Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Weh. Weh! - ' Du hast sie zerstört Die,schöne Welt - Mit mächtiger Faust," .. - Das ist nicht, nur der Dichtung ergreifende Predigt, das kündet in erschütternder Deutlichkeit als rückwärtsgewandter Prophet die Geschichte. Der Griechen Leben war ein Garten, verklärt vom Sonnenschein der-Kunst. Ein wonnig Spiel ihr Dasein. Lüste, ja Laster, wenn nur im Bunde mit Formenschönheit und Farbenpracht, schienen erlaubt. Schönheit gab selbst der Sünde den Weihekuß und dem Bösen einen Adelsbrief. Der Kult der Aphrodite siegte über Geister und Herzener bildete Urteile, er schuf Ideale. Doch welche? Standen' sie im Einklang mit den Leitbildern des , Gewissens? Nein; nicht die treue Gattin, sondern die feile Dirne ward als. höchste Ausprägung des Weibes gefeiert. Denn ohne Glaube an Gott keine wahren Ideale. - Und von der zerstörten Schein- und Schattenwelt der Griechen schweift der Blick zu den Kunstfanatikern unserer Tage, denen die Kunst der Inbegriff des Lebens ist, während, ihnen die Welt ein wirrer Atomhause, der Mensch das elende Zufallsergebnis einer blinden und blöden Entwicklung ist. Ihrer Kunst geht Weihe und Würde verloren, und die, welche vom Götzendienste des Schönen ausgingen, enden ihre Schöpfungen in Schmutz und Schlamm. Es ist, als hätten die Augen, die verlernt haben, auf das Göttliche zu schauen, nur noch die Fähigkeit, überall Tierisches und Teuflisches zu sehen. Ohne Gott und Ideale stirbt die Kunst schließlich ab, wie die Pflanze ohne Regen und Tau: Kein Künstler wie unser Gott! Ja, die Kunst braucht Gott, wie die Blume Licht. Mit Recht hat darum einer, der auch den Weltkindern spruchbefugt ist, Goethe, gesagt, daß die Zeiten, in denen der Glaube seine sieghafte Macht über die Gemüter entfaltet, groß sind und fruchtbar auch für die Kunst. Denn der Künstler bedarf -gleich dem Propheten, daß Gottes Geist über ihn. komme. So sind des Künstlers Gedanken Kinder Gottes. Michelangelo, das., universale Kunstgenie, Dichter, Baumeister, Maler und Bildhauer in einem, bekennt von der wahren Kunst, daß sie nur eine Welle aus dem Lichtozean Gottes sei. Er hat uns den ersten Menschen gemalt, wie er auf einem Vergesabhang ruht, die Hand ausgestreckt nach dem herniederschwebenden Gott, gewärtig vom Schöpfer den Lebensodem zu empfangen. So blickt der Künstler voll Sehnsucht zu den Höhen, um aus der Lebensgemeinschaft mit Gott und dem Liebesumgang mit ihm neue Schöpferkraft zu gewinnen. Denn wie dem Denker in der Wahrheit ein Teil des göttlichen Wesens sich mitteilt, und vom Propheten Gott in sittlichen Erfahrungen erlebt wird, so findet und offenbart der Künstler uns im Schönen eine Seite Gottes, seine Harmonie, oder so wirkt im Künstler die Schönheitsmacht Gottes: Kein Künstler ist wie -unser Gott. Wie steht nun das Judentum zur Kunst? Als Götzendienst und Schönheitsvergötterung drohte, hat es der bildenden Kunst gewehrt. Das krasse Heidentum als Gesinnungsmacht ist überwunden, drum erschließt Israels Religion sich jetzt gern auch dem bildnerischen Schaffen und lehrt, die Kunst als Wiederschein des Göttlichen würdigen. Ueber alle Kunst um uns, sollen wir aber die Kunst an uns nicht vergessen: unser Lebe.n zu einem Kunstwerke machen in treuer Erinnerung an das Wort: „Auf allen Deinen Wegen erkenne ihn, und er wird ebnen Deine Pfade." Bei solcher Arbeit kommt Gott uns zu Hilfe, er lenkt und leitet unsere Schicksale, daß wir immer mehr unser Ideal ausgestalten und verwirklichen, und so bewährt sich auch in diesem Sinne das Wort:. Kein Künstler ist wie unser Gott! Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. ■ ' " V. ' : : 7 ■ . \yv’ Grenze war passiert, die' Paßplackereien und die Gepäckrevision glücklich überstanden- und in einem Kupee erster Kläffe fanden sich zwei Menschen wieder, allein nach viermonatlicher Trennung. —; Sie umarmten sich und sahen sich frohlachend in die Augen, und dann kam es wieder wie Wehmut und Rührung über sie. ' ' - „Agathe!" . „Alfred!" Es war, als müßten sie sich überzeugen' und versichern, daß sie wirklich wieder beieinander waren. --- Steinsels war seiner Frau bis an die russische Grenze entgegengereist und hatte sie dort in Empfang genommen, ohne in dem herrschenden Trubel sich - des vollen Glücksgefühls bewußt zu werden, den das Wiedersehen ihm bereitete. Ihr ging es ebenso. Die weite Fahrt, die Unruhe und. .Sehnsucht, die sie beherrschten, verwirrten, der Lärm, das Schreien und Stoßen auf der Bahnstation betäubten sie. Alles war ihr ungewohnt und fremd, kaum daß. sie ihren Gatten in dem Dunkel, das auf dem Perron herrschte, gefunden und wiedexerkannt hatte. „Balentinowa!" hatte der Kondukteur gerufen,dann sah sie sich vor einem Bahnhofsgebäude, das aus der Finsternis auftauchte, eine plumpe, ■_ formlose Masse, Einige. Petroleumlampen mit flackernden, von stinkendem Dunstkreis umgebenen Flammen machten den vergeblichen Versuch, -das Dunkel zu erhellen. Man sah schiebende und sich drängende .Gestalten, . die von den Gendarmen vor den Kupeetüren zurückgehalten wurden, bis die Pässe abgenommen waren. Hier und da ein Ruf, ein Fluch, ein Erkennungszeichen, oder die weinerlich .singenden Beteuerungen eines polnischen Judem den die Grenzbeamten mit Beschuldigungen und Schimpfworten über Paßunordnungen quälten. Die Ausladung des anlangenden, stark besetzten Zuges hot ein unerfreuliches, in nächtliches Grau gehülltes Bild, und wenn Agathe nicht die Hand ihres Mannes festgehalten hätte, so würde Furcht und Abscheu ihr sonst mutiges Herz beschlichen haben. Die Szenen,, die sie bei der Gepäckrevision erlebten,, steigerten ihr Unbehagen. Die Art und Weise, wie man mit den armen, ihr Lumpenbündel ausbreitenden Menschen umging, widerte-sie an. Das war . ein Auseinanderzerren und - Durchwühlen dieser Armseligkeiten, ein Stoßen, Schelten, rohes Gelächter ohne jede Rücksicht. Die unseligen, geängstigten Passagiere, meist kränklich aussehende, eingeschüchterte polnische Juden und stumpfsinnige Bauern, sahen mit wahrer Todesangst in den demütigen surchtverzerrten Gesichtern dem Ende dieser Tortur entgegen, und sie wüßten auch warum. Was jene dort traf, die soeben heulend und jammernd von den Gendarmen fortgetrieben wurden, konnte jedem von ihnen begegnen. Das war Sache der Willkür. Die Aermsten wurden nämlich der persönlichen Revision unterzogen. Eine Laune des Beamten, eine Physiognomie,. , die ihm nichbbehagte, ein Bart, der ihm zu lang, oder ein Kaftan, der ihm zu schmierig dünkte, gaben ihm Veranlassung und das Recht, zu einer solchen Untersuchung. Und die Unglücklichen, Mann oder Weib mußten sich-bis aufs Hemde entkleiden und in roher rücksichtsloser Art die Feststellung der Tatsache über