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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-08-06 · Heft 32 (6.8.1909) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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vierzehn Tage später durch den unerbittlichen Tod uns auf ewig entrissenwerden würde. .. . Am schmerzlichsten trifft dieser Verlust den Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Dr^ Karpeles hat ihn seit seinem Bestehen, seit Januar 1892,- mit vollster Aufopferung und liebender Hingabe geleitet. Der Verein wuchs und blühte unter Dr. Karpeles zielbewußter und umsichtiger Führung- und oft genug hat er es mir geschrieben, daß ihm das 'Gedeihen dieses Vereins die größte Freude und Befriedigung bereite. Nicht nur die Zahl der Mitglieder nahm alljährlich zu» sie beträgt heute über 1300, sondern auch die Wirksamkeit des Vereins ist von Jahr zu Jahr gewachsen. Die Vorträge waren stets von 600 bis 800. Mitgliedern besucht, und. es war für diese immer ein Fest, wenn Dr. Karpeles sprach. Er verstand es meisterhaft, seine Zuhörer hinzureißen, seine Worte entströmten einem vollen Herzen und fanden stets den herz? lichsten Widerhall. Er wußte seine Vorträge mit Geist und Witz zu würzen, er verlieh seinen Ausführungen einen unwiderstehlichen Reiz. Er sprach mit heller Begeisterung von seinem geliebten Judentum, von dessen glorreicher Geschichte und von -den herrlichen Schätzen der jüdischen Literatur. Er beherrschte dieses Gebiet unumschränkt, und es wird mir unvergessen bleiben, wie Dr. Karpeles an einem Vortragsabend, als der Redner nicht erschienen war, auf das Pult trat und unvorbereitet länger als eine Stunde zu den Zuhörern über jüdische Geschichte sprach. Je länger er sprach, desto begeisterter wurde er, und keiner der Zuhörer bedauerte es; daß der Redner des Abends verhindert gewesen war, den angekündigten Vortrag zu halten. Vor mir liegt das umfangreiche Verzeichnis der Vorträge, 'die Dr. Gustav Karpeles im Laufe der Jahre im Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur gehalten hat. Sie umfassen das ganze weite Gebiet der jüdischen Literatur, Gedenkreden auf Leopold Zunz, Samuel David Luzzattö und die Beziehungen zwischen Heine und dem Judentum. Die Haüptleistung Karpeles^ waren der Zyklus von sechs Vorträgen über die Geschichte der Juden sowie die Reihenfolge von drei Vorträgen über die Geschichte der Juden im XIX. Jahrhundert, die er in den beiden Wintern der Jahre 1898 und 1899 vor übervollem Hause hielt. Das Publikum folgte dem Redner mit wahrhafter Andacht und lauschte gespannt seinen geistreichen, interessanten Ausführungen. Dr. Gustav Karpeles beschränkte seine Tätigkeit nicht auf den Berliner Verein. Er war durchdrungen von der Ueberzeugung, daß es bei dem Andrängen der antisemitischen Strömung gegen unsere Glaubensgemeinschaft kein besseres Mittel gibt, als unsere Glaubensgenossen mit Stolz auf unsere ruhmreiche Geschichte zu erfüllen, und ihnen Kraft und Erhebung zu verleihen durch das Beispiel unserer tapferen Helden, die für ihren Glauben Gut.und Blut geopfert haben. D r. Karpeles zog selbst hinaus als Redner, und im Süden und Norden, im Osten und Westen unseres deutschen Vaterlandes hielt er — überall von dem Beifall seiner zahlreichen Verehrer begleitet — glänzende Vorträge über die Geschichte und Literatur unseres Volkes. Dr. Karpeles gründete auch den Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland und leitete diese Vereinigung. Mehr als 220 Vereine sind in Deutschland, zum größten Teil unter seiner Mitwirkung, ins