Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. WMWMWWM kerlm, 13. ^uxust 1969. 73. 3sdrxalix. I^r. 33. Begründet'von Rabbiner D»- Ludwig Philippson» VkiIszs-LxpeMoll: Berlin, Jerasalemer Str. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*. Berlin 8^., Jerusalemer Straße ^b/4S, zu richten. Lim Nundlchsu. Berlin, 10. August, ir möchten unsere. Herren Antisemiten heute einmal zu einer kleinen politischen Rundfahrt einladen. Nach ihrer Anschauung — wenn bei ihnen überhaupt von einer Anschauung die Rede sein kann, und man nicht richtiger alle ihre Behauptungen und Lehren lediglich aus das antisemitische Hetzbedürfnis zurückzuführen hat, sind an allen möglichen Widerwärtigkeiten, ganz besonders an allen Revolutionen, die Juden schuld. In Spanien.nun hatten wir soeben einen Aufstand, der vielleicht nur für den Augenblick unterdrückt ist. In Spanien gibt es aber so gut wie keine Juden, im Gegenteil bemüht man sich erst, die Nachkommen der einst Ausgetriebenen ins Land zurückzusühren. Sollen Juden auch die traurigen Vorgänge im Lande der Kastanien verschuldet haben? — Das gleiche gilt von Portugal, das am Vorabend einer Revolution zu stehen scheint. Auch in Portugal gibt es so gut wie keine Juden, die also weder an dem vor etwa anderthalb Jahren verübten Königsmord noch an der erwarteten Revolution schuld sein können. Alsdann hatten wir eine Revolution in Persien, die mit der erzwungenen Abdankung des Schahs geendet hat. In Persien gibt es wohl eine geringe Anzahl Juden, die aber in ganz außerordentlich bedrückter Stellung und in so dürftigen Verhältnissen sich bestnden, daß ihnen andere wichtigere Sorgen näherliegen als die um die Regierung des Landes. An der jungtürkischen Bewegung aus der Balkanhalbinsel haben allerdings Juden lebhaften Anteil genommen. Aber es gibt wohl in der ganzen zivilisierten Welt keinen anständigen Menschen, der nicht das Vorgehen der Jungtürken als einäußerst verdienstvolles und im höchsten Sinne des Wortes patriotisches anerkennt. Und die neue türkische Negierung hat denn auch die Juden für ihr patriotisches Verhalten belohnt und einige zur Beschämung gewisser anderer als hochzivilisiert geltender Länder, in hohe und höchste Stellungen berufen. Und nun wenden wir uns zu dem. antisemitischen Rußland. Hier gibt es sehr viele Juden, mehr als in jedem anderen Reiche, und sie werden beschuldigt, an der revolutionären Bewegung hervorragenden Anteil gehabt zu haben. Aber in einem Berichte, den der in letzter Zeit, viel genannte Lo puchin noch in seiner Eigenschaft, als Proküreur der Charkow er Gerichtskammer erstattet hat, werden die. Bedingungen, unter denen das jüdische Proletariat im Ansiedlungsgebiet lebt, als „völlig unerträglich^bezeichnet, und es wird hervorgehoben, daß anarchistische Tendenzen dort unvermeidlich austauchen müssen. Mittlerweile haben ja wohl sogar unsere sonst so schwer zu belehrenden Antisemiten eine andere Vorstellung gewonnen von den bisher von ihnen so geliebten und bewunderten „echt russischen Leuten", die, was Skrupellosigkeit anbetrifft, in der Tat echt russische Leute sind, nämlich von derjenigen Klasse, die die Hauptträger der ungeheuerlichsten Korruption im Lande sind. Ueber das verbrecherische Treiben der russischen Beamtenwelt, der Offiziere und des Adels bedurfte es wohl kaum noch neuer Enthüllungen. Aber auch solche hat der mit einer Untersuchung beauftragte Senator Ga rin in erschreckender Fülle an den Tag gebracht. Gewiß werden auch Juden „Schmiergelder" gegeben -haben. Solche anzunehmen haben sie ja, da sie weder in der Armee noch im Zivil irgendwelche auch nur einigermaßen einflußreiche Stellung einnehmen, überhaupt keine Gelegenheit. Die Herren Generäle, Beamten. Fürsten, die Vestechungsgelder nehmen, sind doch gewiß weit mehr zu verurteilen als die Geber, zumal es letzteren nur zu wohl bekannt ist, daß ohne Bakschisch im heiligen Rußland überhaupt kein Geschäft zu machen, nichts auszurichten ist. Die Juden gar sind geradezu gezwungen, „Schmiergelder zu geben", weil sie oft allein durch solche überhaupt existieren können.' Indessen ist über die russische Misöre ja wohl alle Welt . einig. Anläßlich der eben beendeten Reise des Zaren nach Deutschland, Frankreich und England hat man sehen können, in welcher Achtung der Repräsentant Rußlands, der Zar, steht. Es möchte ja eigentlich nicht der Geringste im Volke so reisen, wie der Zar gereist ist und, wie wir zugeben, zu reisen gewungen war. Er traute sich kaum irgendwo ans Land zu gehen. Auf Schritt und Tritt während der Fahrt durch den Kaiser Wilhelmkanal mußte er von zahlreichen Soldaten, Gendarmen, Geheimpolizisten bewacht werden. Ja Badegäste durften eine Zeitlang nicht baden, und Handel und Verkehr im Kanal mußten pausieren. Diese weitgehende Belästigung des Publikums und Schädigung der allgemeinen Interessen zugunsten des russischen Staatsoberhauptes soll noch im Abgeordnetenhaus zur Sprache gebracht werden. Auf dem Meere selbst fühlte der Zar sich nur in einem gewaltigen Kreise von Kriegsschiffen sicher, und seine Kinder "mußten heimlich an eine' versteckte Stelle gebracht werden, um dort unter starkem Schutz ein Weilchen spielen zu können. Und in allen Ländern, selbst in den mit Rußland verbündeten, wurde nach Kräften gegen den Zarenbesuch lebhaft . und nachdrücklich'Einspruch erhoben. Der „gekrönte Henker" wurde er genannt und nicht etwa nur in Versammlungen