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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-06 · Heft 32 (6.8.1909) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
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grell beleuchten. Diese unerfreulichen Erscheinungen häuften fich in jüngster Zeit, und sie mahnen zum ernsten Nachdenken. In Berlin stimmten vor kurzem die sozialdemokratischen Stadtverordneten gegen das betäubungsfreie rituelle Schächten. . Sie sind gegen jede Ausnahme und möchten um jeden Preis die heilige Schablone der Gleichmacherei retten. Daß aber eine solche Bestimmung gegen das Grundprinzip der Gewissensfreiheit verstößt, das scheinen sie nicht zu bedenken. Die Juden sollen in ihren heiligsten Gefühlen, in ihrem religiösen Leben verkümmert werden, oder die Glückseligkeit des Vegetarismus soll ihnen aufgedrängt werden, um nur die sogenannte Gleichheit als ewiges Dogma zu erhalten. Das heißt: lebendige Interessen, wirkliche Prinzipien einem leeren Worte opfern. Die jüdischen Bürger Haben ein Anrecht darauf, ihr religiöses Leben nach ihren Grundsätzen und nach der Stimme ihres Gewissens auszubauen, und sie haben gewiß, wie jeder andere Bürger, auch das Recht auf Fleischgenuß. Wenn sie also erklären, daß sie nur geschachtetes Fleisch essen dürfen, so sit es die Pflicht eines jeden rechtdenkenden Menschen, ihnen das zu gestatten. Daß dieses Schächten eine Tierquälerei bedeutet, ist von den größten Autoritäten längst bestritten worden. Aber selbst, wenn damit eine Tierquälerei verbunden wäre, so steht uns doch der Mensch näher als das' Tier und, ganz ohne Tierquälerei wird man im Leben ja gar nicht fertig. Glaubt man, daß der Rennsport oder gar die Treibjagd keine Quälerei ist? Solange man nicht das Prinzip aufstellt, daß man nicht das Recht hat, das Tier zu töten oder auch nur es zu schwerer Arbeit dienstbar zu machen, solange darf män den Juden vernünftiger Weife das Schächten nicht verbieten. Das ist so klar, daß nur noch antisemitische Gehirne das nicht begreifen können. Die ganze Religionsfreiheit wird ja zur .teeren Phrase, wenn man sie durch die Tat unmöglich macht. In Nürnberg wird dahin gestrebt, daß solchen Engrosgeschäften, die am Sabbat geschlossen sind, gestattet werde, ihre jüdischen Angestellten in geschlossenen Räumen einige Stunden am Sonntag beschäftigen zu dürfen. Und — Sozialisten bekämpften diesen Antrag! Wohl gemerkt, es handelt sich um jüdische junge Leute, für die das Prinzip der Sonntagsheiligung nicht in Betracht kommt. Sie haben anderthalb Tage in der Woche frei und sind also viel besser daran, als die Angestellten in anderen Geschäften. Die Geschäfte sind während dieser Stunden für Kunden geschlossen, so daß die Konkurrenz nicht darunter leidet. Wer also hat ein gerechtes Interesse daran, diesen Geschäften, die durch die Sabbatfeier an sich schon schwer leiden, das Leben Noch sauerer zu machen? Aber die heilige Schablone gebietet, daß keine Ausnahme gemacht wird. Lieber sollen diese Geschäfte zugrunde gehen, wenn nur das Prinzip gerettet ist. Daß das Prinzip hier ein leeres Wort ist und in Widerspruch zur wahren Freiheit steht, das scheint man nicht einsehen zu wollen. Das ist aber nicht bloß eine lächerliche Prinzipienreiterei, der Grund liegt tiefer. Alte Atavismen können durch Programme nur für kurze Zeit mühsam in Zaum gehalten werden, zu ihrer Ueberwindung gehört eine innere Kultur und nicht bloß schöne Schlagworte. Die Abneigung gegen das jüdische Element scheint in vielen Herzen trotz aller schön klingenden Sprüche latent noch zu bleiben, und sie kommt hie und da zum Vorschein und versteckt sich hinter falsch verstandene Prinzipien. So