Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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ober gesellschaftlich in Berührung war, wirb sein'Hinscheiben aufrichtige Teilnahme erwecken. Liebenswürdig imb herzensgut, stets von frohem Humor beseelt, bescheiben in feinem ganzen. Wesen, war er eine sehr sympathische Erscheinung; der niemanb übel wollte. Der „Friedel" -7unter diesem Namen kannte man ihn fast besser, als unter sernern Familiennamen — war überall gern gesehen und hatte viele Freunde. Nicht bie wenigsten unter den Armen und Bedürftigen Wiens, für bie er jahraus jahrein auf ben Beinen war, unermüblich, wo es galt, Wohltaten anzuregen, unb zu üben unb in großen Gesellschaftsschichten für Werke ber Humanität durch eifrige unb" unausgesetzte Agitation zu werben. Friedrich Herrnfeld ist ber Begründer. ständiger Schriftführer unb Ehrenmitglied bes . Wiener Wärmestubenvereins gewesen. Das war seine Lieblingsschöpfung, auf bie war er stolz unb hatte-auch alle Ursache dazu. Für seine Berbienste um diese segensreiche Einrichtung hat ihm auch ber Wiener' Gemeinberat burch ben Munb.bes Bürgermeisters Dr. Lueger bie. Anerkennung ausgesprochen. Auch bie Wiener Freiwillige Rettungs- Gesellschaft führt ben Namen Friebrich Herrnfelds in ber Liste ihrer Ehrenmitglieder. Baron Jaromir Munbh hat oft in geradezu überschwänglichen Worten der wertvollen und wirksamen Mitarbeit Friedrich Herrnfelbs an der Gründung und Festigung der Freiwilligen Rettungs-Gesellschaft gedacht. Sein Wirken im Dienste der öffentlichen Wohlfahrt wurde durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Josef-Ordens anerkannt. Friebrich Herrnfelb, der ein Alter von 89 Jahren erreichte, hinterläßt eine Witwe und zwei Kinder, Knaben im Alter von elf und. neun Jahren. Das Leichenbegängnis fand Sonntag den 25. b. M. unter zahlreicher Beteiligung der weitesten Kreise der Wiener Gesellschaft statt. Nach Vortrag des „Rarurtornim" durch Oberkantor Don Fuchs widmete Oberrabiner Dr. Güdemann dem Verstorbenen einen Nachruf. Der Grundzug des ganzen Lebens des Verstorbenen, sagte Redner, war seine unerschöpfliche Herzensgüte, er war überall zu haben, wo es galt, für gute, schöne und edle Zwecke zu wirken und zu schaffen, er. setzte sich mit seiner Kraft ein, wenn es galt, Dürftigen und Verlassenen zu helfen. Eine der wohltätigsten Einrichtungen unserer Stadt, der Wiener Wärmestubenverein, war sein Werk. Friebrich Herrnfelb mit seinem so guten Herzen war überall beliebt und gern gesehen. Nachdem Dr. Güdemann auch die unerschöpfliche Liebe des Verewigten zu seiner Familie, insbesondere zu seinem Bruder Heinrich, welchen das Hinscheiben dieses wackeren Mannes schwer getroffen, hervorgehoben, schloß er seinen Nachruf mit den Worten, die der Verblichene einmal gesprochen: „Wer ein gutes Herz in der Brust trägt, dessen Leben ist ein fortwährendes Freudenfest!" Nun nahm Balduin Bricht namens der engeren Kollegen, und Julius Stern namens des Journalisten- und Schriftstellervereins „Concorbia" Abschied von dem braven, herzensguten Kollegen. Der Sarg wurde hierauf zur letzten Ruhestätte getragen und unter den üblichen Gebeten beigesetzt. Frankreich. I.. Paris, 30. Juli. Gestern beging Herr Max Nordau seinen sechzigsten Geburtstag. Ein deutscher Schriftsteller, in Ungarn geboren, in Paris seit Jahrzehnten lebend, und in der romanischen Welt mehr noch bekannt, mehr noch gefeiert als in Deutschland! Ein Arzt und Philosoph, der sich durch eine stattliche Reihe von Dichtungen und Schriften zur Kritik unserer sozialen Einrichtungen wie der modernen Strömungen in Kunst und Literatur hervorgetan hat! Ein Gelehrter von hohem Ansehen in der wissenschaftlichen Welt und in der Pariser Gesellschaft, der sich mit Feuereifer, mit Enthusiasmus den. jüdischen Glaubensgenossen im europäischen Osten und dem Zionismus widmet, in dem er das Heil für das Judentum erblickt! Die ganze kraftvolle, das Kulturleben der Zeit umfassende Persönlichkeit tritt uns da entgegen. Ein weltwärts gerichteter, im Beobachten geschulter, in der Kritik geübter Naturforscherblick, ein heißer Aposteleifer, der ihn laut bekennen und verkünden heißt, was er für Wahrheit hält, und ein warmherziges Empfinden, das sind die Merkmale seines Wesens. Und sie nötigen Sympathie und Achtung auch denen ab, die sich zu seiner Wahrheit nicht bekennen mögen, und die zu dem Allheilmittel, das dieser Arzt insbesondere dem leidenden Judentum verschreibt, kein Vertrauen haben. In Pest geboren — rein zufällig in Pest geboren, wie er sagt, denn seine Eltern waren vor kurzem erst aus Krotoschin dort eingewandert — studierte Nordau aus deutscheu Hochschulen. Nach bestandenen medizinischen Staatsprüfungen ~ machte er längere Reisen, die er in einem fesselnden Werke „Vom Kreml zur Alhambra" farbenreich und plastisch schilderte. Nachdem er in Budapest schon in seiner Doppeleigenschaft als Arzt und | Journalist sich betätigt, siedelte sich Nordau Anfang 1880 in Paris - ü an. In zwei Bänden fesselnder Studien schildert er das Paris der | dritten Republik, bietet er uns eine Galerie feingemalter Charakter- | bilder aller hervorragenden Persönlichkeiten in Staat und Kunst. 