Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228886--65767-3277911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sfe russischer Flüchtlinge, Verbannter, Terroristen - und ihrer revolutionären Freunde, sondern in einem großen Teile der Preste, in städtischen Kollegien, sogar im Unterhause wurde gegen den Zaren gewettert, als gegen einen Mann, den man nicht gastlich empfangen sollte. Bischöfe und Lords rechneten dem Zaren vor^. wie viele Tausende er hat hinrichten, wie viele Zehntausende er in Gefängnissen und in Sibirien hat verkommen und verschmachten, quälen und foltern lasten. In einer Versammlung hielt das Parlamentsmitglied Macdonald eine Rede, in der er sagte, es sei eine Schande, daß der König dem Zaren die Hand reiche. Rauschenden Beifall fand Bernard Shaw mit seiner Rede, in der er unter anderem bemerkte: „Das Gastrecht gilt nicht für den Gast, der sich selbst einlädt, noch weniger für den Gast, der weiß, wie unwillkommen er ist. Der Zar kommt zu uns, weil ihn niemand anders haben will. Italien hat ihm die Tür verschlossen, eigentlich tut unsere Regierung dasselbe. Der Zar muß auf der Türtreppe bleiben, und unsere Staatsmänner werden die Köpfe aus dem Fenster stecken und ihm sagen: Wenn Sie freundlichst aus der Türtreppe warten, wird der König herauskommen und Ihnen die Hände schütteln. Ich haste den Zaren nicht, aber als ein Symbol der Tyrannei, allem Freiheitlichen Feindlichen greife ich ihn an." Wir wissen augenblicklich nicht, ob bei dieser Gelegenheit auch der bei den Pogroms beraubten und umgebrachten,' ob der politisch und wirtschaftlich unterdrückten russischen Juden gedacht worden ist. Jedenfalls aber können die Herren Antisemiten aus diesen Protesten entnehmen, wie die Welt über das von ihnen wegen der Verfolgung der Juden so geliebte Rußland und seinen bedauernswerten Herrscher in Wirklichkeit denkt. Denn die offiziellen Empfänge und Trinksprüche beweisen nur, daß die Politik es für ratsam hält, selbst mit dem Zaren, selbst mit Rußland es nicht unnötig zu verderben. Wir schmeicheln uns nicht mit der Hoffnung, daß die Antisemiten nach dieser Rundfahrt besser und klüger geworden sein werden. Aber sie werden ebensowenig Freude an ihr gehabt haben, wie der Zar von seiner Reise, und das bereitet uns einige Genugtuung. Me Woche. Berlin, 10. August, inen verläßlichen Maßstab für den heutigen Stand der Bildungsbestrebungen unter den Juden in Berlin bietet ein in der August-Nummer der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" erschienener Aussatz von Dr. Jakob Segall, der sich in ausführlicher Weise mit dem Schulbesuch christlicher und jüdischer Kinder in Berlin befaßt. Die der inhaltsreichen Arbeit zugrunde gelegten Daten umfassen einen Zeitraum von 10 Jahren (1897—1906); doch bietet gerade dieses an wechselnden sozialen Erscheinungen reiche Dezennium genügende Grundlagen für zielsichere statistische Schlüsse. In dieser Arbeit gelangen nur die mittleren und niederen Unterrichtsanstalten zur Erörterung, denen sich eine überaus interessante Statistik der jüdischen Gemeinde- und Religionsschulen anreiht. Wir folgen nun hier den Ausführungen des Verfassers: - Was die Frequenz der Gymnasien seitens jüdischer Schüler betrifft, so hat der Zudrang in den allerletzten Jahren etwas nachgelassen, dagegen die Zahl der christlichen Schüler zugenommen. Während z. B. im Jahre 1897 die Zahl der jüdischen Gymnasiasten 1892 beträgt und im Jahre 1900 die Höhe von 1962 erreicht, fällt von da ab die Zahl, um schließlich im Jahre 1906 mit 1679 Schülern abzuschließen. Dem steht die von 1897 bis 1966 stetig abnehmende Zahl christlicher Gymnasiasten gegenüber, die mit 8447 beginnt und mit 5109 in dieser Statistik ab schließt. Diese Ziffern stehen mit der seit 1897 abnehmenden Zahl der Gymnasialschüler überhaupt, in richtigem Verhältnis. D.as Endergebnis. zeigt, daß die Juden, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 5 b. H. beträgt, nahezu 1/4k