Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Messiasanspruch aber ist nach jüdischer Auffassung kein Verbrechen gewesen, sehr wohl indessen in den Augen der römischen Behörde. Hier liegt meinem Ermessen nach jene verhängnisvolle Tragik, die zu der Verurteilung und Hinrichtung durch die römische Beh'örde sührte und führen mußte. (Siehe L. Philippson „Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt", 2. Auflage, M. W. Kaufmann, Leipzig.) Wohl hat der Verfaffer von juridischen Gesichtspunkten aus auch das Verfahren vor Pilatus kritisch beleuchtet, und dankenswert ist die Hervorhebung der Tatsachen, „daß die Art der Hinrichtung, die Pilatus anordnete, die Kreuzigung dem jüdischen Strafensystem unbekannt war. Auch, daß Jesus gezwungen wurde, selbst sein Kreuz zur Richtstätte zu tragen, wie auch die Geißelung vor der Hinrichtung dem römischen Gebrauch entsprach". Jedoch ist von dem Verfasser bei weitem nicht genügend betont worden, daß die Darstellung der Evangelien einseitig den römischen Prokurator in jeder Weise zu entlasten sucht. Nicht nur die übereinstimmenden Angaben der Evangelien, sondern auch die richtige Beurteilung der damaligen geschichtlichen Vorgänge — jener gewaltigen Gärung, welche inmitten des jüdischen Volkes gegen die römische Gewaltherrschaft und gegen die Willkür der Prokuratoren herrschte, die kurz darauf, im Jahre 66 bis 70 nach Christi zu dem furchtbaren Kampf gegen die Römer führte — legen uns nahe, daß einzig und allein die Annahme des Pilatus, Jesu wiegle durch seine Reden und seine Schwärmerei das Volk gegen die Römer auf, seine Gefangennahme und seine Verurteilung veranlaßten- Für den oberflächlichen Beurteiler hatte es ja in der Tat den Anscheiu, daß Jesus als Messias sich als König der Juden ausrufen und huldigen lassen wollte. Vor Pilatus wird er, selbst nach Darstellung der Evangelien, keines anderen Vergehens beschuldigt und übereinstimmend wird als Ursache des Todes in der Inschrift über dem Kreuze angegeben: Jesus sei der Juden König. (Und oben zu seinem Haupte hefteten sie die Ursache seines Todes beschrieben, nämlich: „Dies ist Jesus, der Juden König". Mathäi 27, 37; Marcus 15, 26; Lucas 22, 38. Johannes 18, 33 und 37 und 19, 19 ff. geben an, daß Pilatus trotz' des Einspruches der Juden die Inschrift in dieser Form stehen ließ.) Daß die späteren Berichte die Last der Verantwortung den Juden zuschieben wollten und die Römer zu entlasten suchten, wird erklärlich durch den Umstand, daß die Sendboten des aufstrebenden Christentums in der' römischgriechischen Heidenwelt Anhänger zu werben suchten, und die Abfassung der Evangelien zu einer Zeit erfolgte, wo die Heidenkirche bereits zur unbestrittenen Herrschaft gelangt war und mit aller Feindseligkeit sich gegen die jüdische Muttergemeinde wandte. (Harnack hat in seinem Werke „Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten" (Leipzig 1.902 Hinrichssche Buchhandlung) — in dem Kapitel „Der Uebergang von der Judenzur Heidenmission, Seite 30—52 die feindselige Stimmung und Haltung der Heidenkirche gegenüber dem Judentum eingehend beleuchtet.) Die evangelische theologische Forschung hat darüber keinen Zweifel gelassen, daß diese Berichte tendenziös zugestutzt sind. So hat David Friedrich Strauß in seinem „Das Leben Jesu" (Volksausgabe, Stuttgart, Verlag Körner, I., Seite 146) ausgesprochen: „Es ist nicht zu verkennen, daß besonders der Widerstand des Pilatus von den Evangelisten, um die Unschuld Jesu auf der einen, die verstockte Bosheit der Juden auf der anderen Seite