Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228886--65768-3277912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ast es unter diesen Umständen nicht wunderbar,, wenn an der Spitze der ärztlichen Vereine immer wieder Juden stehen? Müßte öder könnte nicht daraus geschlossen werden, daß die christlichen Aerzte und Zahnärzte nicht für geeignet erachtet werden, die Leitung eines Vereins zu übernehmen?" Mit Recht bemerkt hierzu die Abwetzrvereinskorrespondenz: Wie niedrig muß das Organ des Bundes der Landwirte die christlichen Aerzte einschätzen, wenn es ihnen eine so lächerliche Denkweise zutraut! Die „Deutsche Tageszeitung" ist eben in antisemitische Gedankengänge so verrannt, daß sie gar keine Empfindung mehr dafür besitzt, daß die Mitglieder derAerzteorganisationen ihre Vorfitzenden selbstverständlich nicht nach konfessionellen Gesichtspunkten wählen, sondern ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihrer beruflichen Tüchtigkeit und persönlichen Ehrenhaftigkeit. Eine Gastwirtsversammlung im Wahlkreise Eschwege — Witzenhausen—Schmalkalden hat einstimmig folgende Resolution angenommen: Die am heutigen Tage in Helsa anwesenden Gastwirte der Amtsbezirke Großalmerode und Hessisch-Lichtenau sprechen übereinstimmend mit der gesamten Bevölkerung der hiesigen Gegend ihre schärfste Mißbilligung aus gegenüber der vom Reichstagsabgeordneten Raab in letzter Zeit betätigten Politik, welche keineswegs den gegebenen Versprechungen des Herrn Raab, Mittelstand und Arbeiterstand zu kräftigen und zu unterstützen, entspricht. Bei der nächsten Reichstagswähl werden die anwesenden Gastwirte ihr möglichstes tun, um eine Wiederwahl des Herrn Raab zu verhindern, wenn es Herr Raab nicht schon jetzt vorziehen sollte, da er wohl das Vertrauen der Mehrzahl seiner Wähler verloren hat, sein Mandat niederzulegen. Es wird uns natürlich nur angenehm sein, wenn die Wähler im Wahlkreise Eschwege—Witzenhausen—Schmalkalden bei den nächsten Wahlen sich ihre Kandidaten näher ansehen und namentlich den Versprechungen antisemitischer Kandidaten gegenüber sich etwas weniger vertrauensselig zeigen. Denn daß Herr Raäb dem ihm gegebenen Wink mit dem Zaunpfahl folgen und sein Mandat eher niederlegen wird, als er durchaus muß, können wir nicht glauben, nicht weil es nickt etwa korrekt wäre, sondern weil Herr Raab Antisemit ist. Antisemiten sehen den kleinsten Splitter in den Augen von Juden, die Riesenbalken in den eigenen Augen übersehen sie mit Vorliebe. Aus Lemberg wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Der hiesige Magistrat hat eine Verordnung erlassen, die sich in erster Reihe gegen jüdische Kaufleute richtet und zahlreiche jüdische Existenzen schwer bedroht. Die städtische Verwaltung ist plötzlich von „ästhetischen Bedenken" ersaßt worden und will nun das Schönheitsbild der Straßen durch jüdische Ladenschilderaufschristen und Obstwagen nicht beeinträchtigen lassen. In den verkehrsreichen Straßen dürfen keine Obstwagen mehr erscheinen. Davon werden aber ausschließlich die jüdischen Obsthändler betroffen, da ihnen keine Obstbasare verpachtet werden. Die Ladenschilder müsien eine Zensur passieren, die bezweckt, keine jüdischen Schilderaufschriften zuzulassen. Es heißt, daß auch deutsche Schilderaufschriften nicht zugelassen würden. In den betroffenen Kreisen wird eine Protestbewegung gegen diese Magistratsbestimmungen eingeleitet. Direkt und unverhohlen antisemitisch ist das Verhalten der Eisenbahnverwaltung gegen reisende jüdische Arbeiter. Es werden hierzulande an Arbeiter, die sich als solche durch Bescheinigungen ihrer Meister