der gesamten Gymnasialschülermasse stellen. Die sich vermindernde Zahl jüdischer Gymnasiasten erscheint begreiflicher, wenn wir die Statistik der Realgymnasien betrachten. Das Realgymnasium bietet seinen Absolventen reichere Berufsmöglichkeiten, und so zeigt sich hier seit 1897 (718 Schüler) ein Zunehmen der Schülerzahl, die 1906 767 betrug, bei einer Gesamtschülerzahl von 4109, wovon 3333 Christen, was quotiental ausgedrückt heißt: von je 100 Schülern waren 18,70 jüdisch und 81,10 christlich; oder an der Berliner Gesamtbevölkernng gemessen: von je 100 waren 4,76 Juden. Damit erscheint das Minus des Gymnasiums ausgeglichen. Die verhältnismäßig geringe Inanspruchnahme der Oberrealschulen erklärt der Autor sehr richtig dahin, daß diese Lehranstalten den realen Wissenschaften einen Vorzugsplatz einräumen, während es sich ja zeigt, daß der Jude mehr dem humanistischen Lehrideal zuneigt. Daß neben 1143 christlichen Frequentanten der Oberrealschulen bloß 149 jüdische zu finden sind, gibt um somehr zu denken, als ja unsere Zeit unbestreitbar ein Zeitalter des Florierens vorzugsweise der technischen Berufe darstellt. Sehr schwach sind die Juden auch in den Realschulen vertreten; von 8,7 v: H. im Jahre 1897 ist der Prozentsatz auf 7,10 v.H. im Jahre 1906 gesunken, indes die Anzahl christlicher Schüler beständig wächst und von 91,00 v. H. im Jahre 1897 auf 92.50 v. H. im Jahre 1906 stieg. Diese Ziffern stellen dem „praktisch-jüdischen Geist" gerade kein glänzendes Zeugnis aus. Die Zahlen über die höheren Mädchenschulen bilden ein Ehrenzeugnis für die Erziehung jüdischer Töchter. Dr. Segall kommt zu dem imponierenden Resultate, daß fast ein Drittel aller Töchterschülerinnen jüdische Mädchen sind! Er sagt: „Es entspricht dies der allgemein bekannten Erscheinung, daß die jüdischen Mädchen einen starken Bildungsdrang besitzen, und daß die Juden auf die Ausbildung ihrer Töchter großen Wert legen." Allerdings zeigt sich ein Sinken der Ziffer, aber die UrsaKe hierfür ist darin zu suchen, daß viele jüdische Mädchen zur Ausbildung in englische und schweizerische Pensionate geschickt werden. Sehr gering ist die Zahl der jüdischen Gemeindeschüler; erklärlich, weil der größte Teil bei Eintritt des vorgeschriebenen Alters an höhere Lehranstalten überführt wird. Zu denken gibt die erstaunlich geringe Frequenz der jüdischen Schulen: von je 100 Schülern besuchten nur 20 eine jüdische Schule. Die Besucher der Schulen jedoch, wo nur jüdische Religion, als einziger Lehrgegenstand behandelt wird, haben erfreulicherweise zugenommen: im Jahre 1900 waren es 1467; 1901: 1496; 1907: 3295! In sieben Jahren also hat sich die Zahl der Religionsschüler mehr als verdoppelt! In einer zusammenfassenden Statistik zeigt uns der Autor, daß die absolute Zahl der jüdischen Schüler im Laufe der zehn Jahre zugenommen hat, doch gilt dies nur für die wachsende Anzahl weiblicher Schüler, während der Anteil der Knaben zurückgegangen ist. Diese interessante Statistik, für die wir dem Verfasser Dank wissen, lehrt, daß sechsmal soviel Juden sich dem Gymnasialstudium zuwenden als Christen, daß insgesamt 48,15 v.H. — also die Hälfte aller jüdischen Schüler diesen Bildungsweg einschlagen, im Gegensatz zu 11,40 v. H. bei den Christen; noch krasser zeigt sich dieser Zahlenunterschied bei den weiblichen Schülern: 52,88 v. H. jüdische zu nur 9,15 v. H. christliche. Der Jude ist eben zu jeder Zeit und unter allen Verhältnissen der Träger von Kulturgedanken, und dieses ideelle Moment tritt auch in der Erziehung seiner Kinder hervor. * Zu der auch von uns mitgeteilten Aeußerung des früheren Kultusministers von Studt, daß er sich wundern müsse, „an der Spitze der zahnärztlichen und ärztlichen Vereine immer jüdische Herren zu sehen", macht die agrarische „Deutsche Tageszeitung" folgende geistreiche Bemerkung: „Die Zahl der christlichen deutschen Aerzte und Zahnärzte ist immer noch etwas größer als die der jüdischen Aerzte und Zahnärzte.