ins Licht zu setzen, mit besonderer. G eflissenheit ausgeführt ist." Harnack weist im angeführten Werke Seite 48 in der Anmerkung 2 als auf ein sicheres Ergebnis hin mit den'Worten „Pilatus wurde immer mehr entlastet". — W. Boufset- Göttingen faßt in seiner volkstümlichen Schrift „Jesus" (Verlag Gebauer-Schwetschke, Halle a. S. 1904, Seite 9) den Eindruck, welchen die Berichte der Evangelisten wecken, und die Ergebnisse der historischen Untersuchungen dahin zusammen: „Wir wüßten gern, wo wir die treibenden Kräfte bei der Katastrophe zu suchen haben" . . . Unsere Evangelien sind offenbar bemüht, alle Schuld auf die Juden zu wälzen und den Römer, als halb auf seiten Jesu befindlich, dem demagogischen Treiben der Gegner Jesu nur wider Willen folgend, darzustellen. . Man hat mit Recht die Frage erhoben, ob das, Auftreten des Pontius Pilatus im Prozeß Jesu, wie es in unseren Evangelien geschildert wird, wirklich der Art und Weise dieses höchst schroffen und harten Regenten, des Blutmenschen, dem es auf ein paar mehr oder weniger Opfer gar nicht ankam, entspricht, und ob nicht vielleicht die Römer eine viel aktivere Rolle im Prozeß Jesu gespielt haben. Aber ob nun die Heiden oder die Juden die Hauptgegner Jesu waren oder beide miteinander, so steht doch fest, daß Jesus als Messias und wegen seiner messianischen Ansprüche zum Tode verurteilt wurde. Daß Pilatus über dem Kreuze Jesu schreiben ließ, „das ist der Juden König" ist eine gute evangelische Formierung." Vousset, ein gewiß vorsichtiger evangelischer Theologe, läßt es dahingestellt, ob die Juden die Hauptgegner waren, sieht von der Verurteilung- Jesu wegen der angeblichen Gotteslästerung ab, und betrachtet es als feststehende und gut beglaubigte Ueberlieferung, daß das einzige Vergehen, welches die Katastrophe herbeiführte, die messianischen Ansprüche Jesus waren, die römische Behörde daher wahrscheinlich ohne jedes Bedenken und ohne jedes Zögern zur Verurteilung schritt. — Die Szene, wonach ein jüdischer Volkshaufen die Kreuzigung Jesu stürmisch gefordert, ist offensichtlich erdichtet, um Pilatus zu entlasten. Man könnte wohl annehmen, daß vielleicht auch einige Juden,und zwar manche derjüdischenGroßen und Vornehmen, denen der Nazarener ein unbequemer Mahner war — indem er den Neichen das Himmelreich abgesprochen —, die mit dem römischen Prokurator fraternisierten, die Hand dazu boten, Jesu der römischen Behörde zu überliefern. Soweit dürste der evangelische Bericht einen historischen Hintergrund haben. Jedoch das ganze Prozeßverfahren vor dem, jüdischen Gerichtshof ist höchst unwahrscheinlich beruht auf Legendenbildung und die Szene von der tumultuarischen Forderung der Hinrichtung Jesu seitens des jüdischen Volkes ist sicherlich erfunden. Für die Leser des Berliner Tageblatts hat der theologische Mitarbeiter Theodor Kappstein am 11. April 1904 im „Zeitgeist" aus Grund der Forschungen des Basler Theologen Schmidt einen interessanten Bericht über den „Prozeß in Jerusalem" veröffentlicht, der in den Haupttatsachen zu demselben Resultat gelangt. Er führt aus: „Der Anteil der jüdischen Behörden an dem gewaltsamen Ende Jesu ist tatsächlich nur ein relativer gewesen, den Ausschlag, gab der Römer . .-. In aller Form gültigen Rechts verurteilt Pilatus den Nazarener als Hochverräter zur Hinrichtung am Pfahl." — Es ist meines Erachtens nach von außerordentlicher Wichtigkeit und unendlichem Segen, wenn diese Ergebnisse nüchterner objektiver Forschung in immer weitere Kreise dringen, damit allmählich mit jenem Verhängnis-