Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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393 vollen tendenziös gefaßten Schlagwort aufgeräumt werde, das schon soviel Unheil und Verwirrung angestistet hat in den Gemütern, in den privaten und öffentlichen Verhältnissen der Kulturvölker seit jenen Zeiten bis auf unsere Tage mit jenem Schlagwort: „Die Juden haben Jesum gekreuzigt." Dr. Gultso Lsrpkles und dir jüdilchen Litersturoerrine. Von Rabbiner Dr. Samuel-Essen, ie Zionsharfe, die ein erwählter Geist zum Tönen gebracht, ist verstummt: Gustav Karpeles ist nicht mehr. Ein melodisches Klingen ging durch sein Wesen, wie durch sein Wort, auch wenn er nicht in gebundener Rede zu uns sprach. Und die Seele seiner Rede war Zion. Was dies ewige Symbol des Judentums der heutigen Zeit zu künden hat, was es in sich schließt mit seinem Singen und Sagen, und was es auf sich hat mit seiner Geistesmacht und seinem Geistessprühen — das haben uns wenige so verdolmetscht, wie er. Darum ist die Trauer um ihn tief und allgemein. Die jüdische Seele hat harte Zeiten, schwere Kämpfe zu bestehen; desto dringender ist der 'Ruf nach Führern. Das sind die besten, die vom Siege ihrer Sache überzeugt sind, trotz allem. Günstig ist für sie, wenn sie ein Leuchten besserer Zeiten in sich ausgenommen haben. Gustav Karpeles ist bis zur Mitte seines Lebens im Lichte einer liberalen Aera gewandelt. Ueberall Fortschritt und Freiheit, in Staat und Kirche, echte Toleranz, Austauschen der Kulturwerte — es war des Glückes fast zuviel. Aber wie schnell sollte die Frühlingsstimmung Umschlagen! Es kamen die vernichtenden Hagelschauer der 80 er Jahre, die alle Blüten zerzausten und alle Keime verwüsteten. Jetzt galt es, die große Hoffnung ins Herz zu schließen, daß das Judentum auch diesen Sturm überdauern, und innerlich gefestigt daraus hervorgehen würde. Karpeles hat an dieser Hoffnung gezehrt sein Leben lang; ohne sie hätte er nicht wirken können. Und er wollte wirken, nicht müßig harren und zuschauen. Er erkannte klar, daß es auch in den Gemarken des Judentums viel zu tun, zu bessern und zu heilen gab. Wieviel Würde und Selbftbewußtsein hatte das Judentum von damals aufzubieten, wenn es so schnell den Mut verlor, und mit verschränkten Armen den neuen Wettlauf zum Taufbecken mitansah! Es mußte lernen, sich selber wiederzufinden, sich an seiner Geschichte zu orientieren, an seinen literarischen Denkmälern aufzurichten. Vor dem Herzen seines Volkes fand Karpeles einen scheußlichen Drachen gelagert: Die Lauheit. Diesem Drachen galten seine ersten und immer wiederholten Streiche. War aber das Interesse erweckt und der Eifer entfacht, dann setzte er alles daran, sie zu schüren, er ward ein weltlicher Prediger, der desto eher Gehör fand. Ein Dogma nahm er in seinen Beruf mit, das hatte sich ihm aus jahrelanger, liebevoller Versenkung ins Judentum ergeben: wer das Judentum kennt, liebt es; und je mehr er es kennt,, desto glühender. So wurde ihm die Rednertribüne zur Kanzel. Gustav Karpeles hat gelehrte Werke verfaßt, die von großen Kenntnissen und außerordentlichem Fleiße zeugen. Er könnte den Namen eines zünftigen Gelehrten beanspruchen, wenn er ihn vielleicht auch in seiner Bescheidenheit ablehnte. Allein er besaß eine andere Meisterschaft, die er nicht mit vielen zu teilen brauchte: die Macht der Rede. Was die Studierftube ersann, was das Lampenlicht hergab, das machte er zu lebendigen Worten, daraus schuf er neugeprägte vollgültige