4 Das Werk, das Nordau in seinem eigentlichsten Wesen zeigt, das Werk, das ihm auch den ersten großen Weltersolg verschaffte, „Die -f konventionalen Lügen ber Kulturmenschheit", sollte bald folgen. In | den „Paradoxen", in den Studien zur „Krankheit des Jahrhunderts" setzte NordaU. seine Untersuchungen am Menschheitskörper, . an der ß spzialen Organisation mit großer Schärfe fort. Inden zwei Bänden ß „Entartung" legt Nordau die Sonde an unsere großen Kunstwerke und neueren Dichtungen. In einer Reihe von Novellen und Romanen } hat Nordau künstlerisches Empfinden und Phantasie gezeigt. Die V Essays und feuilletonistischen Skizzen, in denen er so oft für Verkannte, Verfolgte mit Wärme eingetreten ist, das gekränkte Recht verteidigt hat, sie lassen Schwung und Wärme erkennen. Ein echter, lichter Idealismus strahlt uns aber vollends aus dem hochgemuten Eifer entgegen, mit dem Nordau für den Zionismus kämpft. Seine zionistischen Reden, die eben gesammelt erschienen, atmen eine Art echter Prophetenbegeisterung. Mit flammender Beredtsamkeit, mit dem ganzen Rüstzeug seines reichen, und universellen Wissens, seiner markig kraftvollen, bilderreichen Sprache tritt hier Nordau für seine Sache ein, und mit einem Feuereifer, der zwar durchaus nicht jeden von der Richtigkeit, aber sicherlich jedermann von der Aufrichtigkeit y seiner Bestrebungen überzeugen wird. So wird man denn heute allüberall mit Verehrung und Sympathie Max Nordaus gedenken. Marokko. Fez, 5. Juli. Ich habe die Ehre, nachstehende Vorkommnisse zu Ihrer Kenntnis zu bringen: „Im Laufe dieser Woche kam eine Anzahl armer israelitischer Arbeiter zu mir mit der Meldung, daß sie seit der Ankunft Mulay Hafids in Fez fast täglich zu Arbeiten in . j den Pulverdepots des Sultans und in den Ställen des Dar el .? Maghsen herangezogen würden, ohne jemals Lohn dafür zu erhalten. Das ist die Rückkehr zum alten Frondienst. Die Arbeit für den Sultan besteht darin, die Pulverkästen zur Waffensabrik zu transportieren und dort zu öffnen, das Pulver abzuwiegen, sachgemäß zu? behandeln, zu trocknen usw. Unter Abdul Asis gab es für jeden transportierten Kasten 0.75 Franken, so daß sich der Tagesverdienst für den Mann auf 2 Franken. stellte. In den Ställen des Dar el; Maghsen besteht die Arbeit in der Reinhaltung der Räume, in der r Ueberführung der Tierkadaver weit hinaus aufs freie Feld, außerdem im Vergraben der Leichen der Tiere, die dem Sultan gehört haben oder von ihm bestiegen worden sind. Die israelitischen Arbeiter müssen den mühseligen Dienst tun, ohne daß sie dafür auch nur ein Stück Brot für sich und die ihrigen erhalten, so daß sie auf Unterstützungen angewiesen sind. Einige versteckten sich, um der Fronde zu entgehen; aber die auf ihre Spuren ausgesandten Soldaten fanden v sie bald und trieben sie mit Stockschlägen zur Arbeit zurück. Andere verlangten Lohn, wurden aber durch Drohung mit der Bastonnade ’ > zum Schweigen gebracht. Sofort, nachdem ich von diesen Ungerechtigkeiten gehört hatte, begab ich mich zum Großwesir Si Madani el v Glaui. Er empfing mich auf das liebenswürdigste, ließ mich vor > allen marokkanischen Vornehmen, Paschas und Caids eintreten, die £ nun auf mich warten mußten. Ich legte ihm dar, wie ungerecht es sei, die Israeliten so zu behandeln. Ich erinnerte ihn an den durch Sir Moses Montefiore erlangten Firman, der ausdrücklich Fronö dienst und Bastonnade abgeschafft; ich setzte ihm auseinander, daß man von seiten der europäischen Juden nicht dulden werde, daß die marokkanischen Glaubensgenossen den alten Bedrückungen unterworfen * würden, daß übrigens die Haltung der gegenwärtigen Regierung vf den Israeliten gegenüber in Europa den schlimmsten Eindruck mache, 'A und daß es in seinem Interesse sei, jenen Arbeitern Gerechtigkeit -| widerfahren zu lassen. Da seine wohlwollende Gesinnüng für die £ Israeliten, von der er oft Beweise gegeben, mir bekannt sei, hielte vf ich mich überzeugt, daß mein Verlangen sofort von Wirkung sein ' D werde. Da es Abend war und im Augenblick nichts geschehen konnte §