lange die Bestie in der menschlichen. Brust nicht getötet ist, helfen eben alle Programme nicht. Es kommt noch hinzu, daß das Wort Kapitalismus für manchen Sozialdemokraten das rote Tuch ist, und daß man gar zu häufig zu der Lächerlichkeit hinneigt, in den meisten Juden Kapitalisten zu sehen, die man also zu hasftn? prinzipiell verpflichtet ist.. Der sozialdemokratische Arbeiter ist tolerant gegen den jüdischen Proletarier, den jüdischen Kapitalisten aber haßt er mit einem doppelten Haß, und er bedenkt gar nicht, daß das Geld sehr interkonfessionell ist, und daß seine Macht die gleiche bleibt, ob es in jüdischen oder christlichen Händen ruht. So wurmt das Vorurteil weiter, und bei gewissen Gelegenheiten kommt es zum Ausdruck. - Es war zweifellos ein Glück, daß die Sozialdemokratie als Gegengift gegen den wildtobenden Antisemitismus der achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vorhanden gewesen ist. Die Bewegung wäre gewiß noch viel gefährlicher geworden, wenn die großen Arbeitermasfen mit ihren ungeläuterten Instinkten und ihren nebelhaften sozialen Begriffen ins Lager der Antisemiten gegangen wären. Aber ein großer Teil der Arbeiterschaft war auch unter der roten Fahne nie ganz frei von Vorurteilen und niedrigen Leidenschaften, und es gab auch Führer, die von Hause aus antisemitisch angehaucht waren. Daß die Arbeiter im großen und ganzen vom praktischen Antisemitismus sich fern hielten, war vielleicht weniger das Verdienst des Programms, als der Opferfreudigkeit Paul Singers. Singer wurde in der Tat von den Arbeitern wie ein Bruder geliebt, und man schämte sich seinetwegen, antisemitisch zu erscheinen. Es ist aber schwach bestellt mit einer Hoffnung, die auf den Schultern eines Mannes ruht, und die Gefahr ist nicht ausgeschlossen, daß sich auch in der Sozialdemokratie eine antisemitische Strömung in irgend einer Form zeigen könnte. Und die Moral der Geschichte ist, daß die Juden jeder Bewegung große Dienste leisten und nachher sehr selten Dank ernten. Auf der einen Seite werden uns die Sünden aller linken Parteien in die Schuhe geschoben, und auf der anderen Seite finden wir nirgend wahren Schutz, weil die Instinkte oft stärker als die Theorien sind. So bleibt uns nichts übrig, als unsere Stärke in unseren eigenen Reihen zu suchen und unsere Interessen als Juden und Bürger mit Würde und Vernunft zu verteidigen. München. Fabius Schach. klinkt und Nrljgimi. Von Kreisrabbiner Dr. Max Beermann-Insterburg. ie vertriebene Hagar. Im Antlitz die Runen des Leistes. Die Augen schwermutverhangen. Die Hände weich und lind um ihren durstenden Knaben geschlungen. Ein Bild sinnender und sorgender Mutterliebe. Der Knabe blickt fröhlich, wie Dankes Seligkeit liegt's über seinem Gesichte. Denn er sieht schon den Engel, der ihm weist den sprudelnden Quell... Wie eine Allegorie mutet mich das Gemälde an. Der Engel ist die Religion. Sie zeigt dem Künstler den labenden Born. Wahre Kunst ist eine Gottesoffenbarung. Ln zajar kelohenu. Unser Gott ist der größte Künstler. Was ist Kunst ohne Gott? Ein wilder Gefühlsraufch, da des Dichters Wort gilt: „Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut." Wehe, wenn sich ihm der Willensschwäche preisgibt. Da steht der schönheitsselige Schwärmer vor uns, von genialer Dichterhand gestaltet, er verführt ein unschuldiges Mädchen, bringt ihrer Mutter und ihrem Bruder den Tod, stürzt die Geliebte in Schande und Verderben, vernichtet das Glück einer ganzen Familie. Wo kein Sittengesetz mehr majestätisch gebietet, wo erlaubt ist, was gefällt, da wird des unsichtbaren Geisterchors geheimnisvolle Weise Wahrheit:

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