Werte. Seine ungezählten Aufsätze und Abhandlungen in diesen von ihm geleiteten Blättern dienten dem gleichen Zwecke: zwischen tiefbohrender Geistesarbeit und gefälligfreundlicher Darlegung zu vermitteln. Vorzüglich waren aber seine Reden und Vorträge von zündender Kraft und Wirkung. Worin lag das Geheimnis dieser Reden, was gab ihnen Schmelz und Farbe? — Dr. Karpeles verstand es, das Gemüt Mitschwingen zu lassen, die innere Wärme, von der er durchglüht war, auf den Hörer zu übertragen, und den Willen in Bewegung zu setzen. Das wäre nicht möglich gewesen durch ein Strohfeuer der Begeisterung, durch einen Ktingklang von Worten und behagliches Plätschern in flachen Phrasen. Dazu gehörte, daß alles ernst erwogen, mit logischer Schärfe durchgesührt, von Kunst und Geist durchstrahlt war. Ein glücklicher Humor kam hinzu, manch harmlos-satirischer Scherz tat das seine; aber das Mitvibrieren der Seele war doch das magnetische Fluidum, das die Hörer in Bann schlug. Ich kenne Männer hoher Gesellschaftskreise, die von einer Predigt kaum erreicht werden, eine Abhandlung über das Judentum schwerlich zur Hand nehmen; ein Vortrag von Karpeles konnte sie in Begeisterung versetzen, die nicht so leicht verflog. Ein Werkzeug in der Faust unserer Zeit heißt Organisation. Vor etwa^ 20 Jahren entstanden an immer mehr Orten jüdische Literaturvereine. Ost hatte, der gute Wille allein sie ins Leben gerufen; aber es fehlte bald an allem. Die Fünkchen und die Scheite waren da; es mangelte der starke Luftstrom. Den brachte erst Gustav Karpeles, und zwar mit Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit. Er reiste von Ort zu Ort — oft hat er sicher schlecht Quartier und Obdach gefunden; er bot den kleinsten Vereinen seineHilfe an, und sah nach und nach 220 solcher Stätten zur Pflege jüdischer Geschichte und Literatur erstehen. Sie wurden zusammengefaßt in einem Verbände, dessen Leitung in seinen Händen lag. Man kann nicht Führer sein, wenn man nicht einesteils dem zu leitenden Organismus neue Impulse zu geben weiß, und nicht anderseits den von außen austauchenden Strömungen gerecht wird. Karpeles verlangte, daß keine blassen Bilder vergangener Zeiten entrollt würden, sondern überall die Beziehung zu den gegenwärtigen Aufgaben des Judentums hervortrat, und gab schon mit der Wahl seiner Themen ein gutes Beispiel. Wie er seinen Stoff formte, wie er ihn an die Hörer zu bringen wußte, wie er in der Diskussion oder im Schlußwort immer neue Saiten anschlug, darin war er einzig. Alles an ihm sprühte von Witz und Geist. Auf den Verbandstagen fühlte man, daß er die Seele der ganzen Bewegung war. Und er wußte einen Stab von Mitarbeitern um sich zu sammeln, der die mannigfachsten Wissenszweige und die verschiedensten Begabungen darstellte. Daß allen die freieste Bewegung gestattet war, galt ihm als selbstverständlich. Wo neue Talente, künstlerische oder wissenschaftliche Erscheinungen ans Licht traten, war er bestrebt, sie für die Literaturvereine zu gewinnen. Ebenso wies er auf literarische Ereignisse hin, die der Sache dienstbar gemacht werden konnten. Nur kein Stillstand, war seine Parole. Der Verband brachte den Mitgliedern mit dem Jahrbuch eine erlesene Spende, lauter Originalbeiträge namhafter Schrift steller. Die Ueberschau aber, die dort gleichzeitig über die gesamte, in den jüdischen Literaturvereinen Deutschlands geleistete Arbeit eines Jahres gehalten ward, mochte Dr. Karpeles mit einem Gefühl der Genugtuung erfüllen; wußte er doch