Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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'v^:^ --^ 389 — V:^i' ■ "’■ ■ ‘ 1 mich dann ebensowenig überrascht zu hören, daß der überwiegend größte Teil der Gemeinde, besonders die eigentlichen dänischen Juden sich von dieser mittelalterlichen Art des Gottesdienstes abgestoßen fühlen, in vollständiger Gleichgültigkeit abseits stehen, ja zum Teil geradezu geringschätzig auf das Judentum h erab sehen. Dies letztere besonders häufig in den letzten fünf Jahren, seitdem der gelehrte und hochangesehene Rabbiner Professor Simonsen sich in den Ruhestand zurückgezogen hat und ein Orthodoxer deutscher Observanz an seine Stelle getreten ist, dem es mit großer Anstrengung gelungen ist, die Anschauung zu erwecken, daß Judentum eine Mischung von koscherer Butter und peinlich geporschtem Kalbskops ist. Diese Anschauungen sind, wie , mir glaubwürdig versichert wird, bis in die dortige Tagesprefse gedrungen, welche sich — ohne Spur von Antisemitismus — gern mit Fragen, die in der jüdischen Gemeinde akut sind, befaßt. Um mich nicht dem Vorwurf der Uebertreibung auszusetzen, will ich aus der Fülle des Materials einige Belege anführen. Obgleich die Gesetze gegen Lebensmittelverfälschung in Dänemark, für welches der Export von reiner Butter eine Lebensfrage, geradezu drakonisch sind, führte der Rabbiner unter Widerspruch der Presse, welche dies als eine Verdächtigung der dänischen Butter und als eine Desavouierung der 25 jährigen konservativen Wirksamkeit des Vorgängers betrachtete, die Erzeugung von koscherer Butter durch. Später folgte der koscheren Butter das koschere Brot! Eines Tages durcheilte die Schreckenskunde die Stadt, der Kalbskops — ein dänisches Nationalgericht — sei vom Rabbinat verboten worden. Der Kalbskopf müsse behufs richtigen Porschens in kleine Stücke tranchiert werden, was ihn für die Zubereitung des Nationalgerichts untauglich machte. Heißer Kampf in der Vorstandssitzung, einberufen mit der Tagesordnung: Kalbskops! Ein Schochet erscheint und legt feierlich einen Kalbskopf auf den Tisch des Hauses nieder. Der gelehrte Schochet beweist in offener Sitzung, daß das Rabbinat sich geirrt habe. Nun ist die Angst überstanden; Kalbskops und „traditionelles Judentum" können weiter friedlich nebeneinander leben, aber es war eben unerquicklich, daß die Angelegenheit irr der Tagespresse per longum et latum behandelt wurde. Ich spreche nicht von Dingen, wo das Rabbinat ein Verbot gegen das Tragen des Regenschirms am Sabbat erlassen und wo es eine der bravsten und edelsten Frauen ihrem Manne — risura teneatis — „geasfert" hat, weil sie nicht lange genug in der Mikwah blieb, in solchen Dingen konnte sich schließlich das Rabbinat aus positive Tradition berufen. Aber da hört doch alle Gemütlichkeit auf, wenn das Rabbinat einem Fräulein, welches ein frequentiertes Handarbeitgeschäft hat, erlaubt, den Laden am Sabbat, unter der Bedingung, daß der sabbatliche Nutzen für wohltätige Zwecke verwendet werden soll, offen zu halten, damit die Kunden für die Wochentage nicht abgewöhnt werden. Wie wird das von der deutschen Orthodoxie beurteilt? Sehen wir uns nun die Kehrseite der Medaille an. Da ist Gemeinde und Rabbinat mit einer so radikalen Reform behaftet, daß der schroffe Gegensatz komisch wirken würde, wenn die Sache nicht so tragisch wäre. In dieser Schowewim-Tat saftenden Gemeinde singt man an jedem Sabbat und Festtag dänische Psalmen; man verstehe richtig: dänische Psalmen! Keineswegs Uebersetzungen oder freie Uebertragungen