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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-06 · Heft 32 (6.8.1909) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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sich ergehen lassen, daß sie nichts Steuerbaresmit sich führten. Erst, nachdem man die Folterkammer des Paßbureaus Passiert hatte) wo in engenr Raume mit schlechter Atmosphäre, die aus sich verdichtendem Menschenodem, Schweiß und übelriechenden Ausdünstungen entstand, durch Namensaufruf die Identität der Paßbesitzer festgestellt wird, gelangt man in die Wartesäle. Dieser Anordnung konnte sich, nieinand entziehen. Auch Agathe mußte diesen Raum passieren, bevor sie in den Saal eintreten durfte.. Der Anblick desselben bot, wenig Tröstliches, Die hellgetünchten Wände, die der Rauch geschwärzt hatte, waren vielfach mit Plakaten bedeckt, unter denen die hochroten Anzeigen der Steckbriefe, die nach verschwundenen Nihilisten erlassen wurden/grinsend hervorstachen. Die Bilder der Verfolgten blickten höhnisch lächelnd auf die Menschen herab, die sich in dem Lokal zusammendrängten. . Agathe befand sich plötzlich vor dieser trostlosen Betrachtung. Ihr Mann hatte sie einen Augenblick verlassen, um nach dem Gepäck zu sehen/und sie starrte in das Gewühl, das sie umgab. Neben ihr stritten zwei Leute, Mann und Frau, sie konnte aus der halb polnisch, halb deutsch geführten Unterredung nicht entnehmen, um was es sich handle, aber, sie sah die haßerfüllten Augen der Frau, sie hörte die brutalen Worte, die. schnöden Drohungen des Mannes: „Szelma przekleta!" *); ihr schauderte, das war auch eine Ehe! ... „Wenn nur Alfred gleich käme!" Der Kellner hatte ihr ein Glas Tee gebracht. .. Sie vermochte nicht, es zu trinken, trotzdem sie nach der langen Fahrt das Verlangen nach etwas Warmem hatte. Der Aufwärter, der es gebracht, sah so schmutzig und verschlafen aus, daß ein Widerwille sie erfaßte. Schmutz und Trägheit war überhaupt die Signatur dieses Wartesaales. Sie ließ ihre Augen umherschweifen und entdeckte immer neue Dinge, die sie mit Ekel erfüllten. In dem ungewissen Lichte, das den Raum erfüllte, vermochte sie nach und nach zu erkennen, daß die Leute in allen Ecken zusammengekauert saßen, auf das Signal zur Abfahrt wartend, und mit ihren mitgebrachten Mundvorräten den Hunger stillten. Dichter Zigarrenqualm zog durch die Luft und mischte sich mit dem starken Alkoholduft eines mit Arrak gemischten heißen Getränkes, „Tschai" genannt, das die meisten Reisenden gierig tranken. Die Atmosphäre wurde immer unerträglicher, ein Schwindel erfaßte sie... „Wo nur ihr Gatte blieb?" „Agathe!" Gottlob, da war er ja und konnte sie aus der unangenehmen Situation befreien... . „Wo bleibst Du? Ich möchte gern hinaus ins Freie..." „Jetzt in der Nacht? Der Zug kann jeden Augenblick kommen-aber warum hast Du Deinen Tee nicht ge» trunken V —-•• „Ach der Tee?" - - - „Er ist gut hierzulande, das Nationalgetränk. Echtes Samovargetränk, sieh mal dorthin, an das Büffet, dort dampft die Riesenmaschine..." „Aber so schmutzig... es ist alles so sehr schmutzig .. ." „Ich bitte Dich, Herz, auf einer polnischen Grenzstation! Da wirst Du Deine Ansprüche auf Sauberkeit herabstimmen und im ganzen in diesem merkwürdigen Lande auf noch ganz andere Dinge gefaßt sein müssen . . Sie ergriff seine Hand. „O, Alfred!" — In diesem, Augenblicke wurde ein wütendes Schreien und Schimpfen aus einem Winkel des weiten Saales hörbar, in den die mangelhafte Beleuchtung nicht zu dringen vermochte. h Verfluchte' Bestie.