Leben gerufen worden. Im Jahre 1898 gab Dr. Karpeles die Anregung, alljährlich ein Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur erscheinen zu lassen, und er selbst schrieb stets eine literarische Jahresrevue, die eine kritische Uebersicht enthielt über alles, was aus dem Gebiete der jüdischen Literatur im Laufe des Jahres erschienen war. Dr. Karpeles zog die bedeutendsten jüdischen Gelehrten zur Mitarbeit an dem Jahrbuch heran. Das Buch eroberte sich die Gunst des Publikums in so hervorragendem Maße, daß zuletzt mehr als 7000 Exemplare rn jedem Jahre abgesetzt worden sind. Dr. Karpeles richtete Fortbildungskurse für jüdische Geschichte und Literatur ein, er beteiligte sich 1895 an der Begründung der jüdischen Lesehalle und Bibliothek und nahm an der Entwicklung und Förderung dieser segensreich wirkenden Institution den lebhaftesten Anteil. Noch nach vielen anderen Richtungen hin erstreckte Dr. Karpeles feine Wirksamkeit. Er hielt mit Vorliebe Vorträge in der B'ne Brith-Loge sowie im Akademischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur,. der ihn anläßlich seines 25 jährigen * Stiftungsfestes zum Ehrenmitglied ernannt hat. Auch der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums lieh Dr. Karpeles seine Kraft. Er war Mitglied des Vorstandes dieser Gesellschaft und veröffentlichte auf ihre Veranlassung die Vorträge und Aufsätze des unvergessenen Professors Dr. H. Steinthal, den er aufs höchste verehrte, und der in der Ehrenreihe nur wenige Schritte von ihm entfernt ruht. Allzufrüh ist uns unser lieber Freund Karpeles entrissen worden. Sein Tod hat eine unausfüllbare Lücke zurückgelassen, und mit seinen Freunden hat das deutsche Judentum an seinem Grabe zu klagen und zu trauern ob des. herben Verlustes, der es betroffen hat. Meinen von Wehmut erfüllten Empfindungen kann ich nicht besser Ausdruck geben, als mit den Worten, die Karpeles seinem verehrten Freunde, dem Professor Steinthal gewidmet hat: „Sein Andenken wird gesegnet bleiben in Israel, solange Israel selbst durch das Werk des Geistes und durch seine sittliche Aufgabe gesegnet bleibt. Sein Lebenswerk aber bleibt bestehen in der Menschheit, und von seinem Schaffen wird man noch reden in fernen Tagen! Die Seelsorge in der Berliner jüdischen Gemeinde.') Nummer 17 der ' „Allgemeinen Zeitung des Judentums" findet sich ein „Eska" Unterzeichneter Artikel (Seite 195 ff.), der die Aufmerksamkeit weiterer Kreise verdient. Der Schreiber bedauert, „daß unsere Rabbiner wenig Einfluß auf die Verwaltung der jüdischen Gemeinde Berlins haben". Er vermißt bei ihnen die energische, zielbewußte soziale Tätigkeit. Als Ursache und Entschuldigung führt er an, daß der Stellung der Rabbiner jene Höhe fehle, die dem Stande entsprechen würde. „Es fehlt ihnen und der jüdischen Gemeinde Berlins die seelsorgerische Tätigkeit überhaupt." Der Berliner jüdischen Gemeinde, der größten jüdischen Gemeinde des deutschen Vaterlandes, fehlt die seelsorgerische Tätigkeit! Das ist ein Vorwurf, so schwer, so ungeheuerlich, *) Wir haben diesem Aufsatz eines angesehenen deutschen Rabbiners bereitwillig Aufnahme gewährt, obwohl wir keineswegs mit allen Ausführungen desselben einverstanden sind. Das Parochial» system kann die geschilderten Verhältnisse auch nicht völlig ändern. Die Fehler und Mängel liegen im Wesen der Millionenstadt begründet und sind kaum abzustellen. Es ift auch nicht zutreffend^ daß es in den protestantischen Gemeinden in dieser Beziehung besser ist.; . Die Red.

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