Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228885--65757-3277900- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWWWWMWW 380 Zuhörerschaft sprechen muß, wenn er von einer Synagoge zur anderen wandert und so in jeder von ihnen nur einigemale im Jahre zu Worte kommen kann? Ja, nicht einmal am heiligsten Tage des jüdischen Kalenderjahres hat der Berliner Rabbiner eine 'Gemeinde. Es klingt unglaublich, ist aber wahr: Am Vorabend des Versöhnüngstages fungiert er in der einen Synagoge, am Tage in einer änderen. 'Die Rabbiner der Berliner Gemeinde sind, wenn der Ausdruck gestattet ist, Gastprediger auf Lebenszeit. Ob ihnen selbst dieser Zustand behagt, oder ob sie schon Versuche gemacht Haben, würdigere Zustände herbeizuführen? Ich weiß es nicht. Bezeichnend ist jedenfalls der Ausspruch eines Berliners Rabbiners, den er vor nicht langer Zeit mir gegenüber getan hat: „Der Berliner Rabbiner hat keinen Freund, aber auch keinen Feind. Ich amtiere hier schon seit einer ganzen Reihe von Jahren und habe während der langen Zeit den Gemeindevorsteher X. noch nie gesprochen. Ich kenne den Mann nicht, und er kennt mich auch nicht." Tableau! Was hat die Berliner Gemeindevertretung getan, um diese unhaltbaren Zustände zu beseitigen? Was hat sie getan, um eine wirksame Seelsorge in der Gemeinde zu ermöglichen? Ich erinnere mich, daß vor etwa anderthalb Jahrzehnten schon die Forderung aufgestellt wurde, die Gemeinde in Kreise, in Parochien, zu teilen; man predigte indessen tauben Ohren. Seit jener Zeit hat sich der Uebelstand noch bedeutend verschlimmert, so daß im vergangenen Jahre aus der Repräsentantenversammlung heraus der Antrag gestellt wurde, die Riesengemeinde in eine Reihe übersehbarer Kultusgemeinden einzuteilen. Der Antrag wurde seltsamerweise von der liberalen Mehrheit abgelehnt. Die Gründe, die für die liberalen Vertreter maßgebend waren, sind recht eigenartig: Sie fürchten die Wiederkehr des ghettoartigen „Khillelebens"; die imposante Gemeinde könnte wieder in kleine Gemeindchen zerfallen. Im Geiste sahen sie schon in der Hauptstadt Gemeinden entstehen nach dem Muster der Gemeinde F. in Bernsteins „Vögele der Maggid". Zu solchem Rückschritt aber wollten sie die Hand nicht bieten. Die Herren machten sich unnötige Sorgen: Die „guten, alten Zeiten" werden nicht wiederkehren, die alten kleinen „Khilles" mit ihrer den Gesichtskreis der Mitglieder einengenden und jeden höheren Geistesflug hemmenden Kleinlichkeit werden in unserer Reichshauptstadt kein Auferstehen feierm Aber die Dezentralisation in der Berliner jüdischen Gemeinde ist eine dringende Forderung, der sich die Verwaltung nicht länger verschließen darf. Eine Synagogengemeinde von hunderttausend Seelen ist ein Monstrum, gerade wie eine Kirchengemeinde von gleichem Umfange es sein würde.- Die Gemeindeverwaltung muß die Frage der Teilung endlich mit aller Entschiedenheit in die Hand nehmen, wenn sie den Vorwurf der Rückständigkeit von sich abwälzen will. Ich verkenne nicht, daß sich da noch mancherlei Schwierigkeiten ergeben werden: allein die sind nicht unüberwindlich, und wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Die Hauptsache bleibt, daß jeder Berliner Rabbiner seine Gemeinde erhält und somit jede Gemeinde ihren Rabbiner. So wird mit einem Schlage ein Zustand geschaffen, der einzig und allein den Gemeinden angemessen und der Rabbiner würdig ist. Jede einzelne Berliner Gemeinde wird dann in ihrem Rabbiner ihren Vertrauensmann sehen. Der Berliner Rabbiner wird aushören, ein Wanderredner zu