wirklicher Psalmen, sondern moderne Gedichte, >um Teil unbekannter Verfasser, vielleicht sogar von Nichtjuden! An jedem Sabbat und Festtag sprechen die Rabbiner dänische Gebete! Dagegen hatman^ekum Purkan,. Abh Harachamim, Pijutim, Jozeroth u. a. m. grausam gestrichen! Nicht zu reden vom „Schnödem“ und „Mischeberach“! Aber all das ist reines Kinderspiel gegen die Spezialität, in welcher ein ganzes Bündel von „Issurim“ . zusammengefaßt erscheint: Die Konfirmation! Nicht etwa die unschuldige Mädchenkonfirmation deutscher Gemeinden; die ist die reine Orthodoxie gegenüber der hier zu schildernden. An einem Sonntag vor oder nach Pa88ab versammeln sich Männer und Frauen gemeinsam (!) im Parterraum der Synagoge; auf der Frauengalerie ist eine Musikkapelle (!) placiert; Konfirmanden und Konfirmandinnen — beide Geschlechter gemeinsam — sitzen im Halbkreis im Vordergrund. Nach der Predigt, verschiedenen dänischen Psalmen und der Prüfung der Konfirmanden erfolgt der „Segen" in folgender Weise: Knaben und Mädchen — im Alter von 14 bis 20 Jahren und darüber — gehen auf Treppen zur Kanzel — vor dem Aron Hakodesch — hinaus, wo der Rabbiner — natürlich mit dem langen Tallis — an jeden eine kleine Ansprache hält und den Segen spricht, wobei er die rechte Hand des betreffenden Mädchens in seiner Rechten hält, während seine Linke auf dem Haupt der Konfirmandin ruht! Und das geschieht in derselben Synagoge, in welcher nahezu gleichzeitig Schowewim-Tat gefastet wird und die Mikwah* Besuchenden kontrolliert werden! Was will es demgegenüber besagen, daß in Kopenhagen ein Verein für junge Mädchen und Jünglinge gegründet wurde, unter dem stolzen Titel „Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Wissenschaft", deren 8 1 lautet: „Nur Unverheiratete können Mitglieder des Vereins werden"! Die jüdische Wissenschaft darf voll froher Hoffnung von dieser unverheirateten Gesellschaft zu ihrer Förderung manch' köstliche Frucht erwarten. Der Gründer und Leiter des Vereins ist der einzige Hecht in dem von Backfischen bevölkerten Karpfenteiche, und die gestrengen deutschen Orthodoxen werden es ihm vielleicht nicht verargen, daß er für diese tanzlustige Jugend einen Ball (NB. in einem Gasthaüse!) arrangierte, und auch hierbei — um eben konsequent zu bleiben — alle Verheirateten, in diesem Falle also die Eltern, ausgeschlossen hat. Dieser elternlose Ball paßt so gut zur unverheirateten jüdischen Wissenschaft. Das ist kein böser Scherz. Wir berichten lediglich Tatsachen, von deren Wahrheit sich jeder jeden Tag selbst überzeugen kann. Wir konnten nicht recht erfahren, wie sich die Kopenhagener Orthodoxie mit diesen Widersprüchen auseinandersetzt. Hingegen adressieren wir unsere Mitteilungen an jenen Teil der deutschen Orthodoxie, der sowohl Gemeinden,‘ wie auch einzelne inquisitorisch überwacht. Diese Orthodoxie kann nicht oft genug daran erinnert werden, daß man nicht mit Steinen werfen darf, wenn man in einem Glashause sitzt. Es ist kaum glaublich, daß man in orthodoxen Kreisen die Kopenhagener Verhältnisse nicht kennen sollte. Approbiert man aber stillschweigend für Kopenhagen dänische Gebete, dänische Psalmen, Konfirmation, den handgreiflich en Segen (der überdies in dieser Form, wie aus jeder Paftoraltheologie zu ersehen ist, ein christliches Sakrament symbolisiert), welches Recht hat man dann hierzulande gegen deutsche Gebete, deutsche Gesänge, Mädchenkonfirmation und Orgel in einer Weise zu Felde zu ziehen, als ob jeder Anhänger dieser Institutionen ein Gottesleugner, ein Verräter am Judentume wäre?