-, Agathe schreckte zusammen. „Was ist das?" Der Lärm wurde größer, die Anwesenden drängten nach der Ecke, neugierig oder gleichgültig die Vorgänge dort zu beobachten. Ein unterdrücktes Schluchzen, dann ein lautes. Wehgeheul untermischt mit Fluchen und Schimpsworten drang herüber . „Ich will einmal rkachschauen ..." „Alfred, um Himmelswillen laß mich nicht allem . . ." Immer erregter wurde die Szene, die sich auf der anderen Seite abspielte. Die Kellner, ja selbst die verschlafene Büfettdame drängten hinzu, obgleich solche Vorkommnisse nichts Neues für sie sein mochten.- „Ty przeklety psiec zy wstaniesz?!"1) . „Szelma!"2 *) Ein greller Schmerzensschrei hallte durch den Raum. Ein Fußtritt mit dem schweren, eisenbeschlagenen Stiefel hatte den Schlafenden emporgescheucht. Er taumelte und wurde durch einen kräftigen Stoß bis in die Mitte des Saales getrieben, wo er hilflos unter der mehrarmigen Petroleumhängelampe stehen blieb. Ein Beamter war soeben eingetreten und fragte, was es gäbe-und die Grenzgendarmen berichteten, daß dort in der Ecke dieser Mann sich auf ein Bündel gelegt und sich schlafend gestellt habe. Sein Schnarchen sei ihnen ausgefallen, sie feien an ihn herangetreten und hätten ihn verdächtig gefunden. „Wo ist sein Paß? ..." „Weiß nicht!" „Hast Du Deinen Paß?" wandte er sich an den noch immer wie bewußtlos Dastehenden. Mechanisch griff der Gefragte in die Rocktasche. Erst suchte er in der linken, dann in der rechten Seite, dann ängstlicher und sich völlig ermunternd in sämtlichen Taschen seines Rockes. Angst und Schrecken malte sich in seinem todtenblassen Gesicht, in be.;i der heftige physische Schmerz der brutalen Stöße, die e empfangen, sich wiederspiegelte. Die Umstehenden beobachteten in höchster Spannung sein Verhalten ... „Der Paß!" Der Paß, .davon hing alles ab, War er nicht im Best eines solchen, so wurde er zurückbehalten und lief in Gefahr, auf administrativem Wege verschickt zu werden. „Jeszcze nie?"**) Der Beamte wurde ungeduldig. Der Mann vor ihm sah wirklich so aus, als hätte man sich von ihm alles zu versehen. Mehr tot als lebendig stand er da und schloß in jäher Angst die Augen, als er die Blicke des Beamten und der Wächter drohend und grausam auf sich gerichtet sah. Auch die vielen Menschen, die ihn immer dichter umdrängten, verwirrten ihn. „?8ia krew"4)’... rief ungeduldig werdend der Polizeimann. „Psia krew . . . hast Du keinen Paß?" „Jest nihilista." 5) „Canaille verdammte ..." Es war als hätten sie wirklich einen Fang getan. Die Kleider hingen in wilder Unordnung an dem Unglücklichen herab, er hatte sie beim Durchsuchen förmlich von sich gerissen ... „Vorwärts, führt ihn ab." ... Agathe stieß einen leisen Schrei aus — „Um Gotteswillen," lispelte sie und umklammerte die Handihres Mannes fester. Sie hatte erst furchtsam, dann aber in wachsender Erregung der Entwicklung dieser Szene zugeschaut. y Hund verfluchter, wirst. Du aufstehen! 2) Bestie! 3) Noch immer nicht? - 4) Donnerwetter! 5) Er ist ein Nihilist!

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