legitimieren können, Eisenbahnfahrkarten zu halben Preisen ausgegeben. Jüdischen Arbeitern aber wird diese Ermäßigung nicht gewährt; es helfen dabei die besten 'Dokumente und Legitimationspapiere nichts. „Sie sind ja gar keine wirklichen Arbeiter" — mit dieser bündigen Erklärung wird das Ersuchen der jüdischen Arbeiter um Preisermäßigung kurz abgelehnt. Auch folgende Nachricht fei hier registriert: .. Der galizische Landtag hat noch im März 1907 eine Resolution angenommen, wonach der Landesausschuß beauftragt wird, die Ursachen der immer mehr sich ausbreitenden Armut unter der jüdischen Bevölkerung Galiziens zu untersuchen und darüber dem.Landtag Bericht zu erstatten und Anträge zur Sanierung der ökonomischen Lage der Juden zu unterbreiten. Jetzt, nach Verlauf von 21j2 Jahren, soll endlich inderzweiten September-Hälfte zu diesem Zwecke eine Enquete stattfinden, welcher ein umfangreiches statistisches Material, gesammelt und bearbeitet von Dr. Stanislaus Grusinsky, vorgelegt werden soll. An der Enquete werden sich zahlreiche jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten, Vertreter der Handels- und Gewerbekammern, der Kultusgemeinden usw., beteiligen, und auf Grund ihrer Beratungen soll der Landesausschuß seine Vorschläge zur Abhilfe ausarbeiten. ♦ Vor einigen Tagen starb auf seinem Landsitze zu Hove Sir Henry A. Jsaacs, ein jüdischer Baronet voll lauterer jüdischer Gesinnung, der im öffentlichen und politischen Leben Englands eine hervorragende Stelle einnahm. 1830 als Sohn eines Londoner Großkaufmanns geboren, widmete er sich frühzeitig dem Studium der Gemeindefragen und galt auf diesem Gebiete als unbestrittene Autorität; seine öffentliche Wirksamkeit blieb denn zunächst auch auf die Gemeindepolitik beschränkt. Unter seiner Leitung entstanden in London viele für die Entwicklung der britischen. Metropole bedeutsame Institutionen, die ihre offizielle Anerkennung in der Erhebung in den Adelsstand fanden, welche Auszeichnung ihm aus Anlaß des Jubiläums der Königin Viktoria zuteil wurde. Im Jahre 1889 wählte ihn die City-Corporation einhellig zum Lord-Mayor von London. Er war der dritte Jude, der diese hohe Stelle innehatte. Damals erklärte Lord Salisbury, der in seiner Eigenschaft als Lordkanzler die Festrede hielt, daß die Wahl Jsaacs „vom Geiste der Brüderlichkeit geleitet gewesen war", und tat dabei den Ausspruch: „Es ist ein elendes Verbrechen, jemanden seines Glaubens wegen zu verfolgen!..." Am englischen Hofe war Sir Henry A. Jsaacs gern gesehen, und oft wurde Anlaß genommen, der unermüdlichen, selbstlosen Arbeit dieses seingebildeten Mannes öffentlich. Erwähnung zu tun. Sein Haus, das eine Fülle von Kunstsammlungen barg, war ein Dorado aller englischen Kunstfreunde. Seine Tätigkeit für jüdische Interessen zu detaillieren, ist unmögliches Beginnen, denn es dürste wenige Institutionen geben, die er nicht geholfen hätte mitzuschaffen oder denen,er nicht zeitlebens seine Hilfe geliehen, wie z. B. den Jewish Board of Guardians sowie vielen Synagogengemeinden. Vorbildlich hat er gewirkt auf dem Gebiete der Blinden- und Taubstummen- Erziehung. Im Kampfe gegen den Antisemitismus war er unermüdlich, er leitete die Protestaktion gegen Rumänien. Er war es auch, der verhinderte, daß der Hofprediger Stöcker einen geplanten Vortrag in der Aegyptifchen Halle zu London abhalten sollte. Sir Henry A. Jsaacs wurde am 6. d. M. in London zu Grabe getragen, und hinter den Spitzen der englischen Gesellschaft schritt eine unabsehbare Menschenmenge, um dem hochverdienten.und allgemein verehrten Manne, dankbar das letzte Geleite zu geben.