sein, seine Gemeinde wird ihn und er seine Gemeinde kennenlernen, er wird soziale, seelsorgerische Tätigkeit entfalten können- und in seinem Amtszimmer werden die Fäden sämtlicher Gemeinde» interessen zusammenlausen. Der Rabbiner an der Spitze der Kultus- und Unterrichtsangelegenheiten, der Rabbiner an der Spitze der Wohlfahrtspflege, der Rabbiner als Seelsorger und Vertrauensmann : das wird ihm in seiner Berliner Gemeinde dieselbe Wertschätzung eintragen und denselben Einstuß, den jeder gewissenhafte christliche Geistliche in seiner Gemeinde genießt, und dessen sich auch jeder gewissenhafte Rabbiner der Provinz in der seinigen erfreut. ■hK- Milche Mriheitsbegrikke. ir leben in einer Zeit der Begriffsverwirrung, der Umwertung aller Werte. Aus vielen Wörtern ist der ursprüngliche Inhalt längst gewichen; und wir tragen die alte leere Hülle mit uns. Auch der Begriff Freiheit, die Grundlage aller Kultur und aller Ethik, ist nichts weniger wie geklärt, und ganze Volksgruppen führen das Wort im Munde und sündigen stündlich gegen die elementarsten Forderungen dieses Prinzips. Man sollte glauben, daß wenigstens solche Parteien, die von der Freiheit ihre Existenzberechtigung ableiten, sich über diesen Begriff klar sind. Es ist leider nicht .der Fall. Wir müssen es erleben, daß auch solche Parteien oft versagen, wenn es sich um die Wahrung des Grundprinzips der Geistes- und Gewissensfreiheit handelt. Ein Prüfstein dafür ist uns das Verhalten zur Frage der jüdischen Gleichberechtigung. Ja, die sogenannte Judenfrage ist ein Barometer des freiheitlichen Empfindens, und — dieses Barometer sinkt häufig sehr rapid. Es gab eine Zeit, wo man sich auch in nichtsozialistischen Kreisen vom Fortschritt des sozialen Gedankens viel für die Hebung der Menschheitsidee versprach. Man glaubte nicht an die Utopien des Zukunftsstaates, man bedauerte manche Ausschreitungen und Jrrtümer, hielt aber auch den Sozialismus ..für einen, wenn auch natürlich nicht den einzigen Weg, der zur Höhe sittlichen Lebens führen kann. Die Hoffnung erwies sich als trügerisch. Zweifellos hat der Sozialismus die dumpfe Masse aus ihrer Lethargie geweckt, hat ihr Ideale, ja, eine .neue Religion gegeben. Das soll nicht geleugnet werden. Auch, daß hier ein Ventil für die niederen Instinkte geschaffen worden ist, und daß ohne die Sozialdemokratie die Arbeitermassen vielleicht rabiate Antisemiten geworden wären, soll nicht verkannt werden. Aber in vielen Grundfragen erweist sich der Instinkt stärker als die Theorie, und der Parteidrill vermag die innere Kultur nicht zu ersetzen. Wo eine leere Schablone an Stelle des Begriffes gesetzt wird, da kann -von einem wahren Fortschritt nicht die Rede sein. Wir treiben in unseren jüdischen Organen keine Partei- Politik und-am allerwenigsten eine sozialdemokratische. Wenn Torheit und Bosheit uns vorwerfen, daß wir Juden alle verkappte Sozialdemokraten sind, so können wir darüber lachen. 'Wohl , aber haben wir ein lebhaftes Interesse daran'zu beobachten, wie das Verhältnis der politischen Parteien zur Frage der jüdischen Gleichberechtigung sich gestaltet. Die Sozialdemokratie ist, was die Zahl ihrer Stimmen betrifft, die größte Partei Deutschlands, und es ist für uns wichtig zu wissen,, wie sie sich zu der elementarsten Forderung der Freiheit in bezug aus die jüdischen Bürger stellt. Da muß man gestehen, daß es damit heutzutage nicht besonders bestellt ist. Es gibt oft kleine Ereignisse, die Streiflichter auf unsere Zeit -werfen und unsere kulturellen und politischen Verhältnisse