeles nahm diese Tatsache schließlich mit Resignation hin; er Pries sich glücklich, daß - wenigstens gewisse /unumgängliche Ausgaben gedeckt werden konnten. Dies waren nicht seine einzigen Schmerzen. Er hatte die Beobachtungsgabe eines Seelenarztes, einen Blick für die Schwächen der Menschen, der nicht glücklich macht. Als einen Gradmesser des Auf und Nieder des wiedererwachten jüdischen Selbstbewußtseins betrachtete er die Statistik der Taufen- Nicht alle Taufen schmerzen. Aber es gab Fälle, wo er sich mitverantwortlich und in der Seele des Judentums gekränkt fühlte. „Es sind leider nicht immer die welken Blätter," seufzte er dann wohl; „es sind schwellend-gesunde Zweige; und sie gehen uns verloren!"' Bitter empfand, er die Einbuße an geistiger Energie, wenn wieder einmal ein Gelehrter, ein Künstler oder sonst eine bedeutende Persönlichkeit fahnenflüchtig geworden war. Er verachtete die niederen Motive, die oft nur zu deutlich am Tage lagen; aber es schmerzte ihn die Tat- . fache, daß das Judentum jene nicht zu feffeln vermocht hatte. Ihm war das Judentum hell und weit; er brachte darin alle seine Ideale als seinorganisierter Intellektueller unter, zumal für ihn die dicken Papierwände des Schulchan aruch nicht existierten. Fast tragisch muß es darum berühren, daß er wohl oder übel auch seinen großen Lieblingsdichter Heinrich Heine, für dessen Verständnis er soviel getan, zu den Ueberläufern rechnen mußte. Karpeles hat sich denn auch redliche Mühe gegeben, Heine der herrschenden Kirche abzusprechen, und wurde nicht müde zu beweisen, wie wenig sie ihn zu den ihrigen rechnen konnte. Je mehr man ihn lästerte, desto mehr reklamierte er ihn fürs Judentum. Er hielt die Deutschen einfach nicht für reif, sich eines so auserlesenen Dichters zu bemächtigen. Zornesworte aber entlockten ihm die Heuchelei und wiederum die Borniertheit (man denke an Adolf Bartels), die im Kampfe um Heine zutage traten. Karpeles wird nicht, wie sein Dichter, geklagt haben: „Der Riß der Welt geht durch mein Herz". Aber im tiefsten Grunde lastete doch eine unverkennbare Wehmut auf seinem Gemüt. Ueber die äußere Lage der Juden gab er sich keiner Illusion hin. „Die Juden haben kein Glück," sagte er trauriglächelnd, „alle Fürsten, die es gut mit ihnen meinten, mußten - daran glauben. Kaiser Alexander II. starb unter Mörderhänden, Kronprinz Rudolf auf eine klägliche Weise, Kaiser Friedrich war totwund, als er zur Regierung kam." — Desto mehr richtete sich sein Blick nach innen. Einer seiner letzten Vorträge war betitelt: „Die Zukunft des Judentums". Er erläuterte den Gedanken, daß unter den mannigfachen Erscheinungsformen der jüdischen Religion in den verschiedenen Zeiten sich doch immer ein prophetisches Ideal verbarg', dem jede Zeit einen neuen, immer reineren Ausdruck verlieh. Auf dieser Kraft der Entwicklung einer konstanten, klar erfaßten Idee beruhte ihm die Bürgschaft für den Fortbestand des Judentums. Das .Wiedererstarken der liberalen Ideen' im deutschen Judentum gehörte zu seinen letzten Freuden; niemand hat so rückhaltlos sein Organ der neuen Bewegung zur Ver-- fügung gestellt wie er. Nur wenige wußten, daß Gustav Karpeles seit längerer Zeit leidend war; die Leser seiner köstlichen Badebriefe nahmen seine Anspielungen für Scherz. Es war aber bitterer Ernst. Seinen Mitstreitern konnte es nicht verborgen bleiben, daß sein Körper der mächtigen Seelenspannung nicht gewachsen war, die beim Schreiben und noch mehr beim Reden über ihn kam. Schon öfter war in der letzten Zeit der Wunsch rege, ihn energischer in die Kämpfe des Tages eingreifen zu sehen;- aber er warmüde geworden. Sonst hätte er sich wahrlich auch die Führung der verheißungsvollen Jugendbew egung nicht aus der Hand nehmen lassen, die ihm vor vielen zukam.. Aber mit seinem so jähen-Tode hätte wohl niemand gerechnet. Und nun, da er uns so plötzlich verlassen hat, erkennen wir erst, daß er einen wichtigen Posten im deutschen Judentum innegehabt. Ein Platz ifl frei, der eines ganzen Mannes bedarf. Das aber ist wohl das beste Lob für den Ver-- blichenen, daß man sich im Augenblicke vergeblich nach einem würdigen Nachfolger für die verwaiste Stelle umsieht. Seine Fähigkeiten hätten genügt, mehrere zu beschenken; denn selten sind Kennen und Können so schön vereint gewesen; die Gewandtheit der Feder mit dem Wohllaut der Rede, der Blick für die Bedürfnisse der Gegenwart mit der Begeisterung für die Vergangenheit. Sein Platz wird vermutlich lange leer bleiben; vorzüglich die jüdischen Literaturvereine haben einen fast unersetzlichen Verlust erlitten, den nur die Zeit, die unerschöpflich neues gebärende, heilen kann. Dem Schmerze sein Recht. Dem Bescheidenen gelte im Tode das stolze Wort seines Dichters: Nennt man die besten Namen, Wird auch der Deine genannt. Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. VI. Steinfels stürzte auf den Beamten zu: „Heus, lä".. . Da er des Polnischen noch nicht mächtig war, bediente er sich der französischen Sprache. „Nonsieur, voilä — regardez le passeport“ - — Alle standen still, und der Gendarm, der den zitternden Mann bereits beim Kragen genommen, um ihn fortzuschieben, ließ langsam die Hand sinken. „Mais — — que ce que c’est-monsieur — — —. ou donc?“ sagte der Beamte, „mais — aber das ist ein deutscher Paß" — rief er, als Alfred das Büchel hinreichte — „6h bien monsieur, ich spreche auch deutsch. Wie kommen Sie zu dem Paß?" Sofort hatte er eine gewiffe Höflichkeit angenommen, als er sich einem Manne gegenübersah. der ihm durch sein Auftreten, seine Persönlichkeit und sein Wesen imponierte. Mit Selbstgefühl nahm er die Gelegenheit wahr, sich sprachkundig zu zeigen. Einen Vorzug, den die Beamten an der russischen Grenze fast alle besitzen. „Ich habe ihn in diesem Stiefeln gesunden!"